Inter­na­tio­na­ler Frau­en­tag 2026: Rosa Meyer-Leviné – Gefähr­tin des Revolutionärs

Am 8. März 2026 möch­ten wir anläss­lich des Frau­en­ta­ges eine bei­nah ver­ges­sene Frau vor­stel­len, die erst mit Eugen Leviné, dem kom­mu­nis­ti­schen Revo­lu­tio­när der Mün­che­ner Räte­re­pu­blik, ver­hei­ra­tet war, nach sei­ner Hin­rich­tung, mit Ernst Meyer, dem Mit­be­grün­der des Spar­ta­kus­bun­des und Vor­sit­zen­der der KP Deutsch­lands. Ihr beweg­tes Leben (1890−1979) zeigt uns, wie aus einer hit­zi­gen Anfän­ge­rin, eine erfah­rene poli­ti­sche Ana­ly­ti­ke­rin wer­den konnte. Aus eige­ner Erfah­rung berich­tet sie in ihren Büchern dar­über, was Revo­lu­tion kon­kret ist. Sie konnte deut­lich zei­gen, dass Revo­lu­tion mach­bar ist, dass es nicht nur eine Idee im Kopf blei­ben muss, son­dern ein prak­ti­scher Kampf. So gesche­hen bei­spiels­weise im Jahr 1918/1919 in den Räte­re­pu­bli­ken Deutsch­lands, als es so rich­tig zur Sache ging, als auch im Schei­tern der Revo­lu­tion ein mora­li­scher Sieg davon­ge­tra­gen wer­den konnte. Wie wich­tig für uns Erin­ne­run­gen sind, Zeit­zeu­gen die­ser Ereig­nisse zu befra­gen (auch wenn sie nicht mehr leben), kann uns die Frau und Kämp­fe­rin Rosa Meyer-Leviné mit ihren hin­ter­las­se­nen Schrif­ten deut­lich machen.

Wel­che Bedeu­tung hat sie? Ant­wort: Rich­tig aktiv wurde sie im Exil in Eng­land: In den ers­ten Jah­ren sprach sie in kom­mu­nis­ti­schen Zel­len deut­scher Emi­gran­ten in Lon­don, und in den sech­zi­ger Jah­ren hielt sie zwei­mal poli­ti­sche Vor­le­sun­gen in Oxford. In ers­ter Linie aber war sie eine Quelle des pri­va­ten poli­ti­schen Gedan­ken­aus­tau­sches für His­to­ri­ker und Poli­ti­ker. Unter den Gäs­ten, die zu Tee und Poli­tik kamen, waren über Jahre hin Eric Hobs­bawm, Her­mann Weber und Isaak Deut­scher. Dar­über hin­aus pflegte sie brief­lich die Grund­satz­dis­kus­sion mit die­sen Part­nern, ebenso wie mit Her­bert Mar­cuse (eine sei­ner Stu­den­tin­nen war Angela Davis) und ande­ren. Wei­tere Linke, die von ihr hör­ten und mit ihr debat­tier­ten, waren unter ande­ren Rudi Dutschke, Erich Fried und Daniel Cohn-Bendit.

Ein Revo­lu­ti­ons­bild

Bevor wir mehr über Rosa Meyer-Leviné hören, passt es gut, erst ein­mal ein Bild von der Revo­lu­tion zu malen. Die Schau­spie­le­rin Tilla Durieux, die u.a. auch Rosa Luxem­burg­per­sön­lich kannte, war Zeu­gin der Revo­lu­tion in Mün­chen. Sie berich­tet in ihren Memoiren:

„Am 16.Januar 1919 wurde Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht in rohes­ter Weise erschlagen. […]

