Pro­blem Kalkberg

In sei­ner Sit­zung vom 15. März 2016 hat der Rat der Stadt den Bau der Hub­schrau­ber­sta­tion auf dem Kalk­berg zunächst mal auf Eis gelegt, nach­dem sich im ver­gan­ge­nen Früh­jahr ein Teil des Gebäu­des abge­senkt hatte. Ein­stim­mig. Ein Wei­ter­bau ist nicht zu erwar­ten. Alle Par­teien beschwer­ten sich dar­über, daß sie von der Ver­wal­tung, nament­lich durch Stadt­di­rek­tor Kah­len zum Zwe­cke ihrer Zustim­mung zu dem Pro­jekt falsch infor­miert wor­den seien. Aber offen­bar wurde von der Ver­wal­tung hier bis zum Ende gepo­kert. Noch am Vor­tage zeig­ten sich Kah­len und der Chef der Feu­er­wehr opti­mis­tisch. Sie woll­ten der Öffent­lich­keit die Rea­li­sier­bar­keit der Hub­schrau­ber­sta­tion glau­ben machen, für die schon eine höhere zwei­stel­lige Mil­lio­nen­summe aus­ge­ge­ben wor­den ist. Auch der Rück­bau sowie die Siche­rung der Halde wer­den noch einige Mil­lio­nen verschlingen.

Der Kalk­berg besteht im wesent­li­chen aus Abfäl­len der ehe­ma­li­gen Che­mi­schen Fabrik Kalk (CFK), die schon Ende des 19. Jahr­hun­derts diese Halde ein­rich­tete. Die CFK war eine Grün­dung des Kauf­mannn Julius Vors­ter und des Che­mi­kers und Apo­the­kers Her­mann Julius Grü­ne­berg vom 1. Novem­ber 1858. Die Firma hieß zunächst Che­mi­sche Fabrik Vors­ter & Grü­ne­berg, Cöln. In Kalk pro­du­zier­ten sie Kali­salze, aber auch andere Dün­ge­mit­tel wie Ammon­sul­fat und Super­phos­phat. 1892 wurde der Betrieb in eine GmbH umge­wan­delt. Sie nannte sich ab da Che­mi­sche Fabrik Kalk GmbH (CFK) und ver­diente ihr Geld zudem mit Kali­sal­pe­ter, Pott­asche, Natri­um­sul­fat, Sal­mi­ak­geist und Ammo­ni­ak­sal­zen. Nach der Jahr­hun­dert­wende kam Soda dazu. 1958 hatte die Firma 2350 Beschäf­tigte. 1972 wurde die Firma von der BASF über­nom­men und offen­bar halb­her­zig betrie­ben. Man ver­suchte sich an der Her­stel­lung von Brom, aber nach­dem die Brom­la­ger­halle 1985 abbrannte, wurde das auf­ge­ge­ben. 1988 wurde auch die Dün­ge­mit­tel­pro­duk­tion been­det. Die Pro­duk­tion von Cal­ci­um­chlo­rid und Soda wurde zum 31. Dezem­ber 1993 ein­ge­stellt. Seit der Stil­le­gung der Pro­duk­tion gibt es die CFK nur noch als Händ­ler für Che­mi­ka­lien und Dün­ge­mit­tel der K+S AG (vor­he­rige Kali und Salz AG), Sitz Olpe­ner Straße am Ben­n­o­platz, Lager am Eifeltor.

Die Pro­duk­ti­ons­an­la­gen wur­den abge­ris­sen, das fast 40 Hektar große Gelände musste auf­wen­dig saniert wer­den, es war ver­seucht, unter ande­rem mit Schwe­fel und Schwer­me­tal­len. Eine Grund­was­ser­ana­lyse stellte schon im im Früh­jahr 1986 erhöhte Cya­nid-Gehalte an drei Mess­stel­len fest, das Grund­was­ser­mo­ni­to­ring 2011 ergab erhöhte Cya­nid­werte an sogar fünf Stel­len. Cya­nide sind Salze und andere Ver­bin­dun­gen der Blau­säure, hoch­gif­tig und in Was­ser leicht lös­lich. Eine Grund­was­ser­ana­lyse vom 17. Juni 1991 ergab im Abs­trom deut­lich erhöhte Chlo­rid­kon­zen­tra­tio­nen. Das bekann­teste Chlo­rid ist Natri­um­chlo­rid, vulgo Koch­salz. Im Kalk­berg, der lange Jahre der Ent­sor­gung der Abfälle der CFK diente, sind zudem ent­hal­ten: Arsen, Blei, Kad­mium, Chrom, Kup­fer und wei­tere gif­tige Che­mi­ka­lien. Einige hun­dert Meter wei­ter nörd­lich gibt es eine zweite Depo­nie. Beide gehör­ten zum Betriebs­ge­lände der CFK. Die heu­tige Form der Kippe ent­stand ab den 50er Jah­ren bis 1973. Ein Gut­ach­ten der DMT (Gesell­schaft für For­schung und Prü­fung mbH 1990 unter dem Dach des Deut­sche Mon­tan­Tech­no­lo­gie für Roh­stoff, Ener­gie, Umwelt e.V., Teil des TÜV Nord) vom 2. Dezem­ber 2011 führt bei der Zusam­men­set­zung bei­der Berge Auf­schüt­tun­gen von Kalk­schlamm, Kalk­gra­nu­lat, Schla­cken und Bau­schutt der CFK an.
