Zur Debatte um den Leit­an­trag des DKP-Parteitages

Demo­kra­tie­ab­bau und das stra­te­gi­sche Gewicht von demo­kra­ti­schen Bewe­gun­gen in Pro­gramm und Leitantrag.

Demo­kra­tie muß stän­dig erkämpft wer­den. Hier ver­knüp­fen sich Akti­vi­tä­ten zur Ver­tei­di­gung der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie (etwa beim Thema Anti­fa­schis­mus) und demo­kra­ti­scher Rechte, wie sie im Grund­ge­setz nie­der­ge­legt sind, mit sol­chen, die schon auf eine sozia­lis­ti­sche Per­spek­tive ver­wei­sen, weil sie Fra­gen berüh­ren, die sich nur durch Ein­schrän­kung des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln beant­wor­ten lassen.

Als ers­tes möchte ich beim Thema Demo­kra­tie auf die Arbeit von Gewerk­schaf­ten hin­wei­sen und wie sie in die Gesell­schaft hin­ein­wir­ken. Ich meine damit nicht nur ihre Öffent­lich­keits­ar­beit bei Tarif­run­den. Bei­spiel Verdi. Als Kon­se­quenz auf die Tarif­aus­ein­an­der­set­zun­gen im öffent­li­chen Dienst im Früh­jahr 2012, als Verdi ent­ge­gen­ge­hal­ten wurde, die öffent­li­chen Haus­halte hät­ten kein Geld, hat die Gewerk­schaft die Steu­er­ge­setz­ge­bung mit einer Bünd­nis­ak­tion im Herbst 2012 zum Thema gemacht. Diese Aktion hieß Umfair­tei­len.
Ein wei­te­res pro­mi­nen­tes Bei­spiel ist die IG Metall, die im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber 20 000 Jugend­li­che mit der Losung „Revo­lu­tion Bil­dung“ mobi­li­sierte. Das erbrachte Erfah­run­gen, die Ein­gang in die gerade zurück­lie­gende Tarif­runde fan­den. Auch sonst sind wir froh, wenn sich die Gewerk­schaf­ten poli­tisch äußern, meis­tens ist es ja im Sinne von mehr Demo­kra­tie. Ihre vor­wie­gende Arbeit fin­det ohne­hin im stän­di­gen Rin­gen in Betriebs- und Per­so­nal­rä­ten statt, wo es darum geht, die Inter­es­sen der Kol­le­gen im Klein­krieg mit dem Unter­neh­mer zu wah­ren. Diese Arbeit ist ganz unspek­ta­ku­lär, aber wirk­sam. Wo wären wir ohne diese stän­dige Prä­senz von Gewerk­schaf­ten im Betrieb und Gesellschaft!

Wich­tig sind auch andere demo­kra­ti­sche Ver­tre­tungs­or­gane, etwa die ste­tige Arbeit von Stu­den­ten- und Schü­ler­ver­tre­tun­gen. Sie haben sich in den Bil­dungs­streiks vor sechs Jah­ren und danach her­vor­ra­gend enga­giert. Im Som­mer 2009 sind mehr als 270.000 Schü­ler und Stu­den­ten an dezen­tra­len Demons­tra­tio­nen für den unbe­schränk­ten Zugang zur Bil­dung und die Demo­kra­ti­sie­rung von Schu­len und Hoch­schu­len auf die Straße gegan­gen. Im Herbst des­sel­ben Jah­res waren es noch ein­mal 85.000 Stu­die­rende und Schü­ler. Die Pro­teste der Schü­ler rich­te­ten sich gegen das drei­glied­rige Schul­sys­tem, G8, zu große Klas­sen und Kopf­no­ten. Ihre Aktio­nen hat­ten einen grö­ße­ren Umfang als den „Lucky Streik“ vom Dezem­ber 1997, der wie­derum der größte seit den sieb­zi­ger Jah­ren war, zum Teil wur­den die Hoch­schu­len meh­rere Wochen lang bestreikt. Am 27. Novem­ber 1997 ver­sam­mel­ten sich im Bon­ner Hof­gar­ten etwa 40.000 Teilnehmer.