Am 11.Februar 1919 fuhr ich mit der Stra­ßen­bahn ins Thea­ter zur Probe von „Medea“, als ich bei dem Land­tags­ge­bäude eine große Men­schen­an­samm­lung bemerkte. Man schrie uns zu: ‚Eis­ner ist ermor­det.‘ Eis­ner war vor dem Land­tag ermor­det wor­den, wo er im Auf­trag des Minis­ter­rats erklä­ren wollte, dass das Gesamt­mi­nis­te­rium von sei­nen Ämtern zurück­trete, doch sei das Gesamt­mi­nis­te­rium bereit, die Geschäfte wei­ter­zu­füh­ren, bis eine neue Regie­rung gebil­det wäre. Eis­ner wurde von dem Gra­fen Arco-Val­ley nie­der­ge­schos­sen […] Nach einer Stunde wurde die unter­bro­chene Sit­zung im Land­tag wie­der auf­ge­nom­men, und der Minis­ter des Inne­ren, Auer, erhob sich, um den Mord an Eis­ner mit den schärfs­ten Wor­ten zu verurteilen.“

Auch Auer wurde in die Brust geschos­sen. Dar­auf­hin ver­sam­mel­ten sich auf der The­re­si­en­wiese eine große Pro­test­de­mons­tra­tion und der Gene­ral­streik wurde proklamiert.

„Nach Eis­ners Tod wurde sofort die Räte­re­pu­blik kon­sti­tu­iert, neue Minis­ter wur­den ernannt, zum Bei­spiel Land­auer zum Minis­ter für Kul­tur und Unterricht. […]

Mün­chen war von der Außen­welt abge­schnit­ten, von Nord­deutsch­land her zogen lang­sam Trup­pen gegen die Stadt.“

Fak­ten zur Bay­ri­schen Revo­lu­tion 1919:

  • Am 07.April 1919 wird die erste Räte­re­pu­blik in Mün­chen ausgerufen.
  • Ab 13./14. April 1919 die zweite Räte­re­pu­blik mit der Errich­tung der Dik­ta­tur des Proletariats.
  • Oberste Lei­tung der Räte­re­pu­blik über­nimmt als Vor­sit­zen­der des Akti­ons­aus­schus­ses und Voll­zugs­ra­tes Eugen Leviné.
  • Das Pro­gramm der zwei­ten Räterepublik:
  • Auf­ruf des Voll­zugs­ra­tes der Betriebs- und Soldatenräte
  • Sturz der Regierungsgewalten
  • Die Regie­rung Hoff­manns (SPD), der Land­tag und die Ver­fas­sung hat­ten für die Kom­mu­nis­ten keine wei­tere Bedeu­tung mehr, da diese durch die Räte­re­pu­blik tat­säch­lich aus der poli­ti­schen Macht gelöst waren.
  • Nach der Nie­der­lage der Räte­re­pu­blik wird Leviné wegen Hoch­ver­rat ange­klagt und zum Tode verurteilt.
  • Seine Hin­rich­tung erfolgte am 03.06.1919

Die junge rus­si­sche Pri­vat­leh­re­rin – das alt­mo­di­sche Fräu­lein und die russ. Revo­lu­tion von 1905

Um die vor­an­ge­stell­ten Ereig­nisse nach­zu­voll­zie­hen, erscheint es hilf­reich, die Berichte von Rosa Meyer-Levi­nés über diese Gescheh­nisse zu lesen. Deut­lich wird, dass poli­ti­sche Umbrü­che nicht vom Him­mel fal­len, son­dern von Men­schen für oder gegen Men­schen gemacht wer­den. Die Men­schen in der Masse sind ein heik­les Kal­kül, das nie­mand, auch nicht die mäch­tigs­ten Herr­scher unter­schät­zen dür­fen, wenn sie im Kol­lek­tiv han­deln. Manch­mal pas­sie­ren die Dinge doch, die man befürch­tet und als War­nung rot an die Wand geschrie­ben hat.

1903

Eugen Leviné kommt mit 20 Jah­ren nach Hei­del­berg zum Stu­dium. Hier dringt er in einen Kreis rus­si­scher Intel­lek­tu­el­ler ein, der mit ihm auf­ge­schlos­sen über revo­lu­tio­näre Ideen spricht.

Unter die­sem Ein­fluss wünschte er sich, gegen die Unge­rech­tig­keit zu kämp­fen, sein Leben für die Unter­drück­ten ein­zu­set­zen wurde zu sei­nem Lebenstraum.

1910

Zum ers­ten Mal begeg­nen sich Rosa Bro­ido und Eugen Leviné im Früh­jahr 1910 in Hei­del­berg. Diese Stadt war immer noch voll von rus­si­schen Revolutionären.

