In der UZ vom 1. Juli gelesen

"Immer freundlich sein und die Tageszeit aufsagen"

Als Auffüllkraft bei einer Supermarktkette - Erlebnisse eines Langzeitarbeitslosen

Aufgrund meiner lang anhaltenden Arbeitslosigkeit sah ich mich gezwungen, eine Arbeitsstelle weit unterhalb meiner Qualifikation anzutreten. Und zwar die einer Auffüllkraft mit einem Gleitzonentarifvertrag bei einem Supermarkt in Köln. Kurz zusammengefasst war es eine Zumutung, gepaart mit Demütigung, Nichteinhaltung des Arbeitsvertrages, Verstoß gegen die Midi-Job-Regelung und eines beginnenden Mobbing.

Beim Vorstellungstermin fragte mich die junge Frau an der Information wer ich denn sei, ich entgegnete: "Ich habe einen Termin beim Hausleiter". "Was wollen sie denn, sich bewerben?" "Ja". Und das war für sie das Codewort: Hiermit war ich gebrandmarkt als werdende billige Aushilfskraft, weit unter ihrem Status. Und so musste ich einen Fragebogen ausfüllen. Aber nicht in einem uneinsehbaren Raum, sondern auf einer Ablage am "Schwarzen Brett", da wo die Kundschaft auch ihre Verpackung ablädt. Also versuchte ich mich so zu positionieren, das unberechtigtes Mitlesen erschwert wurde. Und dann wartete ich auf den Empfang durch den Hausleiter.

 

Aber der kam und kam nicht, so dass ich bei der schnippischen jungen Frau an der Info nachfragte. Es stellte sich heraus, dass sie mich überhaupt nicht angemeldet hatte! Also wieder warten. Bis mich dann die "Personalchefin" abholte. "Kommen sie bitte mit", befahl sie, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie legte mir den Arbeitsvertrag zur Unterschrift vor, neben vielen Unterschriften musste ich sogar signieren, dass ich ihre dienstliche Telefonnummer keinem weitergebe. Nachher stellte sich heraus, dass sie nicht so sehr "Personalchefin" war, sondern hauptsächlich im Lager Paletten zu stapeln hatte.

Nun ja, der Hausleiter behandelte mich anständig, wir regelten einige Dinge und er nannte mir die Stelle, an der ich mich am nächsten Tag um 5 Uhr zu melden hatte. Am Morgen des nächsten Tages öffnete mir der Wareneingangsleiter (jeder der länger als drei Monate da ist, ist irgendein ...leiter). "Da weiß ich ja gar nix von, warten sie." Vielleicht nach 20 Minuten, die ich da stehe, wie bestellt und nicht abgeholt, nähert sich eine vielleicht 21-jährige Frau, von der ich später erfahre, dass sie vor kurzem ihre Prüfung (wahrscheinlich als Kauffrau) abgelegt hat und nun Abteilungsleiterin ist. Sie flitzt mit mir durch den riesigen Laden und übergibt mich einer weiteren Mitarbeiterin. Hier soll ich verpackte Backwaren in die Regale füllen. Ohne jegliche Einführung! Wo ich meine Winterjacke lassen kann, wo die Sozialräume sind, wie die Zeiterfassung funktioniert, wer mein Vorgesetzter ist: All das erfahre ich von der Abteilungsleiterin nicht. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mal den Mund aufzumachen, denke ich und sage ihr, dass ich mich auch schon mal beschwere. Aber das war wohl mein Kardinalfehler, wie ich im Nachhinein erfahre.

So wie der Wareneingangsleiter und die Abteilungsleiterin ist auch meine Mitarbeiterin ziemlich müde und entsprechend ruppig ist auch ihre Einweisung. Aber andererseits gibt sie mir einen Ratschlag: "Immer freundlich sein und die Tageszeit aufsagen, denn es kommt auch schon mal ein Testeinkäufer". Ich halte mich dran.

Ein paar Tage später wird mir vom Hausleiter vorgehalten, dass ich unfreundlich zu den Mitarbeitern sei. Auf der zwei Tage darauf stattfindenden Mitarbeiter-Versammlung habe ich die anwesenden gefragt: Wen habe ich nicht gegrüßt? Die guckten sich gegenseitig fragend und erstaunt an und wussten von nichts. Es war für mich ein Triumph gegenüber dem anwesenden Hausleiter, zu sehen, dass das nur eine üble Nachrede war. Die weiteren Tage wurden durch widersprüchliche Arbeitsanweisungen oder durch nicht zu schaffende Arbeitsaufträge geprägt. Wenn du deine Palette nicht schaffst, musst du unbezahlt länger arbeiten. Und jeder der länger als drei Monate da war, konnte mir aufgrund seiner Warenkenntnisse Anweisungen erteilen. Ich war vogelfrei! Bis mir irgendwann mal der "Kragen platzte" und ich meiner "Lieblingsabteilungsleiterin" laut und deutlich meine Meinung sagte. Der in der Nähe arbeitende türkische Kollege tat nur so, als sei er in seine Arbeit vertieft, in Wirklichkeit schaute er zu uns herüber und freute sich über meine deutlichen Worte.

Nach Dienstschluss kam er mir im Pausenraum lachend entgegen, schlug seine Rechte gegen meine und lobte mich über alle Maßen: "Endlich mal jemand, der hier seinen Mund aufmacht. Der Abteilungsleiterin musste mal Bescheid gesagt werden." Es war der zweite Weihnachtstag und ich hatte Besuch von meinen Kindern. Diese Familienfeier musste ich aber schon um 18 Uhr beenden, denn der Dienstplan sah für mich (und weitere Kollegen) die Nachtschicht von 24 Uhr bis 5 Uhr vor. So richtig ruhen kann man aber nicht, da man sich gegen den Biorhythmus verhält. Und so zerknirscht begibt man sich dann durch die Nacht zur Arbeit. Na ja, hiermit verdiene ich mir wenigstens ein paar Euro, denke ich. Pünktlich, d. h. 10 Minuten vor Arbeitsbeginn an der Filiale angekommen, sehe ich zwei andere Kollegen, die frierend dastehen. "Warum geht ihr nicht hinein?" frage ich und bekomme zur Antwort, dass die Tür verschlossen ist. Wir warteten 20 Minuten, in denen ich von weiteren Schikanen erfahre. Da kein(e) Schichtleiter(in) erscheint, verständigen wir uns darauf nach Hause zu gehen. Und dafür habe ich meine Kinder sechs Stunden zuvor herausgeschmissen.

Ein paar Tage später bekam ich die Kündigung, persönlich übergeben durch die Palettenstaplerin, ... äh Personalchefin. Da mir im Endeffekt auch noch Lohn vorenthalten wurde, schaltete ich die Gewerkschaft ver.di ein, die regelte dann den Rest für mich.

Der Autor ist der Redaktion bekannt (wohnt in Köln und schilderte seine Erlebnisse bei "KAUFLAND")