
Am 8. März 2026 möchten wir anlässlich des Frauentages eine beinah vergessene Frau vorstellen, die erst mit Eugen Leviné, dem kommunistischen Revolutionär der Münchener Räterepublik, verheiratet war, nach seiner Hinrichtung, mit Ernst Meyer, dem Mitbegründer des Spartakusbundes und Vorsitzender der KP Deutschlands. Ihr bewegtes Leben (1890−1979) zeigt uns, wie aus einer hitzigen Anfängerin, eine erfahrene politische Analytikerin werden konnte. Aus eigener Erfahrung berichtet sie in ihren Büchern darüber, was Revolution konkret ist. Sie konnte deutlich zeigen, dass Revolution machbar ist, dass es nicht nur eine Idee im Kopf bleiben muss, sondern ein praktischer Kampf. So geschehen beispielsweise im Jahr 1918/1919 in den Räterepubliken Deutschlands, als es so richtig zur Sache ging, als auch im Scheitern der Revolution ein moralischer Sieg davongetragen werden konnte. Wie wichtig für uns Erinnerungen sind, Zeitzeugen dieser Ereignisse zu befragen (auch wenn sie nicht mehr leben), kann uns die Frau und Kämpferin Rosa Meyer-Leviné mit ihren hinterlassenen Schriften deutlich machen.
Welche Bedeutung hat sie? Antwort: Richtig aktiv wurde sie im Exil in England: In den ersten Jahren sprach sie in kommunistischen Zellen deutscher Emigranten in London, und in den sechziger Jahren hielt sie zweimal politische Vorlesungen in Oxford. In erster Linie aber war sie eine Quelle des privaten politischen Gedankenaustausches für Historiker und Politiker. Unter den Gästen, die zu Tee und Politik kamen, waren über Jahre hin Eric Hobsbawm, Hermann Weber und Isaak Deutscher. Darüber hinaus pflegte sie brieflich die Grundsatzdiskussion mit diesen Partnern, ebenso wie mit Herbert Marcuse (eine seiner Studentinnen war Angela Davis) und anderen. Weitere Linke, die von ihr hörten und mit ihr debattierten, waren unter anderen Rudi Dutschke, Erich Fried und Daniel Cohn-Bendit.
Ein Revolutionsbild
Bevor wir mehr über Rosa Meyer-Leviné hören, passt es gut, erst einmal ein Bild von der Revolution zu malen. Die Schauspielerin Tilla Durieux, die u.a. auch Rosa Luxemburgpersönlich kannte, war Zeugin der Revolution in München. Sie berichtet in ihren Memoiren:
„Am 16.Januar 1919 wurde Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in rohester Weise erschlagen. […]
Am 11.Februar 1919 fuhr ich mit der Straßenbahn ins Theater zur Probe von „Medea“, als ich bei dem Landtagsgebäude eine große Menschenansammlung bemerkte. Man schrie uns zu: ‚Eisner ist ermordet.‘ Eisner war vor dem Landtag ermordet worden, wo er im Auftrag des Ministerrats erklären wollte, dass das Gesamtministerium von seinen Ämtern zurücktrete, doch sei das Gesamtministerium bereit, die Geschäfte weiterzuführen, bis eine neue Regierung gebildet wäre. Eisner wurde von dem Grafen Arco-Valley niedergeschossen […] Nach einer Stunde wurde die unterbrochene Sitzung im Landtag wieder aufgenommen, und der Minister des Inneren, Auer, erhob sich, um den Mord an Eisner mit den schärfsten Worten zu verurteilen.“
Auch Auer wurde in die Brust geschossen. Daraufhin versammelten sich auf der Theresienwiese eine große Protestdemonstration und der Generalstreik wurde proklamiert.
„Nach Eisners Tod wurde sofort die Räterepublik konstituiert, neue Minister wurden ernannt, zum Beispiel Landauer zum Minister für Kultur und Unterricht. […]
München war von der Außenwelt abgeschnitten, von Norddeutschland her zogen langsam Truppen gegen die Stadt.“
Fakten zur Bayrischen Revolution 1919:
- Am 07.April 1919 wird die erste Räterepublik in München ausgerufen.
- Ab 13./14. April 1919 die zweite Räterepublik mit der Errichtung der Diktatur des Proletariats.
- Oberste Leitung der Räterepublik übernimmt als Vorsitzender des Aktionsausschusses und Vollzugsrates Eugen Leviné.
