Viel­fäl­tig­keit, Reich­hal­tig­keit, Diversität

Neben den sehr wich­ti­gen inhalt­li­chen Pro­gramm­punk­ten ging es den bel­gi­schen Genos­sen der PTB um die «Kunst des Per­for­ma­ti­ven», um die Form, die erst die Rele­vanz des Inhalts deut­lich her­vor­tre­ten lässt. 

Worum geht es auch bei so einem Kon­gress? Sicher geht es um die inhalt­li­chen For­de­run­gen, aber geht es nicht ganz unwe­sent­lich auch um den Moment des Erle­bens bzw. einen Moment unse­res Lebens?  Die­ses wol­len wir uns so schön wie mög­lich machen. In dem Moment des Lebens liegt bereits ein Stück unse­rer Uto­pie, näm­lich des Sozia­lis­mus, den wir gern errei­chen wür­den. Glaub­wür­dig wer­den wir jedoch nur, wenn wir die­sen Sozia­lis­mus nicht in uner­reich­bare Ferne rücken, son­dern z.B. bereits in einer Ver­an­stal­tung verwirklichen.

In die­sem Soli­da­ri­täts­kon­gress waren diese Momente ver­wirk­licht: Es gab eben nicht nur einen Super­star, Peter Mer­tens, son­dern etli­che, gleich­be­rech­tigte, neben­ein­an­der ste­hende bzw, agie­rende Per­sön­lich­kei­ten und nicht nur Per­so­nen son­dern auch kul­tu­relle Ereignisse. 

Der Kon­gress begann mit  Raoul Hede­bouw: Wäh­rend er wie Mick Jag­ger die Ein­gangs­treppe durch den Saal, die Treppe her­un­ter­kam, um jede Region Bel­gi­ens zwei­spra­chig ein­zeln zu begrü­ßen, ant­wor­tete der Saal jeweils mit tosen­dem Applaus. Unten, auf der Bühne ange­kom­men, war einer sei­ner ers­ten Sätze in etwa: »Ich kann nicht in einem Land, mit die­ser kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Viel­falt, in einer ein­zi­gen Spra­che spre­chen. Das funk­tio­niert bei mir ein­fach nicht.» Nach sei­ner Begrü­ßung, in der Raoul Hede­bouw selbst­ver­ständ­lich vom Flä­mi­schen ins Fran­zö­si­che und wie­der ins Flä­mi­sche ver­fiel, wur­den wir als Publi­kum mit  Musik erfreut. 

Nach­dem  der Ver­tre­ter der grie­chi­schen Initia­tive ‹Soli­da­ri­tät für alle› seine Anspra­che gehal­ten hat, wie­der Musik!  In die­sem Sinne wurde das Pro­gramm fort­ge­führt: Jeder Pro­gramm­punkt bekam seine eigene, ihm ange­mes­sene  Per­for­mance: Die nicht-bel­gi­schen Genos­sen und Flücht­linge kamen in einem geson­der­ten Pro­gramm­punkt auf die Bühne und erhiel­ten jeder und jede ein­zelne das Wort, die PTB- Frauen ver­tra­ten argu­men­ta­tiv die 30 Stun­den Woche, die Rad­fah­rer fuh­ren in den Saal, um auf den Kli­ma­schutz auf­merk­sam zu machen, die Per­kus­sio­nis­ten lie­ßen den kom­plett voll­be­setz­ten Saal erbe­ben und, was doch eher unge­wöhn­lich für eine Ver­an­stal­tung der radi­ka­len oder extre­men Lin­ken ist, war der Tenor Tris­tan Faes – mit PTB-Abzei­chen!- , der Nabuc­cos Gefan­ge­nen-Chor mit sei­ner umwer­fen­den Inter­pre­ta­tion anstimmte.

Bis zum Schluss beim Publi­kum kein Gäh­nen, keine Mühe, dem Gesche­hen zu fol­gen. Auch der eigent­li­che Höhe­punkt, die Wie­der­wahl Peter Mer­tens mit über 93% war zwar ent­schei­dend aber trotz­dem nur ein Pro­gramm­punkt. Eine schöne Erin­ne­rung an eine alte Parole erscheint vor dem geis­ti­gen Auge: «Kein Per­so­nen­kult!»  noch nie­mals umge­setzt, hier immer­hin bewusst inszeniert. 

Ganz am Ende wer­den  Soli­da­ri­täts- und PTB-Fah­nen ver­teilt, so dass  die zum Schluss mehr­spra­chig gesun­gene Inter­na­tio­nale einen wür­di­gen Rah­men bekam. 

Köln, den 14. Juni 2015 Ulrike Fuchs