Von 1999 bis 2004 wur­den Siche­rungs-und Sanie­rungs­ar­bei­ten durch­ge­führt. Unter ande­rem wurde das Pla­teau des Kalk­berg I mit einer Lehm­schicht abge­deckt. Am öst­li­chen Fuss wurde eine Ver­si­cke­rungs­mulde ange­legt.
In den Jah­ren 2003 und 2004 wur­den die Gebäude der CFK zurück­ge­baut. Der Boden wurde auf dem gesam­ten Betriebs­ge­lände in einer Mäch­tig­keit von 2 Metern abge­tra­gen. Schutt und Boden wur­den im Kalk­berg I ent­sorgt.
Im Jahr 2001 konn­ten das neue Poli­zei­prä­si­dium und 2005 die Arca­den auf dem Gelände errich­tet wer­den. Der hohe Schorn­stein wurde am 25. Okto­ber 1996 gesprengt. Der Was­ser­turm von 1904 blieb ste­hen.
Was folgte, nennt man wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung von Grund­stü­cken. Das ehe­ma­lige Gelände der CFK ist immer­hin 40 Hektar groß. Außer dem Bau von Prä­si­dium und Arca­den ste­hen mitt­ler­weile wei­tere Gebäude hier: das Odys­seum (seit 2009), die Firma Bau­haus, Wohn­häu­ser. Nur von einem Anbau des Poli­zei­prä­si­di­ums ist bekannt, daß der Bau- und Lie­gen­schafts­be­trieb das Grund­stück gekauft hat. Der ent­spre­chende Unter­su­chungs­aus­schuss des Land­ta­ges ermit­telt immer noch.
Das Gelände der CFK ist durch die Hände der Grund­stücks­ent­wick­lungs­ge­sell­schaft GSE gegan­gen. Die drei Buch­sta­ben der Firma ver­wei­sen auf Heinz Her­mann Göttsch, SRhei­nE­state (eine 100%ige Toch­ter der Stadt­spar­kasse) und Engel Ver­mö­gens­ver­wal­tung.
Ende der 90er Jahre hatte die GSE das gesamte CFK-Gelände gekauft. Zu die­sem Zeit­punkt war der Kalk­berg als Alt­last mit Sanie­rungs­be­darf bekannt. Die zu erwar­ten­den Kos­ten die­ser Sanie­rung sind, ebenso wie die Kos­ten für die Boden­sa­nie­rung des rest­li­chen CFK-Gelän­des, preis­min­dernd in den Kauf­preis des CFK-Gelän­des ein­ge­flos­sen. Eine auch nur teil­weise nach­träg­li­che Erstat­tung der Sanie­rungs­kos­ten bedeu­tet alleine schon vor die­sem Hin­ter­grund eine dop­pelte Kos­ten­kom­pen­sa­tion für die GSE, schreibt Boris Sie­verts am 29. Januar 2014 in der NRhZ. Der Kauf des Kalk­bergs war für die GSE ein gutes Geschäft. Zumal der Kalk­berg mit sei­nen che­mi­schen Alt­las­ten unver­käuf­lich schien. Sie­verts fragt vor die­sem Hin­ter­grund, wieso die Stadt den inmit­ten von Wohn­ge­bie­ten gele­ge­nen Kalk­berg von Anfang als Stand­ort für die Hub­schrau­ber­sta­tion favo­ri­siert hat.