- Das Programm der zweiten Räterepublik:
- Aufruf des Vollzugsrates der Betriebs- und Soldatenräte
- Sturz der Regierungsgewalten
- Die Regierung Hoffmanns (SPD), der Landtag und die Verfassung hatten für die Kommunisten keine weitere Bedeutung mehr, da diese durch die Räterepublik tatsächlich aus der politischen Macht gelöst waren.
- Nach der Niederlage der Räterepublik wird Leviné wegen Hochverrat angeklagt und zum Tode verurteilt.
- Seine Hinrichtung erfolgte am 03.06.1919
Die junge russische Privatlehrerin – das altmodische Fräulein und die russ. Revolution von 1905
Um die vorangestellten Ereignisse nachzuvollziehen, erscheint es hilfreich, die Berichte von Rosa Meyer-Levinés über diese Geschehnisse zu lesen. Deutlich wird, dass politische Umbrüche nicht vom Himmel fallen, sondern von Menschen für oder gegen Menschen gemacht werden. Die Menschen in der Masse sind ein heikles Kalkül, das niemand, auch nicht die mächtigsten Herrscher unterschätzen dürfen, wenn sie im Kollektiv handeln. Manchmal passieren die Dinge doch, die man befürchtet und als Warnung rot an die Wand geschrieben hat.
1903
Eugen Leviné kommt mit 20 Jahren nach Heidelberg zum Studium. Hier dringt er in einen Kreis russischer Intellektueller ein, der mit ihm aufgeschlossen über revolutionäre Ideen spricht.
Unter diesem Einfluss wünschte er sich, gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen, sein Leben für die Unterdrückten einzusetzen wurde zu seinem Lebenstraum.
1910
Zum ersten Mal begegnen sich Rosa Broido und Eugen Leviné im Frühjahr 1910 in Heidelberg. Diese Stadt war immer noch voll von russischen Revolutionären.
Rosa Broido kam von Russland, wo sie als Privatlehrerin lebte, nach Deutschland, um Deutsch zu lernen. Mit einer zweiten Sprache hoffte sie, sich später in Russland als Gouvernante oder mit Privatstunden besser durchschlagen zu können. Sie sah in Heidelberg die Möglichkeit, in eine alte, romantische Welt zu entfliehen.
Wie kam es zu diesem Wunsch? Dabei müssen wir den Blick auf Russland im Jahr 1905 richten: Die Atmosphäre in Russland war nach der missglückten Revolution von 1905 völlig verändert. Rosa fühlte sich in Russland nicht mehr wohl. „Jeder wollte plötzlich originell sein, etwas Besonderes, ein ‚Übermensch‘. Auch war viel von ‚freier Liebe‘ die Rede. Zum ersten Mal wagte man, offen von nacktem Sex zu sprechen. Ein progressives Mädchen durfte nun keine Annäherung mehr abweisen, ohne zu erklären, warum. Die Provinzler begnügten sich mit einfachen Küssen, aber die Studenten aus den Hauptstädten, die ihren Urlaub in Rosas Gegend verbrachten, waren nicht so bescheiden und ließen sich nicht leicht abweisen. ‚Sind Sie so altmodisch, Fräulein?‘ “
Als eines der wenigen Mädchen der sehr großen russischen Kolonie männlicher Intellektueller in Heidelberg war Rosa sehr gefragt.
Schon 1911 muss Rosa zurück nach Russland.
Im Jahr 1912 trifft sie den 22 Jahre älteren Olgin (linker Schriftsteller) in Wilna wieder, mit dem sie in Heidelberg liiert war. Über diese Beziehung sagt sie: „Es stimmt nicht, dass man sich nur für Geld verkauft. Was mir Olgin bot, genügte vollauf, um seine Freundin zu werden. Es war aber keine glückliche Bindung“ (S.9)
Da Olgin von der Polizei gesucht wurde, flieht er nach Wien. Rosa folgt ihm nach Wien als Mitglied einer hebräischen Theatergruppe.
In Wien zieht sie wieder mit Olgin zusammen, der ihr Theaterrollen an zwei Wiener Theatern vermittelt an der Volksbühne und an der Neuen Wiener Bühne.
