Das Recht auf Nahrung…

In Deutsch­land sind 1,5 Mil­lio­nen Men­schen auf „Tafeln“ angewiesen

Werbetafel: «Wir Kölner gegen Hunger».UZ, 11. März 2016. Das Recht auf Nah­rung ist Bestand­teil der Men­schen­rechts­er­klä­rung der UNO von 1948 (Arti­kel 25), aller­dings nicht der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­tion von 1953. Das liegt womög­lich daran, dass letz­tere für die Unter­zeich­ner­staa­ten, unter ihnen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, recht­lich ver­bind­lich ist. In der der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­tion klafft aber eine Lücke: es feh­len die sozia­len Men­schen­rechte. Folg­lich gibt es keine Ämter für Lebens­mit­tel­aus­gabe, die für die Ver­mei­dung von Hun­ger zustän­dig wären.
Das leis­ten statt­des­sen gemein­nüt­zige Ver­eine, soge­nannte Tafeln, deren frei­wil­lige und ehren­amt­li­che Hel­fer den Hun­ger bekämp­fen. Sie sam­meln Lebens­mit­tel, deren Min­dest­halt­bar­keits­da­tum abge­lau­fen oder knapp davor ist. Über­pro­duk­tion oder beschä­digte Ver­pa­ckun­gen füh­ren eben­falls zur Unver­käuf­lich­keit mit der Folge, dass sol­che Lebens­mit­tel an die Tafeln gege­ben wer­den. Ins­ge­samt kom­men da etwa 100 000 Ton­nen im Jahr zusam­men, immer noch nur ein Bruch­teil der Menge von Lebens­mit­teln, die im Müll lan­det. Die erste deut­sche Tafel ist bald nach der Wende in Ber­lin gegrün­det wor­den, als Grün­dungs­da­tum gilt der 22. Februar 1993. 1994 folg­ten Mün­chen, Neu­müns­ter und Ham­burg. 1995 waren es schon 35. Auch die Köl­ner Tafel wurde 1995 gegründet.

919 Tafeln gibt es gegen­wär­tig in der Repu­blik. Dass diese Zahl nur noch lang­sam wächst, liegt am Prin­zip des Gebiets­schut­zes. Die Tafeln haben ver­ein­bart, sich geo­gra­fisch keine Kon­kur­renz zu machen. Kurz, es gibt sie unter­des­sen über­all. Spen­der und Spon­so­ren sind Metro, Lidl, Rewe, Aldi, Edeka, Mer­ce­des und einige wei­tere Konzerne.

60 000 Hel­fer ver­sor­gen in annä­hernd 3000 Aus­ga­be­stel­len regel­mä­ßig mehr als 1,5 Mil­lio­nen bedürf­tige Per­so­nen mit Lebens­mit­teln – knapp ein Drit­tel davon waren im ver­gan­ge­nen Jahr Kin­der und Jugend­li­che. Auf­fäl­lig ist die Ent­wick­lung der Zah­len bei den Rent­nern. Die Menge der Rent­ner, die die Tafeln in Anspruch nimmt, hat sich inner­halb weni­ger Jahre mehr als ver­dop­pelt. Wäh­rend im Jahr 2007 etwa 12 Pro­zent der Tafel-Kun­den im nach­er­werbs­tä­ti­gen Alter waren, ist ihre Zahl laut aktu­el­ler Tafel-Umfrage auf knapp 24 Pro­zent ange­stie­gen. Jochen Brühl, Vor­sit­zen­der des Bun­des­ver­band Deut­sche Tafel e.V., am 10. Februar: „Etwa 360.000 Rent­ner suchen bereits jetzt Hilfe bei den Tafeln. Ent­wi­ckelt die Poli­tik keine Lösun­gen zur Bewäl­ti­gung der Alters­ar­mut, könn­ten in weni­gen Jah­ren weit über eine halbe Mil­lion ältere Men­schen auf die Unter­stüt­zung der Tafeln ange­wie­sen sein.“