Drit­tens möchte ich die Bewe­gun­gen gegen Maß­nah­men der EU nen­nen. Als ers­tes den Euro­päi­schen Bür­ger­ent­scheid „Was­ser ist Men­schen­recht“, Initia­tor war der Euro­päi­sche Gewerk­schafts­ver­band für den Öffent­li­chen Dienst (EGÖD), Ver.di ist die ihm ange­schlos­sene Gewerk­schaft. Es ging um die Ver­hin­de­rung einer euro­päi­schen Richt­li­nie, wel­che die Pri­va­ti­sie­rung der kom­mu­na­len Was­ser­ver­sor­ger mit­tels EU-Recht erzwin­gen wollte. 2013 wurde die not­wen­dige Zahl von Unter­schrif­ten, mehr als andert­halb Mil­lio­nen, erreicht und der Aus­schluss des Was­ser­sek­tors von der EU-Kon­zes­si­ons­richt­li­nie zuge­si­chert. Damit war ein wich­ti­ger Sieg im welt­wei­ten Kampf gegen die Was­ser­pri­va­ti­sie­rung errun­gen. Einige von Euch wer­den sich an den Ver­such der EU erin­nern, die Richt­li­nie Port Package II zum Zweck der Libe­ra­li­sie­rung der Hafen­dienste durch­zu­set­zen. Sie ist im Januar 2006 am Wider­stand der Hafen­ar­bei­ter­ge­werk­schaf­ten geschei­tert. Im sel­ben Jahr wur­den auch der Bol­ke­stein-Dienst­leis­tungs­richt­li­nie, die den Han­del mit Dienst­leis­tun­gen libe­ra­li­sie­ren sollte, durch euro­pa­weite Streiks und Demons­tra­tio­nen einige schlimme Zähne gezo­gen. Eine andere wirt­schaft­li­che Ent­schei­dung war die über Fis­kal­pakt und ESM. Hier gab es trotz viel­fäl­ti­ger Aktio­nen allen­falls eine Ver­zö­ge­rung durch das BVerfG. Aber auch der Kampf gegen TTIP gehört in diese Kate­go­rie, hier hat der Kampf schon ein ent­schei­den­des Niveau erreicht. Die Wirt­schafts­sei­ten von FAZ und ande­ren bür­ger­li­chen Zei­tun­gen jam­mern hörbar.

Vier­tens: Die Bewe­gung gegen die Abwäl­zung der Kri­sen­las­ten „Wir zah­len nicht für Eure Krise“ mit gro­ßen Demons­tra­tio­nen in den Jah­ren 2008 bis 2010. 

Fünf­tens: Bewe­gun­gen gegen Pri­va­ti­sie­rung, wir erin­nern uns an sol­che gegen Cross Bor­der Lea­sing, gegen PPP, die sich aus kom­mu­na­len Initia­ti­ven ent­wi­ckelte. Wer­ner Rüge­mer hat sei­ner­zeit mit sei­nen Arbei­ten ent­schei­dend zur Auf­klä­rung bei­getra­gen. Den Anfang mach­ten die Bür­ger von Kulm­bach mit einem Bür­ger­ent­scheid im Novem­ber 2002. Heute wer­den die Ver­träge nach Mög­lich­keit in aller Stille rückabgewickelt.

Sechs­tens: Gegen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, ACTA, Geheim­dienst­aus­for­schung, für infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mung. Ihr erin­nert Euch an die NSA-Affäre. Bis Mai 2013 war Edward Snow­den tech­ni­scher Mit­ar­bei­ter der US-ame­ri­ka­ni­schen Geheim­dienste CIA und NSA. Er über­mit­telte Infor­ma­tio­nen über US-ame­ri­ka­ni­sche Aus­for­schungs­pro­gramme. Am 9. Juni 2013 stellte sich Snow­den der Öffent­lich­keit in Hong­kong vor. Der FBI erwirkte dar­auf einen Haft­be­fehl wegen Spio­nage. Seit dem 1. August gewährt ihm Russ­land Asyl. Der His­to­ri­ker Fosche­poth schrieb zu den Kom­pe­ten­zen, die fremde Geheim­dienst bei uns haben: „Kon­kret bedeu­tet dies, dass sich die West­deut­schen ver­pflich­te­ten, sämt­li­che Infor­ma­tio­nen, die aus Grün­den der inne­ren Sicher­heit anfie­len, an die Ame­ri­ka­ner, Bri­ten und Fran­zo­sen wei­ter­zu­rei­chen. […]Dar­über hin­aus waren die west­li­chen Geheim­dienste jetzt befugt, Ein­zel­über­wa­chun­gen – soweit sie Fra­gen der inne­ren Sicher­heit betra­fen – über das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz, und all­ge­meine Über­wa­chun­gen – soweit sie Fra­gen der stra­te­gi­schen Sicher­heit betra­fen – über den Bun­des­nach­rich­ten­dienst zu bean­tra­gen und von den jeweils zustän­di­gen deut­schen Diens­ten durch­füh­ren zu las­sen.“ (Josef Fosche­poth, Über­wach­tes Deutsch­land. Post- und Tele­fon­über­wa­chung in der alten Bun­des­re­pu­blik, Göt­tin­gen 2012) Die Bewe­gung gegen alle mög­li­chen For­men elek­tro­ni­scher Über­wa­chung hat im Jahr 2006 zur Grün­dung der Pira­ten­par­tei geführt, die sich um eine demo­kra­ti­sche Netz­po­li­tik bemüht, ana­log zu den Grü­nen, die aus der Öko­lo­gie und Anti-Atom­kraft­be­we­gung her­vor­ge­gan­gen sind. 

Sieb­tens: Anläß­lich der Hava­rie von Fuku­shima vor genau 4 Jah­ren, schwol­len die Demons­tra­tio­nen gegen die Atom­kraft so an, daß Frau Mer­kel zur Ener­gie­wende gezwun­gen wurde. 

Ach­tens: Soziale Pro­bleme des Woh­nens und Mie­ter­kon­flikte wer­den in der Regel bei den ört­li­chen Mie­ter­ver­ei­nen depo­niert, gegen­wär­tig aber kom­men Mie­ter­initia­ti­ven dazu. Es ent­ste­hen mit neuen Kon­flik­ten auch neue demo­kra­ti­sche Initia­ti­ven gegen Zwangs­räu­mun­gen und gegen die Raub­züge der Immo­bi­lien- und Energiekonzerne.