Ich erin­nere an den Deal der Ade­nauer-Enkel mit den Dom­gär­ten. Die Stadt­re­vue berich­tete, daß Anfang des vier­ten Quar­tals 2007 die Bau­wens-Gruppe unter ande­rem gemein­sam mit der Spar­kas­sen­toch­ter SK Cor­pus und der Pareto GmbH, dem Pro­jekt­ent­wick­ler der Kreis­spar­kasse, Ver­hand­lun­gen mit dem Besit­zer des Grund­stücks »Dom­gär­ten I« auf­ge­nom­men und schließ­lich Kauf­op­tio­nen ver­ein­bart habe. Mit dem Ziel, dort Woh­nun­gen zu errich­ten. Schließ­lich habe dann jedoch der Köl­ner Bau­un­ter­neh­mer Heinz Her­mann Göttsch das Ren­nen gemacht und sich im Mai 2008 die Option auf das Gelände gesi­chert. Dann habe Göttsch die Bau­wens-Gruppe ange­fragt, auf dem Areal das Wohn­pro­jekt umzu­set­zen, wäh­rend er sich auf den vor­ge­se­he­nen Gewer­be­teil kon­zen­trie­ren wollte.
Der BLB sei dann im Juni 2008 an Göttsch her­an­ge­tre­ten und habe dem Kon­sor­tium Göttsch/Bauwens in Aus­sicht gestellt, statt Woh­nun­gen und Gewerbe eine neue Fach­hoch­schule zu errich­ten, und das mög­lichst schnell. Ein poli­ti­scher Beschluss zur Ver­la­ge­rung lag indes gar nicht vor, jedoch hatte der dama­lige NRW-Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Andreas Pink­wart (FDP) signa­li­siert, die schwarz-gelbe Lan­des­re­gie­rung favo­ri­siere einen Neu­bau. Bau­wens-Ade­nauer sagt, er habe nach der Offerte des BLB noch im Juni 2008 OB Fritz Schramma, die Köl­ner Rats­frak­tio­nen sowie die Spit­zen der Köl­ner Ver­wal­tung infor­miert. Für den Bau am Stand­ort Bay­en­thal habe er grund­sätz­lich Zustim­mung signa­li­siert bekom­men.
Bau­wens-Ade­nau­ers Geschäfts­part­ner Heinz Her­mann Göttsch ist ins Visier der Staats­an­walt­schaft gera­ten: Es geht um Ermitt­lun­gen hin­sicht­lich Kor­rup­tion bei der Errich­tung des Poli­zei­prä­si­di­ums auf dem ehe­ma­li­gen CFK-Gelände in Kalk. Das Areal war im Besitz der Firma GSE, an der Göttsch betei­ligt ist. Unan­ge­nehm dürfte für Bau­wens-Ade­nauer sein, dass er zur­zeit mit Göttsch eine ohne­hin umstrit­tene Shop­ping-Mall auf dem Helios-Gelände in Ehren­feld plant. Eben­falls nicht zum Renom­mee des IHK-Prä­si­den­ten dürfte die staats­an­walt­schaft­li­che Durch­su­chung der Bau­wens-Zen­trale am 9. Februar 2011 bei­getra­gen haben – ledig­lich zur Beweis­si­che­rung, wie das Unter­neh­men am sel­ben Tag mit­teilte, »gegen unsere Gruppe lau­fen keine Ermitt­lun­gen«. Soweit die Stadt­re­vue.
Tat­säch­lich unter­sucht auch der Par­la­men­ta­ri­sche Unter­su­chungs­aus­schuss des Land­tag zum BLB sowohl das Geschäfts­ge­ba­ren der Ade­nauer-Enkel wie das von Göttsch.

Im Juni 2012 beschließt der Stadt­rat den Ankauf des Kalk­bergs. Bezüg­lich der Schad­stoff­werte ver­brei­tet die Stadt posi­tive Infor­ma­tio­nen. Diese hät­ten sich nach neue­ren Mes­sun­gen ver­bes­sert, sodass die Kuppe des Kalk­bergs wohl nicht abge­tra­gen wer­den müsse. Die Bau­ar­bei­ten für die Sta­ti­ons­ge­bäude und des Lan­de­plat­zes wür­den vor­aus­sicht­lich im Früh­jahr 2013 begin­nen, heißt es im Juli 2012. Die Stadt Köln will die Bür­ger ab sofort in loser Folge mit einem Info­brief über die Ret­tungs­hub­schrau­ber-Sta­tion Kalk­berg auf dem Lau­fen­den hal­ten. Der News­let­ter werde per Post an alle Haus­halte rund um den Kalk­berg ver­teilt: 15.000 Exem­plare lasse die Stadt dafür drucken.