1914
Am ersten Kriegstag trifft Rosa in Heidelberg wieder mit Eugen Leviné zusammen. Sie berichtet: „Er war kaum wieder zu erkennen. In seinem Aussehen war nichts mehr von dem einstigen revolutionären Märtyrer. Er sah bürgerlich und konventionell aus. Auch war ich enttäuscht, weil ich ihm offensichtlich gut gefiel. Ich litt sehr unter meinen Beziehungen mit Olgin und war mit mir sehr unzufrieden. Aber meine Gefühle für Ihn (Leviné) hatten sich nicht geändert. Ich fragte mich nicht einmal, ob ich ihn liebte, ich gehörte einfach zu ihm.“
Aus der altmodischen Träumerin, wird jetzt eine junge Frau, die sich ihren Lebenspartner selbst wählen möchte, anstatt genommen zu werden. Sie bemüht sich um Leviné, oft kommen sie zusammen: „Ich war aber nicht mehr das junge Mädchen von früher, und er konnte mein Verhalten nicht verstehen. Ich erzählte ihm von Olgin und auch, dass wir uns getrennt hätten. Nichts also stand im Wege. Er warf mir vor, dass ich mit ihm kokettiere (d. h. sie war die Werbende), und war sehr ärgerlich. Wir stritten uns, wanderten aber jeden Tag in den Bergen, Hand in Hand und oft vor einem überwältigenden Gefühl der Zusammengehörigkeit.“
Lektion über das Geld: über das „Fußvolk“ der Partei – die arme Arbeiterin
Beim Näherkennenlernen sprach Leviné viel über seine Arbeit, seine Ideen und Pläne. Dabei erwähnte er einmal eine sparsame Sozialistin, die zum Fußvolk der Partei gehörte. Rosa kritisierte Leviné, der sich zu viel mit dem „Fußvolk“ der Partei abgab, da er doch zu den Intellektuellen gehöre. Auch äußert sie ihm gegenüber ihr Unbehagen über Sozialisten, die sich zu viele Gedanken über das Geld machen, denn Geld sollte doch im Sozialismus keine Rolle mehr spielen.
Daraufhin hält Leviné Rosa einen langen Vortrag über das Leben der Lohnabhängigen, die nichts besaßen als die eigene Arbeitskraft: „Sie wurden arbeitslos, versetzten alles, was sie besaßen, bis hinunter zum letzten guten Kleidungsstück und konnten sich nicht einmal mehr um neue Arbeit bewerben. Sie sinken Stufe zu Stufe und werden schließlich zu Vagabunden. Ersparnisse wurden auf diesem Hintergrund zum Symbol von Würde und Unabhängigkeit – das hatte nichts mit primitiver Geldgier zu tun. Der revolutionäre Wert dieser Leute, erklärte er mir, läge darin, dass sie revolutionäre Ideen verbreiteten und den Boden für künftige Kämpfe bereiten.“
Im Gegensatz dazu, sagt Leviné, dass es leichter sei, Tausende von Arbeitern zu bekehren als einen wohlmeinenden Intellektuellen.
Lektion über soziale Isolation: Standesdenken – die reiche Frau des Großbürgertums
Levinés Mutter, eine wohlhabende Frau aus dem russischen Großbürgertum, lebte auch in Heidelberg. Rosas Beziehung zu Olgin hatten sich bis zu ihr herumgesprochen. Die Ehe mit Leviné genügte ihr nicht, aus einer „Gefallenen“ einen ebenbürtigen Menschen zu machen. Levinés Mutter verbot all ihren Freunden (in Heidelberg) und Verwandten, Rosa zu empfangen. Dieser soziale Feldzug in Heidelberg machte Rosa zur Ausgestoßenen.
Ihre soziale Isolation verhärtete sich noch, als auch in ihrer Ehe mit Leviné – sie heirateten 1915 – Schwierigkeiten auftraten, sie stritten oft. Eine markante Eigenschaft Levinés war es, sich eine Technik des Streitens zu eigen zu machen: „(…) mit ungerechten, verletzenden Worten, um sich zu werfen und den Streit auch dann noch fortzusetzen, wenn der Anlass dazu längst vergessen war.“
Einerseits war er bereit, sich um seine persönlichen Dinge selbst zu kümmern, andererseits teilte er seiner Frau ihre Aufgaben zu, sich nicht nur um den Haushalt zu kümmern, sondern auch für ihn zu sorgen, z.B. seine vernachlässigte Kleidung zu säubern. Sprach sie ihn auf eheliche Widersprüche an, z.B. als Frau nicht als Hausmütterchen klein gehalten, sondern als fortschrittliche Frau und Mutter anerkannt zu werden, war das gefährlich, denn Ermahnungen erinnerten ihn an seine Mutter, worauf er allergisch reagierte.