Die wach­sende Armut ist kürz­lich von den Wohl­fahrts­ver­bän­den fest­ge­stellt wor­den. In die­ser Situa­tion wird mehr oder weni­ger sub­til von bür­ger­li­cher Seite auf die Flücht­linge ver­wie­sen. „Die Tafeln in Deutsch­land beob­ach­ten eine stark wach­sende Nach­frage von Flücht­lin­gen, die kos­ten­lose Lebens­mit­tel bei ihnen abho­len. Die hie­si­gen Bedürf­ti­gen frag­ten sich inzwi­schen, wer Vor­rang habe.“ (Die WELT 3. März 2016) Es komme „zu Span­nun­gen, weil nun auch ver­mehrt Migran­ten die Ein­rich­tun­gen auf­su­chen», wird Ernäh­rungs­so­zio­lo­gin Jana Rück­ert-John zitiert, Pro­fes­so­rin der Hoch­schule Fulda. Unter den Bedürf­ti­gen komme die Frage auf, wer Vor­rang bei der Ver­pfle­gung durch die Tafeln haben solle.
Am 3. März hatte der Bun­des­ver­band Ver­an­las­sung, die Falsch­mel­dung in den soge­nann­ten sozia­len Medien zu demen­tie­ren, Tafeln wür­den keine Deut­schen mehr, son­dern nur noch Flücht­linge unter­stüt­zen.
Tat­säch­lich ist es ganz anders. In der letz­ten Woche berich­tete der Köl­ner Stadt­an­zei­ger über die Zül­pi­cher Tafel: Strei­tig­kei­ten oder gar Fut­ter­neid zwi­schen deut­schen Tafel­kun­den und Migran­ten habe die zweite Vor­sit­zende, Erika Kold­ziej, noch nicht mit­be­kom­men. Die Inte­gra­tion der Zül­pi­cher Flücht­linge in die Römer­stadt ver­laufe „sehr gut“. „Pro­ble­ma­tisch sind eigent­lich nur die Sprach­bar­rie­ren“, sagen auch Uwe Birk und Theo Rath von der Eus­kir­che­ner Tafel.
Jochen Brühl, Bun­des­spre­cher der Tafeln, sagt: „Armut ist kein Kind der Flücht­lings­krise“ und beschwert sich über die For­de­rung eines CSU-MdB (es han­delt sich um Alex­an­der Hoff­mann), Flücht­lin­gen den Zugang zur Tafel zu ver­wei­gern. „Deut­sche Rent­ner also sind und blei­ben arm. Das ist nach Auf­fas­sung jenes CSU-Abge­ord­ne­ten zwar bedau­er­lich, aber nicht zu ändern. Denn wozu gibt es die Tafeln, die wer­den es schon rich­ten. End­sta­tion Tafel? Sol­che Äuße­run­gen zei­gen das wahre Gesicht derer, die Alters­ar­mut bewusst in Kauf neh­men, statt plan­voll eine Bes­se­rung her­bei­zu­füh­ren. Sie gie­ßen Öl ins Feuer derer, die gegen Flücht­linge het­zen.“
Die seit Jah­ren stei­gen­den Armuts­zah­len wür­den bele­gen, dass der Staat sich immer stär­ker aus der Armuts­ver­sor­gung und Armuts­be­kämp­fung zurück­ziehe. Nach über zehn Jah­ren Hartz IV habe sich die Lage eher ver­schärft. Brühl ver­langt armuts­feste Min­dest­ren­ten. Die Poli­tik dürfe sich nicht dar­auf aus­ru­hen, alte Men­schen bei den Tafeln gut auf­ge­ho­ben zu wis­sen. Und er klagt: „Dass Arbeit längst keine Garan­tie mehr für eine gesi­cherte Exis­tenz ist, ver­deut­licht die stei­gende Zahl der Men­schen, die sich trotz Arbeit unter­halb des Exis­tenz­mi­ni­mums bewe­gen und von den Tafeln unter­stützt wer­den. Trau­ri­ges Bei­spiel dafür ist die immer wei­ter stei­gende Zahl von Allein­er­zie­hen­den oder Stu­den­ten bei der Tafel.“

Die 80 ehren­amt­li­chen Hel­fern­nen und ‑hel­fer von der Köl­ner Tafel bewe­gen jähr­lich 1.200 Ton­nen an Lebens­mit­teln. Acht Kühl­trans­por­ter fah­ren werk­täg­lich von Roden­ki­chen eine Reihe von Super­märk­ten, Bäcke­reien und ande­ren Spen­dern an. Hier wer­den die bereit­ge­stell­ten Waren ein­ge­la­den und zu 180 Aus­ga­be­stel­len für Lebens­mit­tel und Mahl­zei­ten gebracht. Es han­delt sich um Kin­der- und Jugend­ein­rich­tun­gen in sozia­len Brenn­punk­ten, Not­schlaf­stel­len, Kon­takt- und Bera­tungs­stel­len für Men­schen in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen sowie Mut­ter-Kind-Wohn­heime.
Klaus Stein