Wie kön­nen wir ver­hin­dern, dass mul­ti­na­tio­nale Pharma-Kon­zerne aus der Pan­de­mie Pro­fit schlagen?

Die­sen inter­es­san­ten Bei­trag fan­den wir auf den deutsch­spra­chi­gen
Inter­net­sei­ten der Par­tei der Arbeit Bel­gi­ens (PTB-PVDA).

Kei­nen Gewinn aus dem Kampf gegen das Coronavirus!

Medikamente im Einkaufswagen (Symbolbild).

Tau­sende von Wis­sen­schaft­lern auf der gan­zen Welt suchen nach Behand­lungs­mög­lich­kei­ten für COVID-19. Die gro­ßen Phar­ma­un­ter­neh­men ihrer­seits tun ihr mög­lichs­tes, um maxi­mal von der Pan­de­mie zu pro­fi­tie­ren. Sie sind dafür ver­ant­wort­lich, dass es diese Behand­lungs­me­tho­den immer noch nicht gibt.

 

2. Juni 2020 | Sofie Merckx und Anne Delespaul, beide All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin­nen bei Méde­cine pour le Peu­ple, sind der Auf­fas­sung, dass diese Unter­neh­men kei­nen ein­zi­gen Euro Gewinn aus dem Kampf gegen das Coro­na­vi­rus zie­hen soll­ten. Die PTB-PVDA hat im Par­la­ment einen Antrag ein­ge­bracht, um durch ver­bind­li­che Lizen­zen zu ver­hin­dern, dass ein Impf­stoff oder ein Medi­ka­ment von einem Pharma-Kon­zern paten­tiert wer­den kann.

Lange Zeit zeig­ten die Phar­ma­un­ter­neh­men nicht das geringste Inter­esse an poten­zi­el­len Fort­schrit­ten in der Coronavirus-Forschung.

«Dies ist die Viro­lo­gie-Welt­meis­ter­schaft», sagte der Viro­loge Marc Van Ranst (1). Wis­sen­schaft­ler auf der gan­zen Welt arbei­ten mit Hoch­druck an der Ent­wick­lung eines Impf­stoffs und suchen nach Medi­ka­men­ten zur Behand­lung von Pati­en­ten mit Coro­na­vi­ren. Die Phar­ma­rie­sen Johnson&Johnson, GSK und Pfi­zer kon­kur­rie­ren darum, als erste ihr Pro­dukt auf den Markt zu brin­gen. Diese Akti­vi­tät steht in kras­sem Gegen­satz zu der Situa­tion vor dem Erschei­nen von COVID-19, als es kaum mehr als sechs kli­ni­sche Stu­dien zu Coro­na­vi­ren gab, die von Phar­ma­un­ter­neh­men durch­ge­führt wurden.

Doch nach den vor­an­ge­gan­ge­nen Epi­de­mien von Coro­na­vi­rus-Vari­an­ten, SARS (2002) und MERS (2012), stan­den meh­rere Wis­sen­schaft­ler kurz vor einem Durch­bruch in der Impf­stoff­ent­wick­lung. Unter ihnen war das Team von Pro­fes­sor Peter Hotez, Dekan der Natio­nal School of Tro­pi­cal Medi­cine in Texas. Die Suche nach ent­spre­chen­den finan­zi­el­len Mit­teln, um in die kli­ni­sche Phase der For­schung ein­zu­tre­ten, ist jedoch auf eine Mauer aus Des­in­ter­esse gesto­ßen (2). Ins­ge­samt haben Wis­sen­schaft­ler etwa 84 poten­zi­elle Impf­stoffe gegen SARS und MERS ent­wi­ckelt (3), die alle in den Kühl­schrän­ken der Labore gela­gert wur­den. Der Viro­loge Johan Neyts bestä­tigt, dass das glei­che Schick­sal auch die anti­vi­ra­len Behand­lungs­ver­fah­ren ereilt habe: «Hät­ten wir in einen Hemm­stoff gegen diese bekann­ten Vari­an­ten inves­tiert, wäre er wahr­schein­lich auch gegen das neue Coro­na­vi­rus wirk­sam gewe­sen. Warum ist das nicht gesche­hen? Nie­mand hörte auf uns.» (4)