Rosa Bro­ido kam von Russ­land, wo sie als Pri­vat­leh­re­rin lebte, nach Deutsch­land, um Deutsch zu ler­nen. Mit einer zwei­ten Spra­che hoffte sie, sich spä­ter in Russ­land als Gou­ver­nante oder mit Pri­vat­stun­den bes­ser durch­schla­gen zu kön­nen. Sie sah in Hei­del­berg die Mög­lich­keit, in eine alte, roman­ti­sche Welt zu ent­flie­hen.

Wie kam es zu die­sem Wunsch? Dabei müs­sen wir den Blick auf Russ­land im Jahr 1905 rich­ten: Die Atmo­sphäre in Russ­land war nach der miss­glück­ten Revo­lu­tion von 1905 völ­lig ver­än­dert. Rosa fühlte sich in Russ­land nicht mehr wohl. „Jeder wollte plötz­lich ori­gi­nell sein, etwas Beson­de­res, ein ‚Über­mensch‘. Auch war viel von ‚freier Liebe‘ die Rede. Zum ers­ten Mal wagte man, offen von nack­tem Sex zu spre­chen. Ein pro­gres­si­ves Mäd­chen durfte nun keine Annä­he­rung mehr abwei­sen, ohne zu erklä­ren, warum. Die Pro­vinz­ler begnüg­ten sich mit ein­fa­chen Küs­sen, aber die Stu­den­ten aus den Haupt­städ­ten, die ihren Urlaub in Rosas Gegend ver­brach­ten, waren nicht so beschei­den und lie­ßen sich nicht leicht abwei­sen. ‚Sind Sie so alt­mo­disch, Fräulein?‘ “

Als eines der weni­gen Mäd­chen der sehr gro­ßen rus­si­schen Kolo­nie männ­li­cher Intel­lek­tu­el­ler in Hei­del­berg war Rosa sehr gefragt.

Schon 1911 muss Rosa zurück nach Russland.

Im Jahr 1912 trifft sie den 22 Jahre älte­ren Olgin (lin­ker Schrift­stel­ler) in Wilna wie­der, mit dem sie in Hei­del­berg liiert war. Über diese Bezie­hung sagt sie: „Es stimmt nicht, dass man sich nur für Geld ver­kauft. Was mir Olgin bot, genügte voll­auf, um seine Freun­din zu wer­den. Es war aber keine glück­li­che Bin­dung“ (S.9)

Da Olgin von der Poli­zei gesucht wurde, flieht er nach Wien. Rosa folgt ihm nach Wien als Mit­glied einer hebräi­schen Theatergruppe.

In Wien zieht sie wie­der mit Olgin zusam­men, der ihr Thea­ter­rol­len an zwei Wie­ner Thea­tern ver­mit­telt an der Volks­bühne und an der Neuen Wie­ner Bühne.

1914

Am ers­ten Kriegs­tag trifft Rosa in Hei­del­berg wie­der mit Eugen Leviné zusam­men. Sie berich­tet: „Er war kaum wie­der zu erken­nen. In sei­nem Aus­se­hen war nichts mehr von dem eins­ti­gen revo­lu­tio­nä­ren Mär­ty­rer. Er sah bür­ger­lich und kon­ven­tio­nell aus. Auch war ich ent­täuscht, weil ich ihm offen­sicht­lich gut gefiel. Ich litt sehr unter mei­nen Bezie­hun­gen mit Olgin und war mit mir sehr unzu­frie­den. Aber meine Gefühle für Ihn (Leviné) hat­ten sich nicht geän­dert. Ich fragte mich nicht ein­mal, ob ich ihn liebte, ich gehörte ein­fach zu ihm.“

Aus der alt­mo­di­schen Träu­me­rin, wird jetzt eine junge Frau, die sich ihren Lebens­part­ner selbst wäh­len möchte, anstatt genom­men zu wer­den. Sie bemüht sich um Leviné, oft kom­men sie zusam­men: „Ich war aber nicht mehr das junge Mäd­chen von frü­her, und er konnte mein Ver­hal­ten nicht ver­ste­hen. Ich erzählte ihm von Olgin und auch, dass wir uns getrennt hät­ten. Nichts also stand im Wege. Er warf mir vor, dass ich mit ihm koket­tiere (d. h. sie war die Wer­bende), und war sehr ärger­lich. Wir strit­ten uns, wan­der­ten aber jeden Tag in den Ber­gen, Hand in Hand und oft vor einem über­wäl­ti­gen­den Gefühl der Zusam­men­ge­hö­rig­keit.“