Neun­tens: Auf dem Gebiet des Anti­fa­schis­mus gibt es eine lange Tra­di­tion in der Bun­des­re­pu­blik. Die Köl­ner erin­nern sich an die Demons­tra­tion vom 9. Novem­ber 1992 auf dem Offen­bach­platz, wo Kurt Bach­mann gespro­chen hat. 20 000 Men­schen. Arsch huh hat noch mehr Men­schen mit einem Kon­zert an die­sem Tag mobi­li­sie­ren kön­nen und sich einer Bewe­gung ange­schlos­sen, die für die Wah­rung des Asyl­rechts, gegen Gewalt gegen Flücht­linge wandte. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren mobi­li­sierte Pro Köln gegen den Moschee­bau, ver­suchte in den Jah­ren 2008 und 2009 ver­geb­lich, anti­is­la­mi­sche „Kon­gresse“ durch­zu­set­zen. Pro Köln schei­terte an der Gegen­be­we­gung.
Gene­rell gibt es in der Repu­blik nach wie vor ein schnell mobi­li­sier­ba­res anti­fa­schis­ti­sches Pro­test­po­ten­tial, daß in die­sem Win­ter bun­des­weit min­des­tens 200 000 Men­schen auf die Straße brachte, als ras­sis­ti­sche Initia­ti­ven wir Pegida und Kögida Stim­mung gegen den Islam machten. 

Zehn­tens: Die Frie­dens­be­we­gung ist unter­schied­lich mobi­li­sier­bar. Aber ihre Struk­tu­ren ste­hen parat. Ein Höhe­punkt war nach den acht­zi­ger Jah­ren, als es gegen die Sta­tio­nie­rung von Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten ging, der Januar 2003. Eine halbe Mil­lion Men­schen in Ber­lin, meh­rere Mil­lio­nen auf der Welt, allein in Europa woll­ten an einem Tag, wenn ich mich rich­tig erin­nere, 12 Mil­lio­nen Demons­tran­ten den Krieg gegen den Irak ver­hin­dern. Die Beun­ru­hi­gung über die Kriegs­ge­fahr, die von den Ereig­nis­sen in der Ukraine aus­geht, ist groß, hat aber noch nicht zu ent­spre­chen­den Mas­sen­ak­tio­nen geführt. 

Elf­tens: Die Krise und ihre Fol­gen hat aber auch schon zu einer Reihe von neuen Orga­ni­sa­tio­nen und Bewe­gungs­for­men geführt. Ich spre­che von Attac, den Sozi­al­fo­ren, Occupy mit sei­nen teil­weise sehr spon­ta­nen Mas­sen­ak­tio­nen, die an zwei Sams­ta­gen im Okto­ber 2011 allein in Köln meh­rere Tau­send Men­schen auf die Straße brach­ten, bun­des- und welt­weit Hunderttausende. 

In die­sen Bewe­gun­gen sind häu­fig die Gewerk­schaf­ten ver­tre­ten, manch­mal füh­ren sie sogar. Zu erwäh­nen sind ins­be­son­dere sol­che Aktio­nen, die sich euro­pa­weit gegen Maß­nah­men der EU wen­den. Wenn es um die Kri­sen­fol­gen geht und gegen Pri­va­ti­sie­rung sind die Gewerk­schaf­ten in der Regel dabei. Verdi war bei den Aktio­nen für Umfair­tei­len ent­schei­dend. Unter­schied­lich sind die Gewerk­schaf­ten in den neuen sozia­len Bewe­gun­gen ver­tre­ten.
Ganz all­ge­mein gespro­chen, haben wir es mit demo­kra­ti­schen Bewe­gun­gen zu tun, in die in unter­schied­li­chem Maß soziale Motive ein­flie­ßen. Vor unse­ren Augen spielt sich gerade in Grie­chen­land ein Lehr­stück über die herr­schende Gewalt ab. Ohne Rück­sicht auf die Lebens­in­ter­es­sen der Bevöl­ke­rung set­zen die Insti­tu­tio­nen des Finanz­ka­pi­tals durch, daß die grie­chi­schen Schul­den bedient wer­den. Das Finanz­ka­pi­tal müßte andern­falls befürch­ten, daß wei­tere Län­der Schul­den­schnitte durch­set­zen könnten. 

Tat­säch­lich geht es um die Frage der Demo­kra­tie. „Reak­tion auf der gan­zen Linie“, so kenn­zeich­nete schon Lenin die Poli­tik des Impe­ria­lis­mus (Lenin, Bd. 22, S. 302).
An ande­rer Stelle sagte er: „Wie der sieg­rei­che Sozia­lis­mus, der nicht die voll­stän­dige Demo­kra­tie ver­wirk­licht, unmög­lich ist, so kann das Pro­le­ta­riat, das den in jeder Hin­sicht kon­se­quen­ten, revo­lu­tio­nä­ren Kampf um die Demo­kra­tie nicht führt, sich nicht zum Siege über die Bour­geoi­sie vor­be­rei­ten.“ (Die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­tion und das Selbst­be­stim­mungs­recht der Natio­nen, Lenin, Bd. 22, S. 145)