„Ich habe meine eigenen Vorstellungen von Ehe“- die Lektionen haben etwas bewirkt
Dass sich eine Ehe so entwickelt, dass sie vom Gatten erklärt bekommt, wo die Fettnäpfchen stehen und wo Zustimmung abzuholen sei, ein Leben mit Lehrgang und viel Streit, entsprach nicht Rosas Vorstellung von ehelichem Glück.
1916
Leviné wurde im 1 Weltkrieg als eingebürgerter deutscher Staatsbürger von der deutschen Armee gemustert, als kriegstauglich in die Kaserne nahe Heidelberg einberufen, aber nicht an die Front geschickt. Am 21.Juni 1916 kommt ihr Sohn Genja zu Welt.
Sie wollte das Kind nicht, wollte abtreiben, Leviné gestattete das nicht. Bald schon musste das Kind zu Pflegeeltern gegeben und die Wohnung häufig gewechselt werden, kaum Geld zum Leben, sozialer Abstieg. Rosa arbeitet als Buchhalterin, wird aber schon bald wieder gekündigt, da ihr ein schwerer Gegenstand auf den Kopf gefallen ist. Die Verletzung machte sie für längere Zeit arbeitsunfähig. Um eine neue Stellung zu finden, muss Rosa von Heidelberg nach Berlin ziehen, das Kind wird ins Heim gegeben.
1918
In Berlin wird alles besser. Sie findet Arbeit, eine Wohnung, ein Mädchen, das sich um das Kind kümmert. Der Grund für die deutliche Verbesserung ihrer Lebenslage ist, dass Eugen Leviné ab Frühjahr 1918 als Mitglied der Sozialrevolutionären Partei für die Botschaft der neuen sowjetischen Regierung arbeitet.
Die Unabhängigkeit der Frau – wenn die sparsame Arbeiterin ein Symbol von Würde und Unabhängigkeit ist
Rosa überlegt, wie sie ihre schwierige Ehe retten kann. Dafür muss sie von Leviné unabhängiger werden. Diese Unabhängigkeit, hat sie einmal von Leviné gelernt, erlangt sie, wenn sie sich selbst ihr Geld verdient. Ihr wird eine Stellung als Dolmetscherin in der Ukraine angeboten. Die Stellung wird gut bezahlt und ihre Bewerbung wird von den Deutschen angenommen. Ihr ist egal, dass die Deutschen die Ukraine besetzt haben. Rosa war davon überzeugt, dass es auch für das Kind besser wäre, wenn seine Mutter Geld verdient. „Solch eine Mutter sei besser als eine Mutter, die sich nicht richtig um ihr Kind kümmern könnte.“
Leviné war davon natürlich nicht überwältigt, er ließ nichts unversucht, um Rosa von der Reise nach Kiew abzuhalten. Ihr Drang nach Unabhängigkeit war größer. Sie fuhr ohne Ihr Kind nach Kiew und arbeitete dort für zwei Monate auf der Seite der deutschen Besatzer. Unversöhnt trennen sich die Eheleute. Rosa schreibt: „Ich muss stark sein.“
In Kiew erkennt sie sehr schnell, dass sie auf der Seite der Ausplünderer steht: „Die Deutschen führten sich wie arrogante Sieger auf und nicht wie zu Hilfe gerufene Verbündete. (…) Es war nicht sehr erhebend, zu ihnen zu gehören.“ Nach zwei Monaten als Dolmetscherin wird sie von jemanden als Bolschewistin denunziert. „Ich wurde fristlos entlassen und ausgewiesen. Jetzt war ich wieder da, wo ich angefangen hatte. Leviné holte mich vom Bahnhof ab, strahlend und mit einem riesigen Blumenstrauß.“
Ihre berufliche Niederlage verbessert die Stimmung in ihrer Ehe nicht. Einerseits wuchs ihr Verständnis für Levinés politische Arbeit, denn mehr und mehr verstand sie davon, und war von seiner Arbeit regelrecht begeistert. Aber dem privaten Leviné entfremdete sie sich: „Denn seine Persönlichkeit schien sich in zwei verschiedene Richtungen zu bewegen.“
Die Frau und politische Bildung
In dieser Zeit lernt Rosa viel, vor allem in politischer Hinsicht entwickelt sie ihre Persönlichkeit weiter. Beeinflusst von Levinés aktiver politischer Tätigkeit wird aus der politischen Anfängerin und Träumerin eine überzeugte Kommunistin.