Lek­tion über das Geld: über das „Fuß­volk“ der Par­tei – die arme Arbeiterin

Beim Näher­ken­nen­ler­nen sprach Leviné viel über seine Arbeit, seine Ideen und Pläne. Dabei erwähnte er ein­mal eine spar­same Sozia­lis­tin, die zum Fuß­volk der Par­tei gehörte. Rosa kri­ti­sierte Leviné, der sich zu viel mit dem „Fuß­volk“ der Par­tei abgab, da er doch zu den Intel­lek­tu­el­len gehöre. Auch äußert sie ihm gegen­über ihr Unbe­ha­gen über Sozia­lis­ten, die sich zu viele Gedan­ken über das Geld machen, denn Geld sollte doch im Sozia­lis­mus keine Rolle mehr spielen.

Dar­auf­hin hält Leviné Rosa einen lan­gen Vor­trag über das Leben der Lohn­ab­hän­gi­gen, die nichts besa­ßen als die eigene Arbeits­kraft: „Sie wur­den arbeits­los, ver­setz­ten alles, was sie besa­ßen, bis hin­un­ter zum letz­ten guten Klei­dungs­stück und konn­ten sich nicht ein­mal mehr um neue Arbeit bewer­ben. Sie sin­ken Stufe zu Stufe und wer­den schließ­lich zu Vaga­bun­den. Erspar­nisse wur­den auf die­sem Hin­ter­grund zum Sym­bol von Würde und Unab­hän­gig­keit – das hatte nichts mit pri­mi­ti­ver Geld­gier zu tun. Der revo­lu­tio­näre Wert die­ser Leute, erklärte er mir, läge darin, dass sie revo­lu­tio­näre Ideen ver­brei­te­ten und den Boden für künf­tige Kämpfe berei­ten.“

Im Gegen­satz dazu, sagt Leviné, dass es leich­ter sei, Tau­sende von Arbei­tern zu bekeh­ren als einen wohl­mei­nen­den Intellektuellen.

Lek­tion über soziale Iso­la­tion: Stan­des­den­ken – die rei­che Frau des Großbürgertums

Levi­nés Mut­ter, eine wohl­ha­bende Frau aus dem rus­si­schen Groß­bür­ger­tum, lebte auch in Hei­del­berg. Rosas Bezie­hung zu Olgin hat­ten sich bis zu ihr her­um­ge­spro­chen. Die Ehe mit Leviné genügte ihr nicht, aus einer „Gefal­le­nen“ einen eben­bür­ti­gen Men­schen zu machen. Levi­nés Mut­ter ver­bot all ihren Freun­den (in Hei­del­berg) und Ver­wand­ten, Rosa zu emp­fan­gen. Die­ser soziale Feld­zug in Hei­del­berg machte Rosa zur Aus­ge­sto­ße­nen.

Ihre soziale Iso­la­tion ver­här­tete sich noch, als auch in ihrer Ehe mit Leviné – sie hei­ra­te­ten 1915 – Schwie­rig­kei­ten auf­tra­ten, sie strit­ten oft. Eine mar­kante Eigen­schaft Levi­nés war es, sich eine Tech­nik des Strei­tens zu eigen zu machen: „(…) mit unge­rech­ten, ver­let­zen­den Wor­ten, um sich zu wer­fen und den Streit auch dann noch fort­zu­set­zen, wenn der Anlass dazu längst ver­ges­sen war.“

Einer­seits war er bereit, sich um seine per­sön­li­chen Dinge selbst zu küm­mern, ande­rer­seits teilte er sei­ner Frau ihre Auf­ga­ben zu, sich nicht nur um den Haus­halt zu küm­mern, son­dern auch für ihn zu sor­gen, z.B. seine ver­nach­läs­sigte Klei­dung zu säu­bern. Sprach sie ihn auf ehe­li­che Wider­sprü­che an, z.B. als Frau nicht als Haus­müt­ter­chen klein gehal­ten, son­dern als fort­schritt­li­che Frau und Mut­ter aner­kannt zu wer­den, war das gefähr­lich, denn Ermah­nun­gen erin­ner­ten ihn an seine Mut­ter, wor­auf er all­er­gisch reagierte.