Auf dem 20. Par­tei­tag waren wir uns in vie­len Fra­gen unei­nig. Aber in den „Ant­wor­ten der DKP auf die Krise“ gab es eine Reihe unstrit­ti­ger For­mu­lie­run­gen. Sie betref­fen ins­be­son­dere den Kampf um die Demo­kra­tie und sein stra­te­gi­sches Gewicht.
Bei­spiels­weise: „Die Ein­schrän­kung von poli­ti­schen Grund­rech­ten erle­ben Men­schen schon heute ganz kon­kret: bei betrieb­li­chen und gewerk­schaft­li­chen Kämp­fen, bei Streiks, bei Pro­tes­ten der ‚Empör­ten’ bzw. Occupy-Bewe­gung, bei anti­fa­schis­ti­schen Aktio­nen, bei Pro­tes­ten wie gegen ‚Stutt­gart 21’, im Wend­land, bei Aktio­nen gegen die Schlie­ßung und Pri­va­ti­sie­rung kom­mu­na­ler Ein­rich­tun­gen sowie indi­vi­du­ell – so bei der Dis­kri­mi­nie­rung am Arbeits­platz, bei Hartz-IV-Sank­tio­nen oder Ren­ten­kür­zun­gen in Ost­deutsch­land.“ […]
„Mit dem Fis­kal­pakt soll nun in EU-Europa die reak­tio­näre Poli­tik der Dere­gu­lie­rung, der Pri­va­ti­sie­rung, des Grund­rech­te­ab­baus beschleu­nigt und end­gül­tig fest­ge­schrie­ben wer­den.
Schon jetzt sind die Par­la­mente weit­ge­hend ent­mach­tet, natio­nale Sou­ve­rä­ni­tät wird ein­ge­schränkt. […]
All dies geschieht bei gleich­zei­ti­gem Aus­bau von Über­wa­chung, von Repres­sion und bei rigo­ro­sem Abbau grund­le­gen­der poli­ti­scher Bür­ger- und Frei­heits­rechte, demo­kra­ti­scher und sozia­ler Arbei­ter­rechte.“
„In fast ganz Europa wach­sen Pro­test und Wider­stand, gehen Men­schen gegen die Kri­sen­po­li­tik der Herr­schen­den, für die Ver­tei­di­gung sozia­ler und poli­ti­scher Rechte, aber auch zuneh­mend gegen Rechts­po­pu­lis­ten und Faschis­ten auf die Straße.
Die Arbei­ter­klasse ist in die­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen objek­tiv die ent­schei­dende Kraft. Im Pro­test wie zur Ver­än­de­rung der Ver­hält­nisse: Gene­ral­streiks der Gewerk­schaf­ten haben in Por­tu­gal, Spa­nien, Grie­chen­land Hun­dert­tau­sende, ja Mil­lio­nen auf die Straße gebracht. Der Euro­päi­sche Gewerk­schafts­bund macht – mehr als frü­her – mobil, aber noch immer sind gemein­same Kampf­ak­tio­nen und deren Ver­net­zung unge­nü­gend.“
„Bau­ern pro­tes­tie­ren gegen die Dik­tate der gro­ßen Nah­rungs­mit­tel­kon­zerne. ‚Empörte’, Mit­glie­der der Occupy-Bewe­gung, der Öko­lo­gie- und Anti-AKW-Bewe­gung, der Geg­ner von Flug­ha­fen­aus­bau und Nacht­flü­gen zei­gen ihren Pro­test gegen die Poli­tik der Herr­schen­den bei Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen, Blo­cka­den, Mahn­wa­chen. Die Demons­tra­tio­nen gegen ACTA, gegen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung zei­gen, wie inner­halb kur­zer Zeit – und unter Nut­zung moder­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel – eine Bewe­gung zur Ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie, gegen den Aus­bau des Sicher­heits­staa­tes ent­stan­den ist. Diese Bewe­gun­gen und Akti­vi­tä­ten ent­wi­ckeln sich rela­tiv spon­tan an ein­zel­nen Punk­ten, sind aber Aus­druck für die gewach­sene Sen­si­bi­li­tät für The­men des Demo­kra­tie­ab­baus.“
„Die DKP macht dar­auf auf­merk­sam, dass die Ver­tei­di­gung demo­kra­ti­scher Rechte gegen die Angriffe der Herr­schen­den eine zuneh­mend wich­tige Rolle spielt. Fried­rich Engels schrieb: ‚Selbst in dem äußers­ten Fall … wird der Arbei­ter­par­tei nichts übrig blei­ben, als die … Agi­ta­tion für bür­ger­li­che Frei­heit, Press­frei­heit, Ver­samm­lungs- und Ver­eins­recht … fort­zu­füh­ren. Ohne diese Frei­hei­ten kann sie selbst sich nicht frei bewe­gen; sie kämpft in die­sem Kampf für ihr eige­nes Lebens­ele­ment, für die Luft, die sie zum Atmen nötig hat.’(MEW, Bd. 16, S. 77)“

Unser Pro­gramm von 2006 hat die Frage nach der Demo­kra­tie vor dem Hin­ter­grund neuer Herr­schafts­for­men des Impe­ria­lis­mus erör­tert. Es heißt darin:

