Laut werden!

Demonstranten mit SDAJ-Fahne vor der Deutschen Bank

"Wir müssen auf die Straße gehen"


Das internationale Finanzkapital sieht sich dort angegriffen, wo sein Herz schlägt: mitten in New York, nahe der Wall Street. Die Protestbewegung, die sich dort gebildet hat, ist unorganisiert und spontan, aber geeint unter den Slogans "Besetzt die Wall Street" und "Wir sind die 99 Prozent". Gemessen an der Einwohnerzahl New Yorks sind es auch noch nicht viele, die im Zuccotti-Park campieren und den Kern der täglichen Protestaktionen bilden. Aber die von dort ausgehende Unruhe war groß genug, um die Herrschenden zu bewegen, den Unzufriedenen einen Denkzettel zu verpassen. Bei einer genehmigten Demonstration wurden die fast dreitausend Demonstranten von der Polizei in eine Falle gelockt und mehr als 700 von ihnen gefesselt.

Die Bewegung breitet sich trotz der Repression aus, die Funken der Wut und der Empörung sind nach Chicago, Washington, Philadelphia, Salt Lake City, sogar nach Anchorage in Alaska ... auf über 80 Städte der USA übergesprungen. Auch nach St. Louis, Missouri: Seit dem 7. Oktober protestiert die örtliche Kommunikationsgewerkschaft CWA zusammen mit den Aktivisten des lokalen Zweigs der Graswurzelbewegung "Occupy Wall Street" gegen die undemokratische und lebensvernichtende Macht der Banken. Mit Zelten, Schlafsäcken und einer Couch haben sie die Plätze vor zwei Niederlassungen der Bank of America besetzt und zum "Gebiet des Volkes" erklärt.

Bradley Harmon, Vorsitzende der Kommunikationsgewerkschaft in St. Louis, sprach aus, worum es hier geht: "Wir werden von den Banken ausgeblutet, die unsere Demokratie übernommen und unsere Wirtschaft für die arbeitende Bevölkerung ruiniert haben." Angefangen hatte es in St. Louis am 12. August, als rund 100 Studenten, Gewerkschafter und soziale Aktivisten Maßnahmen gegen die stark zunehmende Obdachlosigkeit in den USAgefordert hatten. Zugleich hatten sie verlangt, dass die Bank of America, eine der reichsten Banken des gesamten Landes - 10 Milliarden US-Dollar Profite! - gezwungen werden soll, Steuern zu zahlen. Derzeit zahlt die BOA keine Steuer.

So wundert es nicht, dass Kampfgeist, Energie und Protestwille der Demonstranten in St. Louis dem in anderen Städten nicht nachsteht, auch wenn die Bewegung dort noch nicht diese Breite gewonnen hat.

Bemerkenswert ist, dass viele, die in St. Louis auf die Straße gehen, sich vorher noch nie an sozialen Bewegungen beteiligt haben. Sie fühlen sich zum ersten Mal gehört, wenn sie sich in Vollversammlungen zu Wort melden und die juristischen und politischen Konsequenzen ihrer Entscheidung diskutieren, ihren Protest mit Besetzungen.

Bradley Harmon machte in einer Rede deutlich, dass die Wall Street, die Spekulationsbörse, der Kern des Übels sei. Seine Gewerkschaft, die Missouri State Workers´ Union (CWA-MSWU), vertritt die noch rund 7 000 staatlichen Angestellten in Missouri. Diese haben in den letzten Jahren massive Kündigungswellen wegen Haushaltseinsparungen erleben müssen - sowie die starken Einschnitte in die Finanzierung sozialer Projekte, die, so der Gewerkschaftsführer, nun mehr denn je gebraucht würden. Zugleich wiederholt er, was alle spüren: die Angestellten im öffentlichen Dienst sind deswegen die Opfer, "weil der Reichtum von unten nach oben verteilt wird - hin zu den wirtschaftlich Mächtigen, die unsere Demokratie zerstören". Er führt aus, warum die Motivation so groß ist: "Wenn man nicht mehr gehört wird, nicht mehr mitreden darf, nicht mehr mitverhandeln darf, muss man sich Gehör erzwingen. Und darum geht es jetzt."

Die Sozialaktivistin Annie Quain bringt die Bereitschaft auf den Punkt: "Ich habe eine kleine Stimme. Wir haben kleine Stimmen. Aber wenn wir unsere Stimmen vereinen, sind wir laut - und wir werden gehört. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet. Ich liebe dieses Land - aber das, was sie damit machen - ist falsch. Wir müssen auf die Straße gehen - wir müssen weiteren Menschen erklären, was passiert."

Foto: Uwe Koopmann