Ich habe meine eige­nen Vor­stel­lun­gen von Ehe“- die Lek­tio­nen haben etwas bewirkt

Dass sich eine Ehe so ent­wi­ckelt, dass sie vom Gat­ten erklärt bekommt, wo die Fett­näpf­chen ste­hen und wo Zustim­mung abzu­ho­len sei, ein Leben mit Lehr­gang und viel Streit, ent­sprach nicht Rosas Vor­stel­lung von ehe­li­chem Glück.

1916

Leviné wurde im 1 Welt­krieg als ein­ge­bür­ger­ter deut­scher Staats­bür­ger von der deut­schen Armee gemus­tert, als kriegs­taug­lich in die Kaserne nahe Hei­del­berg ein­be­ru­fen, aber nicht an die Front geschickt. Am 21.Juni 1916 kommt ihr Sohn Genja zu Welt.

Sie wollte das Kind nicht, wollte abtrei­ben, Leviné gestat­tete das nicht. Bald schon musste das Kind zu Pfle­ge­el­tern gege­ben und die Woh­nung häu­fig gewech­selt wer­den, kaum Geld zum Leben, sozia­ler Abstieg. Rosa arbei­tet als Buch­hal­te­rin, wird aber schon bald wie­der gekün­digt, da ihr ein schwe­rer Gegen­stand auf den Kopf gefal­len ist. Die Ver­let­zung machte sie für län­gere Zeit arbeits­un­fä­hig. Um eine neue Stel­lung zu fin­den, muss Rosa von Hei­del­berg nach Ber­lin zie­hen, das Kind wird ins Heim gegeben.

1918

In Ber­lin wird alles bes­ser. Sie fin­det Arbeit, eine Woh­nung, ein Mäd­chen, das sich um das Kind küm­mert. Der Grund für die deut­li­che Ver­bes­se­rung ihrer Lebens­lage ist, dass Eugen Leviné ab Früh­jahr 1918 als Mit­glied der Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Par­tei für die Bot­schaft der neuen sowje­ti­schen Regie­rung arbeitet.

Die Unab­hän­gig­keit der Frau – wenn die spar­same Arbei­te­rin ein Sym­bol von Würde und Unab­hän­gig­keit ist

Rosa über­legt, wie sie ihre schwie­rige Ehe ret­ten kann. Dafür muss sie von Leviné unab­hän­gi­ger wer­den. Diese Unab­hän­gig­keit, hat sie ein­mal von Leviné gelernt, erlangt sie, wenn sie sich selbst ihr Geld ver­dient. Ihr wird eine Stel­lung als Dol­met­sche­rin in der Ukraine ange­bo­ten. Die Stel­lung wird gut bezahlt und ihre Bewer­bung wird von den Deut­schen ange­nom­men. Ihr ist egal, dass die Deut­schen die Ukraine besetzt haben. Rosa war davon über­zeugt, dass es auch für das Kind bes­ser wäre, wenn seine Mut­ter Geld ver­dient. „Solch eine Mut­ter sei bes­ser als eine Mut­ter, die sich nicht rich­tig um ihr Kind küm­mern könnte.“

Leviné war davon natür­lich nicht über­wäl­tigt, er ließ nichts unver­sucht, um Rosa von der Reise nach Kiew abzu­hal­ten. Ihr Drang nach Unab­hän­gig­keit war grö­ßer. Sie fuhr ohne Ihr Kind nach Kiew und arbei­tete dort für zwei Monate auf der Seite der deut­schen Besat­zer. Unver­söhnt tren­nen sich die Ehe­leute. Rosa schreibt: „Ich muss stark sein.“