„Wie alle anderen ertappte ich mich dabei, wie ich an seinen Lippen hing. Die zwingende Logik seiner Argumente und seine natürliche Autorität taten das übrige. Wir vergaßen alle unsere Vorurteile und waren glücklich, ihm nachzufolgen, auf seiner Seite zu stehen. Er aber versuchte nicht, uns zu ‚bearbeiten‘ oder seinen Einfluss zu missbrauchen. Er appellierte vielmehr an unsere Vernunft, an unseren gesunden Menschenverstand und sprach gerade damit aus, was wir im Grunde alle wollten. Er gab uns das Gefühl: Ganz klar, so habe ich ja schon immer gedacht, wie einfach!“
16.12.1918
Eine schwere Grippewelle geht in Deutschland um. „Die Menschen sterben wie Fliegen an der wild um sich greifenden Epidemie – jetzt war aller Wahrscheinlichkeit nach die Reihe an mir.“ Mitten im Revolutionssturm in Berlin bemüht sich Leviné, für seine kranke Frau einen der seltenen Krankenwagen zu besorgen, der sie ins Krankenhaus bringt. Eigentlich ist Leviné an der Seite von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sehr mit dem politischen Umbruch Deutschlands beschäftigt, besucht viele Versammlungen, hält Reden. Da bleibt wenig Zeit für Krankenbesuche und Privates. In Rosas Augen zeigt sich wieder, wie schwer die Ehe aufrecht zu halten ist.
Sie war in diesen politisch sehr angespannten Zeiten bemüht, geistig und kämpferisch mitzuhalten, aber:
„Er schätzte mein Urteil, behandelte mich dennoch wie ein altkluges Kind. Und dabei blieb es bis an sein Ende.“
Hoffnung hatte sie wohl, nicht nur an den privaten, sondern auch an den politischen Leviné heranzukommen „Die Zeit war ihm nicht mehr vergönnt, sich meiner politischen Wandlung anzupassen, die nichtsdestotrotz fundiert war.“
Auf einmal Revolution und alles blieb, wie es war
Nachdem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 16.01.1919 in Berlin ermordet wurden, musste Leviné untertauchen, denn nun war er der meistgehasste Führer der jungen kommunistischen Partei. Die Polizei folgte ihm hart auf den Fersen. Zunächst ging er von Schlesien nach Braunschweig, dann wurde er Anfang März 1919 von der Zentrale nach München geschickt. Rosa folgt ihm.
Damit schließen wir den Kreis zum Bericht über die Münchener Revolution von der bekannten Schauspielerin Tilly Durieux. Wie sie, nahmen die verschiedensten Menschen mehr oder weniger aktiv an den damaligen Ereignissen Anteil, die allgemeine Stimmung war sehr angespannt, wie wir aus den Berichten von Rosa Meyer-Leviné erfahren haben. Man kann sagen, es war eine Zeit, als fast alle politisch interessiert waren, und dementsprechend war auch die Gesellschaft polarisiert.
Am Montag, den 07.04.1919 wurde die Regierung von Hoffmann (SPD) für abgesetzt erklärt. Danach nahm die 1.Räterepublik Münchens Beziehungen zur ungarischen und russischen Räterepublik auf. „Gleich Sowjetrussland und Sowjetungarn verkündete man den Belagerungszustand, befahl der Bourgeoisie, die Waffen abzuliefern, und arbeitete Erlasse zum Aufbau einer Roten Armee aus. Niemand aber nahm das ernst.“ Das heißt, das Leben ging weiter wie bisher, in den Ämtern sitzen dieselben wie vorher und in den Betrieben schuften die Arbeiter zugunsten des Kapitals. Etwas wurde vergessen: Die Russen und Ungarn bewaffneten das Proletariat und entwaffneten die Bourgeoisie. In Bayern bleiben die Proletarier ohne Waffen und den Bürgern wurden die Waffen nicht weggenommen. Die Kommunisten warnten vor der drohenden Gefahr, die sich unvermeidlich einstellen würde.
Die Betriebs- und Soldatenräte Münchens setzten am 13.04.1919 den Provisorischen Zentralrat formell ab und übertrugen die gesamte Macht einem fünfzehnköpfigen Aktionsausschuss, der zum großen Teil aus Kommunisten bestand. Die Waffen werden an die Arbeiter verteilt und der Generalstreik proklamiert.