Der Staat wird zum Ver­wal­ter einer Poli­tik, die weit­ge­hend außer­halb sei­ner Sou­ve­rä­ni­tät beschlos­sen wird. Als Macht­in­stru­ment der Mono­pol­bour­geoi­sie setzt er immer unver­blüm­ter eine Poli­tik gegen die Inter­es­sen der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit durch. An die Stelle der sozia­len Inte­gra­tion tritt die Kon­fron­ta­tion. Der bür­ger­li­che Staat ver­liert ten­den­zi­ell seine Fähig­keit zur sozia­len und poli­ti­schen Ver­mitt­lung, weil die Basis für eine Orga­ni­sie­rung sta­bi­le­rer sozia­ler Kom­pro­misse, die grö­ßere Teile der Gesell­schaft ein­be­zie­hen, ver­lo­ren geht. So wird die bür­ger­li­che Demo­kra­tie aus­ge­höhlt und ver­liert ihren Inhalt. Bei Bei­be­hal­tung for­ma­ler Demo­kra­tie voll­zieht sich der Über­gang vom «Sozi­al­staat» zum auto­ri­tä­ren «Sicher­heits­staat».
Die Ten­denz des Impe­ria­lis­mus zur Reak­tion im Innern nimmt zu. In Deutsch­land fin­det das sei­nen Aus­druck in den Angrif­fen auf die sozia­len und demo­kra­ti­schen Errun­gen­schaf­ten der Arbei­ter­klasse. Mit Lohn­druck, Dere­gu­lie­rung und Fle­xi­bi­li­sie­rung, dem Schlei­fen der Sozi­al­sys­teme, dem Abbau der Tarif­au­to­no­mie und der Ein­schrän­kung der Gewerk­schafts­rechte soll der «Stand­ort Deutsch­land» für den mit der Glo­ba­li­sie­rung ver­schärf­ten Kon­kur­renz­kampf fit gemacht wer­den. Mit dem Aus­bau des Poli­zei­staa­tes und der Mög­lich­keit des Ein­sat­zes der Bun­des­wehr im Innern unter dem Vor­wand des «Kamp­fes gegen den Ter­ro­ris­mus» sol­len Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wer­den, jeden ernst­haf­ten Wider­stand gegen die sozi­al­re­ak­tio­näre Poli­tik und die Kriegs­po­li­tik zu unter­drü­cken. Die Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät ver­schärf­ter «Sicher­heits­ge­setze» wird kur­zer­hand durch ent­spre­chende Anpas­sung des Grund­ge­set­zes her­ge­stellt. Und für alle Fälle lie­gen die Not­stands­ge­setze in der Schub­lade. Zur Reak­tion im Innern gehört nicht zuletzt die Abschot­tung der «Fes­tung Europa» gegen wach­sende Kriegs- und Elends­flücht­lings­ströme als Folge der impe­ria­lis­ti­schen Globalisierung. 

Seit der Grün­dung der DKP steht Demo­kra­tie im Zen­trum unse­rer Stra­te­gie unse­res Kamp­fes um den Sozia­lis­mus. Der Esse­ner Grün­dungs­par­tei­tag der DKP am 12. und 13. April 1969 for­mu­lierte in sei­ner Grund­satz­er­klä­rung: „Der Weg zur Lösung der Lebens­fra­gen unse­res Vol­kes in Gegen­wart und Zukunft führt nur über die Ent­fal­tung der poli­ti­schen Akti­vi­tät und Selbst­tä­tig­keit der arbei­ten­den Mas­sen, über eine demo­kra­ti­sche Erneue­rung von Staat und Gesell­schaft. Demo­kra­ti­sche Erneue­rung bedeu­tet die Besei­ti­gung des Neo­na­zis­mus und die Been­di­gung der mili­tä­ri­schen Groß­macht­po­li­tik, die Ein­schrän­kung der Macht des Mono­pol­ka­pi­tals und ihre schließ­li­che Über­win­dung, die Umwand­lung der Bun­des­re­pu­blik in eine reale, fort­schritt­li­che Demo­kra­tie. Demo­kra­ti­sche Erneue­rung bedeu­tet die Durch­set­zung einer Poli­tik des Frie­dens und der Sicher­heit, die Aner­ken­nung der DDR, die Ver­tei­di­gung der demo­kra­ti­schen Rechte und die Auf­he­bung der Not­stands­ge­setze, den Kampf um die Erwei­te­rung und den Aus­bau der Demo­kra­tie, die Ver­wirk­li­chung demo­kra­ti­scher Mit­be­stim­mung und Kon­trolle, die Durch­set­zung sozia­ler Sicher­heit und bes­se­rer Lebens­ver­hält­nisse, die Erkämp­fung einer fort­schritt­li­chen Bil­dungs- und Kul­tur­po­li­tik.
Diese demo­kra­ti­sche Erneue­rung kann nur durch das Volk selbst errun­gen wer­den – in der gewerk­schaft­li­chen Akti­vi­tät, im sozia­len wie im poli­ti­schen Kampf, in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Aktion wie im Kampf um fort­schritt­li­che Ver­tre­tun­gen in den Par­la­men­ten. Die DKP erstrebt diese Umge­stal­tung auf der Basis der im Grund­ge­setz ver­kün­de­ten demo­kra­ti­schen Prin­zi­pien und Rechte…“ (wei­ter: Pro­to­koll des Esse­ner Par­tei­ta­ges, S. 226). 