In Kiew erkennt sie sehr schnell, dass sie auf der Seite der Aus­plün­de­rer steht: „Die Deut­schen führ­ten sich wie arro­gante Sie­ger auf und nicht wie zu Hilfe geru­fene Ver­bün­dete. (…) Es war nicht sehr erhe­bend, zu ihnen zu gehö­ren.“ Nach zwei Mona­ten als Dol­met­sche­rin wird sie von jeman­den als Bol­sche­wis­tin denun­ziert. „Ich wurde frist­los ent­las­sen und aus­ge­wie­sen. Jetzt war ich wie­der da, wo ich ange­fan­gen hatte. Leviné holte mich vom Bahn­hof ab, strah­lend und mit einem rie­si­gen Blumenstrauß.“

Ihre beruf­li­che Nie­der­lage ver­bes­sert die Stim­mung in ihrer Ehe nicht. Einer­seits wuchs ihr Ver­ständ­nis für Levi­nés poli­ti­sche Arbeit, denn mehr und mehr ver­stand sie davon, und war von sei­ner Arbeit regel­recht begeis­tert. Aber dem pri­va­ten Leviné ent­frem­dete sie sich: „Denn seine Per­sön­lich­keit schien sich in zwei ver­schie­dene Rich­tun­gen zu bewegen.“

Die Frau und poli­ti­sche Bildung

In die­ser Zeit lernt Rosa viel, vor allem in poli­ti­scher Hin­sicht ent­wi­ckelt sie ihre Per­sön­lich­keit wei­ter. Beein­flusst von Levi­nés akti­ver poli­ti­scher Tätig­keit wird aus der poli­ti­schen Anfän­ge­rin und Träu­me­rin eine über­zeugte Kommunistin.

„Wie alle ande­ren ertappte ich mich dabei, wie ich an sei­nen Lip­pen hing. Die zwin­gende Logik sei­ner Argu­mente und seine natür­li­che Auto­ri­tät taten das übrige. Wir ver­ga­ßen alle unsere Vor­ur­teile und waren glück­lich, ihm nach­zu­fol­gen, auf sei­ner Seite zu ste­hen. Er aber ver­suchte nicht, uns zu ‚bear­bei­ten‘ oder sei­nen Ein­fluss zu miss­brau­chen. Er appel­lierte viel­mehr an unsere Ver­nunft, an unse­ren gesun­den Men­schen­ver­stand und sprach gerade damit aus, was wir im Grunde alle woll­ten. Er gab uns das Gefühl: Ganz klar, so habe ich ja schon immer gedacht, wie einfach!“

16.12.1918

Eine schwere Grip­pe­welle geht in Deutsch­land um. „Die Men­schen ster­ben wie Flie­gen an der wild um sich grei­fen­den Epi­de­mie – jetzt war aller Wahr­schein­lich­keit nach die Reihe an mir.“ Mit­ten im Revo­lu­ti­ons­sturm in Ber­lin bemüht sich Leviné, für seine kranke Frau einen der sel­te­nen Kran­ken­wa­gen zu besor­gen, der sie ins Kran­ken­haus bringt. Eigent­lich ist Leviné an der Seite von Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht sehr mit dem poli­ti­schen Umbruch Deutsch­lands beschäf­tigt, besucht viele Ver­samm­lun­gen, hält Reden. Da bleibt wenig Zeit für Kran­ken­be­su­che und Pri­va­tes. In Rosas Augen zeigt sich wie­der, wie schwer die Ehe auf­recht zu hal­ten ist.

Sie war in die­sen poli­tisch sehr ange­spann­ten Zei­ten bemüht, geis­tig und kämp­fe­risch mit­zu­hal­ten, aber:

„Er schätzte mein Urteil, behan­delte mich den­noch wie ein alt­klu­ges Kind. Und dabei blieb es bis an sein Ende.“

Hoff­nung hatte sie wohl, nicht nur an den pri­va­ten, son­dern auch an den poli­ti­schen Leviné her­an­zu­kom­men „Die Zeit war ihm nicht mehr ver­gönnt, sich mei­ner poli­ti­schen Wand­lung anzu­pas­sen, die nichts­des­to­trotz fun­diert war.“

Auf ein­mal Revo­lu­tion und alles blieb, wie es war

Nach­dem Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht am 16.01.1919 in Ber­lin ermor­det wur­den, musste Leviné unter­tau­chen, denn nun war er der meist­ge­hasste Füh­rer der jun­gen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Die Poli­zei folgte ihm hart auf den Fer­sen. Zunächst ging er von Schle­sien nach Braun­schweig, dann wurde er Anfang März 1919 von der Zen­trale nach Mün­chen geschickt. Rosa folgt ihm.