Rosa lebte schon lange getrennt von Leviné, ab Mai 1919 in einem Münchener Unterschlupf. Als Leviné am 10.05.1919 Geburtstag hat, sendet sie ihm durch einen Mittelsmann Blumen. Er antwortet mit einem Briefchen, gebracht ebenfalls durch einen Mittelsmann. Durch eine Mitbewohnerin denunziert, entdeckt die Polizei den Brief, der sie ins Gefängnis bringt.
Nach der Niederlage der Münchener Räterepublik hagelt es Verhaftungen. Viele konnten untertauchen, so Eugen und Rosa Leviné, aber sie werden entdeckt und ins Gefängnis gebracht, wo sie auf ihre Gerichtsverhandlungen warten mussten. Eugen Leviné werden die Hände mit schweren Eisenketten gefesselt, die ihm bis zum Lebensende nicht mehr abgenommen werden.
Was bleibt der Frau des toten Revolutionärs?
Nach Levinés Hinrichtung wird Rosa aus dem Gefängnis entlassen.
Am Ende ihres Buches über Leviné zitiert sie Lenin, der den Moskauer Aufstand 1905, der ganz offensichtlich zum Scheitern verurteilt war, verteidigte.
Sie schreibt auch darüber, dass solche wichtigen Ereignisse zu schnell vergessen werden, obwohl es doch so wichtig sei, die Lektion, die man gelernt hat, zu behalten.
In ihrem Bericht wird auch deutlich, wie wichtig es ihr war, nicht nur die Ehefrau eines Revolutionärs zu sein, sondern auch seine Gefährtin. D. h. auch sie war aktive Revolutionärin. Sie sah, ebenso wie Leviné, in der Niederlage kein Versagen der KPD, sondern einen Meilenstein.
Vielleicht kann man heute Rosas Wunsch nach Anerkennung verstehen, wenn man aus ihrem Buch über Leviné auch ihren eigenen politischen und weltanschaulichen Bildungsweg und ihren Willen nach Unabhängigkeit herausliest. Ihr Pamphlet könnte kurz gefasst mit Bebels Worten aus „Die Frau und der Sozialismus“ lauten:
„Die volle Emanzipation und ihre Gleichstellung mit dem Mann ist eins der Ziele unserer Kulturentwicklung. (…) Aber sie ist nur möglich auf Grund einer Umgestaltung, welche die Herrschaft des Menschen über den Menschen aufhebt.“
Und weiter: „In dem Maße aber, wie bei der Masse die Erkenntnis von der Notwendigkeit seiner Umgestaltung von Grund aus steigt, sinkt die Widerstandsfähigkeit der herrschenden Klasse, deren Macht auf der Unwissenheit der unterdrückten Klasse beruht.“
Am Beispiel Rosa Meyer-Levinés wird deutlich, dass es zwingend notwendig ist, die gesellschaftliche Umgestaltung vorzunehmen, um Frauen wie Rosa und uns allen gerecht zu werden.
Zum Schluss möchte ich noch einen weiten Bogen schlagen zu Elfriede Brünings Buch: „Wie andere Leute auch“ (1981). In ihrem letzten Roman schreibt sie darüber, welche Gefahr darin besteht, dass ein Kind, dessen Mutter sich – wie die Dolmetscherin Juliane – beruflich und politisch stark engagiert, in Gefahr der Vernachlässigung steht. Keine Verantwortung übernimmt der Kindesvater, ein Emigrant aus Chile. Als Juliane ihm sagt, dass sie schwanger sei, stößt er nur hervor: ‚Ich kann mir keine Familie leisten, Juliane! Ich muss Revolution machen!‘
(…) Trotz der unnachgiebigen Kritik am Revolutionär Pedro wird deutlich, dass sowohl die fiktive als auch die reale Autorin hinter dem politischen Zielen Pedros stehen…“
(Aus: Marxistische Blätter 04_2019, S.103)
Das letzte Wort aus dem folgenden Zitat von Bert Brecht („Der Neinsager“) soll im Sinne Rosa Meyer-Levinés das letzte Wort in ihrem Sinne haben:
„Der Knabe:
Wenn es drüben etwas zu lernen gibt, was ich hoffe, so könnte es nur das sein, dass man in unserer Lage umkehren muss.
Und was den alten großen Brauch betrifft, so sehe ich keine Vernunft an ihm.
Ich brauche vielmehr einen neuen großen Brauch, den wir sofort einführen müssen,
nämlich den Brauch,
in jeder neuen Lage
neu nachzudenken.“
Yvonne, DKP Köln-Innenstadt