Die The­sen des Düs­sel­dor­fer Par­tei­tags 1971 sag­ten: „Die Ver­tei­di­gung und Erwei­te­rung der demo­kra­ti­schen Rechte und Frei­hei­ten ist ein Grund­er­for­der­nis des erfolg­rei­chen Kamp­fes der Arbei­ter­klasse und aller demo­kra­ti­schen Kräfte“ (These 4)
„Des­halb ist die Poli­tik der DKP dar­auf gerich­tet, die Arbei­ter­klasse und andere anti­mo­no­po­lis­ti­sche Kräfte vom Kampf für ihre unmit­tel­ba­ren sozia­len und poli­ti­schen Inter­es­sen über das Rin­gen für grund­le­gende anti­mo­no­po­lis­ti­sche Umge­stal­tun­gen an die Erkennt­nis der Not­wen­dig­keit des Sozia­lis­mus und an die sozia­lis­ti­sche Umwäl­zung her­an­zu­füh­ren.“ (These 9)

1978 hieß es im Pro­gramm des Mann­hei­mer Par­tei­ta­ges: „Das drin­gendste Gebot der Zeit – das ist die ent­schlos­sene Ver­tei­di­gung der vom arbei­ten­den Volk durch­ge­setz­ten sozia­len und demo­kra­ti­schen Errun­gen­schaf­ten, das ist der aktive Kampf um die Erhal­tung des Frie­dens. Es geht darum, im Rin­gen um den Schutz des Erreich­ten die Kräfte zu sam­meln und zu ent­fal­ten für die Erwei­te­rung der sozia­len und demo­kra­ti­schen Rechte der Werk­tä­ti­gen, für die Zurück­drän­gung der Macht der Mono­pole. Es geht darum, das Kräf­te­ver­hält­nis zuguns­ten der Arbei­ter­klasse und der ande­ren demo­kra­ti­schen Kräfte zu ver­än­dern und eine Wende zu demo­kra­ti­schem und sozia­lem Fort­schritt herbeizuführen.“

Anne hat auf unse­rer Klau­sur in Thee­gar­ten an die stra­te­gi­schen Aus­sa­gen erin­nert, wie sie in unse­rem gül­ti­gen Par­tei­pro­gramm aus­ge­führt wer­den.
Unter der Über­schrift: Für eine Wende zu demo­kra­ti­schem und sozia­lem Fort­schritt heißt es dort:
„Unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen wer­den Abwehr­kämpfe im Zen­trum einer gan­zen Kampf­etappe ste­hen. Schon in die­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen wird es nur dann wirk­li­che Erfolge geben, wenn ein qua­li­ta­tiv neues Niveau bei der Mobi­li­sie­rung der Arbei­ter und Ange­stell­ten in den Betrie­ben und Ver­wal­tun­gen, der Erwerbs­lo­sen, der Rent­ner, aller von der Demon­tage sozia­ler und demo­kra­ti­scher Errun­gen­schaf­ten Betrof­fe­nen, wenn ein neuer Auf­schwung der Frie­dens­be­we­gung und ande­rer demo­kra­ti­scher Bewe­gun­gen erreicht wer­den kann. Zugleich kön­nen und müs­sen in den Kämp­fen um die Ver­tei­di­gung des Erreich­ten die Kräfte gesam­melt wer­den für fort­schritt­li­che Refor­men, für eine Wende zu demo­kra­ti­schem und sozia­lem Fort­schritt. Der Ver­net­zung der Kämpfe und Bewe­gun­gen über Län­der­gren­zen hin­weg kommt unter den Bedin­gun­gen der Glo­ba­li­sie­rung eine immer grö­ßere Bedeu­tung zu“ (Abschnitt IV)

„In der vor uns lie­gen­den Etappe kommt es dar­auf an, gesell­schaft­li­che Kräfte weit über die Linke hin­aus im Wider­stand gegen die neo­li­be­rale Poli­tik zu bün­deln. Alli­an­zen ver­schie­de­ner sozia­ler und gesell­schaft­li­cher Kräfte, die sich an ver­schie­de­nen Fra­gen immer wie­der neu bil­den und in denen die Arbei­ter­klasse die ent­schei­dende Kraft sein muss, sind die Vor­aus­set­zung, um die Rechts­ent­wick­lung und den neo­li­be­ra­len Umbau der Gesell­schaft zu stop­pen. Wenn aus die­sen Alli­an­zen sta­bile Bünd­nis­be­zie­hun­gen und ein fes­ter gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Block gegen den Neo­li­be­ra­lis­mus ent­wi­ckelt wird, dann kön­nen die gesell­schaft­li­chen Kräf­te­ver­hält­nisse so ver­än­dert wer­den, dass der Kampf um gesell­schaft­li­che Alter­na­ti­ven eine reale Per­spek­tive bekommt.
Die DKP hält es für mög­lich und not­wen­dig, dass im Ergeb­nis des anti­mo­no­po­lis­ti­schen Kamp­fes sol­che und andere anti­mo­no­po­lis­tisch-demo­kra­ti­sche Umge­stal­tun­gen durch­ge­setzt wer­den, die zur Zurück­drän­gung der All­macht des Mono­pol­ka­pi­tals und zur Erwei­te­rung der Ein­fluss­nahme der Arbei­ter­klasse und ihrer Ver­bün­de­ten füh­ren und so dazu bei­tra­gen kön­nen, den Weg für den wei­te­ren Kampf um den Sozia­lis­mus frei­zu­ma­chen. Der wesent­li­che Schritt muss die Über­füh­rung der Ban­ken und Ver­si­che­rungs­kon­zerne sowie der pro­duk­ti­ons- und markt­be­herr­schen­den Kon­zerne in ande­ren stra­te­gi­schen Wirt­schafts­be­rei­chen in demo­kra­tisch kon­trol­lier­tes öffent­li­ches Eigen­tum sein.“ 