Damit schlie­ßen wir den Kreis zum Bericht über die Mün­che­ner Revo­lu­tion von der bekann­ten Schau­spie­le­rin Tilly Durieux. Wie sie, nah­men die ver­schie­dens­ten Men­schen mehr oder weni­ger aktiv an den dama­li­gen Ereig­nis­sen Anteil, die all­ge­meine Stim­mung war sehr ange­spannt, wie wir aus den Berich­ten von Rosa Meyer-Leviné erfah­ren haben. Man kann sagen, es war eine Zeit, als fast alle poli­tisch inter­es­siert waren, und dem­entspre­chend war auch die Gesell­schaft polarisiert.

Am Mon­tag, den 07.04.1919 wurde die Regie­rung von Hoff­mann (SPD) für abge­setzt erklärt. Danach nahm die 1.Räterepublik Mün­chens Bezie­hun­gen zur unga­ri­schen und rus­si­schen Räte­re­pu­blik auf. „Gleich Sowjet­russ­land und Sowjet­un­garn ver­kün­dete man den Bela­ge­rungs­zu­stand, befahl der Bour­geoi­sie, die Waf­fen abzu­lie­fern, und arbei­tete Erlasse zum Auf­bau einer Roten Armee aus. Nie­mand aber nahm das ernst.“ Das heißt, das Leben ging wei­ter wie bis­her, in den Ämtern sit­zen die­sel­ben wie vor­her und in den Betrie­ben schuf­ten die Arbei­ter zuguns­ten des Kapi­tals. Etwas wurde ver­ges­sen: Die Rus­sen und Ungarn bewaff­ne­ten das Pro­le­ta­riat und ent­waff­ne­ten die Bour­geoi­sie. In Bay­ern blei­ben die Pro­le­ta­rier ohne Waf­fen und den Bür­gern wur­den die Waf­fen nicht weg­ge­nom­men. Die Kom­mu­nis­ten warn­ten vor der dro­hen­den Gefahr, die sich unver­meid­lich ein­stel­len würde.

Die Betriebs- und Sol­da­ten­räte Mün­chens setz­ten am 13.04.1919 den Pro­vi­so­ri­schen Zen­tral­rat for­mell ab und über­tru­gen die gesamte Macht einem fünf­zehn­köp­fi­gen Akti­ons­aus­schuss, der zum gro­ßen Teil aus Kom­mu­nis­ten bestand. Die Waf­fen wer­den an die Arbei­ter ver­teilt und der Gene­ral­streik proklamiert.

Rosa lebte schon lange getrennt von Leviné, ab Mai 1919 in einem Mün­che­ner Unter­schlupf. Als Leviné am 10.05.1919 Geburts­tag hat, sen­det sie ihm durch einen Mit­tels­mann Blu­men. Er ant­wor­tet mit einem Brief­chen, gebracht eben­falls durch einen Mit­tels­mann. Durch eine Mit­be­woh­ne­rin denun­ziert, ent­deckt die Poli­zei den Brief, der sie ins Gefäng­nis bringt.

Nach der Nie­der­lage der Mün­che­ner Räte­re­pu­blik hagelt es Ver­haf­tun­gen. Viele konn­ten unter­tau­chen, so Eugen und Rosa Leviné, aber sie wer­den ent­deckt und ins Gefäng­nis gebracht, wo sie auf ihre Gerichts­ver­hand­lun­gen war­ten muss­ten. Eugen Leviné wer­den die Hände mit schwe­ren Eisen­ket­ten gefes­selt, die ihm bis zum Lebens­ende nicht mehr abge­nom­men werden.

Was bleibt der Frau des toten Revolutionärs?

Nach Levi­nés Hin­rich­tung wird Rosa aus dem Gefäng­nis entlassen.