Aber im ver­gan­ge­nen Früh­jahr musste der Bau der Sta­tion gestoppt wer­den, weil er sich neigte. Der Kalk im Berg gab nach. Mit­ter­weile sind wei­tere Schä­den fest­ge­stellt wor­den. Blei und Arsen dro­hen aus­zu­tre­ten. Die Böschung ist zu steil. An einer Stelle ist sie abge­sackt. Hei­ner Kocker­beck hat für die Lin­ken im Stadt­rat auf des­sen Sit­zung am 15. März kri­ti­siert, dass die Stadt sich beim Kalk­berg in Abhän­gig­keit eines Inves­tors bege­ben habe. Sie habe die Pro­jek­tie­rung der Hub­schrau­ber­sta­tion in den Jah­ren 2005 bis 2011 der GSE über­las­sen. Das erste Gut­ach­ten zur Bebau­bar­keit des Kalk­bergs, das sich heute als ekla­tant falsch her­aus­stellt, sei 2005 im Auf­trag eben die­ses Inves­tors erstellt wor­den.
Der Umfang der Grund­stücks­spe­ku­la­tion mit dem CFK-Gelände zu Las­ten der Stadt scheint mir aber noch gar nicht erfasst.
Hei­ner Kocker­beck berich­tete im Rat, dass am Sams­tag, den 5. März in höchs­ter Eile ein 400 Meter lan­ger Schutz­zaun am Fuß des Kalk­bergs ange­bracht wer­den musste, weil Gefahr bestand, dass Böschun­gen unvor­her­ge­se­hen abrutsch­ten und Per­so­nen gefähr­de­ten. Damit sei die Situa­tion am Depo­nie­berg dra­ma­tisch eska­liert. Das end­gül­tige Schei­tern des Bau­pro­jekts liege mit dem nun ver­öf­fent­lich­ten drit­ten Zwi­schen­be­richt des Gut­ach­ter-Insti­tuts in der Luft.
Mit Blei und Arsen ver­seuch­ter Kalk liege offen an der Ober­flä­che des Bergs.
Eine akute Gefahr von Kal­kaus­tritt sei fer­ner die Folge von Feh­lern beim Anle­gen der Bau­straße, wel­che den Berg hin­auf zur Bau­stelle führt.
Die Böschun­gen des Depo­nie­bergs seien schon in der Ver­gan­gen­heit viel­fach deut­lich zu steil ange­legt wor­den, wes­halb teil­weise bereits Abschnitte abge­rutscht seien.
Der Kalk­berg sei hoch­gra­dig ein Sanie­rungs­fall.
Kocker­beck: „Auf­grund schwe­rer Feh­ler in der Ver­gan­gen­heit bis in die jün­gere Zeit hin­ein wird die Stadt Köln viele Mil­lio­nen Euro nur dafür auf­wen­den müs­sen, dass die Son­der­müll­de­po­nie nicht abrutscht und die umlie­gen­den Vier­tel und Stra­ßen gefähr­det. Würde die Hub­schrau­ber­sta­tion fer­tig­ge­baut, würde dies nach heu­ti­gem Stand wei­tere 7 Mil­lio­nen Euro kos­ten. Das nennt man auch ein finan­zi­el­les Desas­ter.
In der Rats­sit­zung wer­den als Alter­na­ti­ven noch die Stand­orte Flug­ha­fen Kur­te­kot­ten in Flit­tard und Geest­e­mün­der Straße in Niehl genannt. Wich­tig sei auch die Ein­be­zie­hung des Kli­ni­kums Mer­heim.
Mit scheint der Skan­dal des Kalk­bergs nicht nur im Ver­sa­gen des Stadt­di­rek­tors zu lie­gen. Den gan­zen Umfang des Sump­fes konnte ich noch nicht erfas­sen. Es geht um das rie­sige Gelände der CFK. Wie­viel hat die GSE dafür bezahlt? Wie ist die Spar­kasse in diese Geschäfte invol­viert? Wie hoch ist der Scha­den für die Stadt? Im wel­chem Ver­hält­nis ste­hen pri­vate Gewinne zu Ver­lus­ten öffent­li­cher Kas­sen?
Es ist zu hof­fen, dass auch vom BLB-Unter­su­chungsau­schuss des Land­tags noch Infor­ma­tio­nen kommen.

Klaus, 12. April 2016