„Die­ser Kampf kann in anti­mo­no­po­lis­ti­sche Über­gänge ein­mün­den.
Vor­aus­set­zung dafür ist, dass der anti­mo­no­po­lis­ti­sche Block über so viel außer­par­la­men­ta­ri­sche Kraft und par­la­men­ta­ri­schen Ein­fluss ver­fügt, dass er eine die gemein­sa­men Inter­es­sen ver­tre­tende Regie­rung bil­den kann. Gestützt auf starke außer­par­la­men­ta­ri­sche Bewe­gun­gen, die Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­be­we­gung und den Auf­bau einer neuen demo­kra­ti­schen Macht kön­nen tief grei­fende poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Umge­stal­tun­gen ein­ge­lei­tet wer­den, in deren Ergeb­nis die Macht des Mono­pol­ka­pi­tals gebro­chen wird.“ (Abschnitt IV)

Also: knapp zusam­men­ge­fasst wer­den fol­gende Etap­pen bzw. Über­gänge
beschrie­ben:
1. Sam­meln fort­schritt­li­cher und demo­kra­ti­scher Kräfte für eine Wende zum demo­kra­ti­schen und sozia­len Fort­schritt mit dem Ziel das Kräf­te­ver­hält­nis zu ver­schie­ben.
2. Bil­dung von Alli­an­zen und Sta­bi­li­sie­rung der Bünd­nis­be­zie­hun­gen.
3. Bil­dung eines fes­ten gesell­schaft­li­chen Blocks mit dem Ziel die Kräf­te­ver­hält­nisse so zu ver­schie­ben, dass gesell­schaft­li­che Alter­na­ti­ven eine reale Per­spek­tive bekom­men.
4. Anti­mo­no­po­lis­ti­scher Block mit tie­fer außer­par­la­men­ta­ri­scher und par­la­men­ta­ri­scher Ver­an­ke­rung und der Mög­lich­keit der Regie­rungs­bil­dung
5. Revo­lu­tio­nä­rer Bruch

Vor die­sem Hin­ter­grund ist der Gebrauchs­wert des Leit­an­trags dar­auf­hin zu unter­su­chen, was er zum Thema Demo­kra­tie und zum Kampf um Demo­kra­tie als Teil unse­res Kamp­fes um den Sozia­lis­mus in Erin­ne­rung ruft und aktua­li­siert. Was teilt er über die Auf­ga­ben von Kom­mu­nis­ten auf die­sem Kampf­feld mit? 