Am Ende ihres Buches über Leviné zitiert sie Lenin, der den Mos­kauer Auf­stand 1905, der ganz offen­sicht­lich zum Schei­tern ver­ur­teilt war, verteidigte.

Sie schreibt auch dar­über, dass sol­che wich­ti­gen Ereig­nisse zu schnell ver­ges­sen wer­den, obwohl es doch so wich­tig sei, die Lek­tion, die man gelernt hat, zu behalten.

In ihrem Bericht wird auch deut­lich, wie wich­tig es ihr war, nicht nur die Ehe­frau eines Revo­lu­tio­närs zu sein, son­dern auch seine Gefähr­tin. D. h. auch sie war aktive Revo­lu­tio­nä­rin. Sie sah, ebenso wie Leviné, in der Nie­der­lage kein Ver­sa­gen der KPD, son­dern einen Mei­len­stein.

Viel­leicht kann man heute Rosas Wunsch nach Aner­ken­nung ver­ste­hen, wenn man aus ihrem Buch über Leviné auch ihren eige­nen poli­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Bil­dungs­weg und ihren Wil­len nach Unab­hän­gig­keit her­aus­liest. Ihr Pam­phlet könnte kurz gefasst mit Bebels Wor­ten aus „Die Frau und der Sozia­lis­mus“ lauten:

„Die volle Eman­zi­pa­tion und ihre Gleich­stel­lung mit dem Mann ist eins der Ziele unse­rer Kul­tur­ent­wick­lung. (…) Aber sie ist nur mög­lich auf Grund einer Umge­stal­tung, wel­che die Herr­schaft des Men­schen über den Men­schen aufhebt.“

Und wei­ter: „In dem Maße aber, wie bei der Masse die Erkennt­nis von der Not­wen­dig­keit sei­ner Umge­stal­tung von Grund aus steigt, sinkt die Wider­stands­fä­hig­keit der herr­schen­den Klasse, deren Macht auf der Unwis­sen­heit der unter­drück­ten Klasse beruht.“

Am Bei­spiel Rosa Meyer-Levi­nés wird deut­lich, dass es zwin­gend not­wen­dig ist, die gesell­schaft­li­che Umge­stal­tung vor­zu­neh­men, um Frauen wie Rosa und uns allen gerecht zu werden.

Zum Schluss möchte ich noch einen wei­ten Bogen schla­gen zu Elfriede Brü­nings Buch: „Wie andere Leute auch“ (1981). In ihrem letz­ten Roman schreibt sie dar­über, wel­che Gefahr darin besteht, dass ein Kind, des­sen Mut­ter sich – wie die Dol­met­sche­rin Juliane – beruf­lich und poli­tisch stark enga­giert, in Gefahr der Ver­nach­läs­si­gung steht. Keine Ver­ant­wor­tung über­nimmt der Kin­des­va­ter, ein Emi­grant aus Chile. Als Juliane ihm sagt, dass sie schwan­ger sei, stößt er nur her­vor: ‚Ich kann mir keine Fami­lie leis­ten, Juliane! Ich muss Revo­lu­tion machen!‘

(…) Trotz der unnach­gie­bi­gen Kri­tik am Revo­lu­tio­när Pedro wird deut­lich, dass sowohl die fik­tive als auch die reale Autorin hin­ter dem poli­ti­schen Zie­len Pedros ste­hen…“

(Aus: Mar­xis­ti­sche Blät­ter 04_2019, S.103)

Das letzte Wort aus dem fol­gen­den Zitat von Bert Brecht („Der Nein­sa­ger“) soll im Sinne Rosa Meyer-Levi­nés das letzte Wort in ihrem Sinne haben:

Der Knabe:

Wenn es drü­ben etwas zu ler­nen gibt, was ich hoffe, so könnte es nur das sein, dass man in unse­rer Lage umkeh­ren muss.

Und was den alten gro­ßen Brauch betrifft, so sehe ich keine Ver­nunft an ihm.

Ich brau­che viel­mehr einen neuen gro­ßen Brauch, den wir sofort ein­füh­ren müssen,

näm­lich den Brauch,

in jeder neuen Lage

neu nach­zu­den­ken.“

Yvonne, DKP Köln-Innenstadt


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