Es heißt da (Zeile 157–169) : „Gerade die Ein­ord­nung unse­rer aktu­el­len Kämpfe in eine Stra­te­gie des revo­lu­tio­nä­ren Bruchs mit dem Kapi­ta­lis­mus und die Suche nach Über­gän­gen zum Sozia­lis­mus sind unver­zicht­bar. Die Beach­tung der Dia­lek­tik von Reform und Revo­lu­tion unter­schei­det die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei von Orga­ni­sa­tio­nen, die auf soge­nannte „Refor­mal­ter­na­ti­ven“, „Trans­for­ma­ti­ons­kon­zepte” und „wirt­schafts­de­mo­kra­ti­sche Modelle“ ori­en­tie­ren, die die­sen Unter­schied ver­wi­schen. Kom­mu­nis­tin­nen und Kom­mu­nis­ten wis­sen um die Not­wen­dig­keit, aber auch um die Gren­zen von Refor­men im Kapi­ta­lis­mus. Sie wis­sen, dass es „grund­sätz­lich falsch ist, sich die gesetz­li­che Reform­ar­beit bloß als die in die Breite gezo­gene Revo­lu­tion und die Revo­lu­tion als die kon­den­sierte Reform vor­zu­stel­len”. (Rosa Luxem­burg) Die Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus setzt den revo­lu­tio­nä­ren Bruch vor­aus. Die DKP setzt sich zugleich in Reform­kämp­fen für die Gegen­warts­in­ter­es­sen der arbei­ten­den Men­schen ein. Es gibt für sie keine neben­säch­li­chen Fra­gen, wenn es um die heu­ti­gen Belange und Inter­es­sen der Arbei­ter­klasse geht. Der sprich­wört­li­che „Kampf um das Tee­was­ser“ in den Betrie­ben und in den Kom­mu­nen bleibt ein unver­zicht­ba­res Mar­ken­zei­chen kom­mu­nis­ti­scher Poli­tik.“
Dazu ist fol­gen­des zu sagen:
1. Das Revo­lu­tio­näre an der Revo­lu­tion ist nicht ihre Form, son­dern der Inhalt. Andern­falls gera­ten Stra­te­gie und Tak­tik zu Kraut und Rüben. Und das tun sie im Leit­an­trag.
2. Es wird nicht unter­schie­den zwi­schen poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und ideo­lo­gi­schen Kampf­fel­dern. Bei­spiel: im öko­no­mi­schen Kampf, etwa wenn die Gewerk­schaf­ten um den Preis der Ware Arbeits­kraft rin­gen, haben wir es mit Men­schen an unse­rer Seite zu tun, die sich auch ihre Gedan­ken machen, wenn wir Glück haben, aber in der Regel noch nicht den Sozia­lis­mus als poli­ti­sches Ziel favo­ri­sie­ren, son­dern noch unre­vo­lu­tio­när ihre Hoff­nung auf Ver­bes­se­run­gen set­zen, ohne das Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln in Frage zu stel­len. So eine Hoff­nung, wenn sie ent­wi­ckelt ist, heißt dann schon mal Refor­mal­ter­na­tive, Trans­for­ma­ti­ons­kon­zept oder Wirt­schafts­de­mo­kra­tie und über­sieht womög­lich die Macht­frage. Wir dür­fen sogar davon aus­ge­hen, daß sol­che merk­wür­di­gen Men­schen durch­aus enga­giert sind im Kampf um ihre öko­no­mi­schen Inter­es­sen. Wir soll­ten sie darin bestär­ken und unse­ren Ein­satz für die Belange der Klasse an ihrem Enga­ge­ment mes­sen. Im wünsch­ba­ren Erfolgs­fall, der viel­leicht sogar Ver­trauen schafft, kann man ja mal über wei­ter­ge­hende Ziele plau­dern. In dem Fall hät­ten wir es mit ideo­lo­gi­schem Kampf zu tun. So ent­steht die Chance, daß man uns zuhört, und der Kreis der für den Sozia­lis­mus Kämp­fen­den erwei­tert wird.
3. So eine Reform ist manch­mal ein ganz ver­track­tes Ding. Wir wol­len mal vor­aus­set­zen, daß sie den Arbei­ter­inter­es­sen dient. Gerne aber bleibt ihr Dop­pel­cha­rak­ter ver­bor­gen. Manch­mal ent­wi­ckelt sich die Reform. Ein und die­selbe ist mal so und mal so. Mal ist sie ein Kampf­ziel, mal uner­reich­bar, mal schafft sie Illu­sio­nen. Mal beru­higt sie, mal mobi­li­siert sie. Gegen­wär­tig kämp­fen wir für den Erhalt der Rente. Bis­marck bekämpfte sei­ner­zeit mit die­ser Reform die Sozi­al­de­mo­kra­ten.
Für Ade­nauer war die dyna­mi­sche Rente eine Waffe im Klas­sen­kampf. Jetzt hät­ten wir sie gern zurück.
Die Schü­ler haben die Kopf­no­ten weg­be­kom­men. Das hat sie beru­higt. Nun­mehr haben sie wenig Ver­an­las­sung, auf die Straße zu gehen.
Die Stu­di­en­ge­büh­ren sind abge­schafft. Ist jetzt alles in Ord­nung? Lei­der steht der Durch­griff der Kon­zerne und Ban­ken an den Hoch­schu­len und ihren Orga­nen nicht mehr auf der Pro­tes­tagenda der Stu­den­ten.
Darf uns der Sieg im Kampf gegen die Kon­zes­si­ons­richt­li­nie Was­ser beru­hi­gen?
Vor allem: In wel­cher Weise kommt der Kampf um Demo­kra­tie im Leit­an­trag vor?
4. „Wirt­schafts­de­mo­kra­ti­sche Modelle“ wer­den abfäl­lig erwähnt, weil sie den Unter­schied zwi­schen Reform und Revo­lu­tion ver­wi­schen wür­den. Das wür­den sie doch nur tun, wenn wir die­sen Unter­schied nicht mehr ken­nen und erklä­ren könn­ten.
Immer­hin wird im Leit­an­trag drei Mal von demo­kra­ti­schen Rech­ten gespro­chen und dabei fest­ge­stellt, daß es Angriffe auf sie gibt, daß sie abge­baut, außer Kraft gesetzt wer­den:
„Wesent­li­che Angriffe auf soziale und demo­kra­ti­sche Rechte, wie die Agenda 2010, wur­den durch die Gewerk­schaf­ten kaum bekämpft.“ (Z. 104105) – Da haben wir sie, die Schul­di­gen!
„Demo­kra­ti­sche Rechte wer­den abge­baut, poli­tisch Aktive bespit­zelt.“ (Z. 138139)
„Wäh­rend die Bour­geoi­sie wei­tere Schich­ten der Arbei­ter­klasse in die Armut treibt und soziale und demo­kra­ti­sche Rechte außer Kraft setzt, kana­li­sie­ren Neo­fa­schis­ten die berech­tigte Unzu­frie­den­heit und Wut mit ihrer sozia­len Dem­ago­gie.“ (Z. 345 f.)
Nur indi­rekt sind wir auf­ge­for­dert, uns für den Erhalt demo­kra­ti­scher Rechte ein­zu­set­zen. Das ist zu wenig. Der Kampf um Demo­kra­tie ist ein Grund­be­stand­teil unse­rer Stra­te­gie und sollte so auch im Leit­an­trag vorkommen.

Klaus, 10. März 2015