Woher kam die­ses unge­heure Des­in­ter­esse? «Die Markt­si­gnale waren schlecht», sagt Noam Chom­sky, womit er den Fin­ger auf die Wunde legt (5). Für die Aktio­näre ist Ren­ta­bi­li­tät die trei­bende Kraft und nicht die wirk­li­chen Erfor­der­nisse der Bevöl­ke­rung. Die gro­ßen Phar­ma­kon­zerne suchen den Markt ab nach dem nächs­ten Huhn, das gol­dene Eier legt, damit sie sich immense Gewinn­span­nen sichern kön­nen. Wäh­rend der Pan­de­mie-freien Zeit kön­nen diese Gewinne mit Sicher­heit nicht aus einer Pro­duk­tion von Impf­stof­fen oder Virus­hemm­stof­fen stam­men. Debruyne, ehe­ma­li­ger lei­ten­der Ange­stell­ter von GSK, bringt es auf den Punkt: «Die feh­lende Ren­dite ist die größte Hürde, denn mit ande­ren Pro­jek­ten machen die Unter­neh­men viel mehr Gewinn.» (6) Um wel­che ‹ande­ren Pro­jekte› geht es hier? Für Big Pharma ist es pro­fi­ta­bler, eine neue Kör­per­creme her­zu­stel­len als einen Impf­stoff», bringt es Chom­sky auf den Punkt (7).

Corona, eine neue Suche nach dem Gral

In dem Moment, in dem sich gewal­tige Markt­chan­cen am Hori­zont abzeich­nen, begeh­ren alle gro­ßen Phar­ma­un­ter­neh­men den glei­chen Schatz. Wäh­rend der­zeit alle Wirt­schafts­zweige von den Fol­gen der Pan­de­mie hart getrof­fen wer­den, spricht man in der Pharma-indus­trie von «Markt­chan­cen» (8). Man braucht sich nur den Pharma-Gigan­ten Johnson&Johnson anzu­se­hen, der noch nicht ein­mal die Ergeb­nisse der kli­ni­schen Stu­dien abwar­tet, um mit der Pro­duk­tion von zig Mil­lio­nen Dosen zu begin­nen (9). «Ein berech­ne­tes Spiel» nach Anga­ben der Firma (10). Allein durch die Ankün­di­gung stieg der Kurs der Johnson&Johnson-Aktie um 8%. Sobald sie den Schim­mer gro­ßer Pro­fite kom­men sehen, haben die Aktio­näre kein Pro­blem mehr damit, die not­wen­di­gen Mit­tel locker zu machen.

Auch das ame­ri­ka­ni­sche Unter­neh­men Gilead Sci­en­ces hat diese neue «Geschäfts­mög­lich­keit» unge­niert ergrif­fen. Nach­dem die WHO bekannt gege­ben hatte, dass Rem­de­si­vir einer der «viel­ver­spre­chends­ten Arz­nei­mit­tel­kan­di­da­ten» sei (11), beeilte sich Gilead, das Medi­ka­ment als «Orphan Drug», d.h. für die Behand­lung sel­te­ner Krank­hei­ten, zu regis­trie­ren (12). Dadurch kann Gilead nun erheb­li­che Gewinne ein­fah­ren, ein­schließ­lich des Rechts auf ein sie­ben­jäh­ri­ges Mono­pol auf diese Behand­lung. Das macht eine erheb­li­che Anhe­bung des Prei­ses mög­lich. Unter star­kem öffent­li­chen Druck musste der Phar­ma­riese einen Rück­zie­her machen (13). Aber es ist den­noch offen­sicht­lich, dass die gro­ßen Phar­ma­kon­zerne jeden vor­stell­ba­ren Kniff anwen­den, um aus die­ser Gesund­heits­krise ihren Vor­teil zu ziehen.

Die Kos­ten für die Gemein­schaft,
der Nut­zen für Big Pharma?

Prak­tisch alle wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritte sind das Ergeb­nis sub­ven­tio­nier­ter For­schung an unse­ren Uni­ver­si­tä­ten und öffent­li­chen For­schungs­in­sti­tu­ten. Dies wird auch durch die Schlüs­sel­rolle des Rega-Insti­tuts des Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven (KUL) und sei­ner Spit­zen­wis­sen­schaft­ler in der Coro­na­vi­rus-For­schung deut­lich (14). Was diese For­scher nun zu Recht befürch­ten, ist, dass es am Ende die Pharma-Kon­zern sind, die sich die öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen aneig­nen wer­den. Somit wird schließ­lich von Big Pharma pri­va­ti­siert, was zu einem öffent­li­chen Gut wer­den sollte.

Die Phar­ma­in­dus­trie macht exzes­si­ven Gebrauch vom Patent­recht, wel­ches für diese mul­ti­na­tio­na­len Kon­zerne maß­ge­schnei­dert wurde. Die Pra­xis zeigt uns, wie das Patent­recht, das angeb­lich zur Sti­mu­la­tion von For­schung und Inno­va­tion geschaf­fen wurde, haupt­säch­lich dazu ver­wen­det wird, Medi­ka­mente zu völ­lig über­höh­ten Prei­sen zu ver­kau­fen. Diese Preise ste­hen in kei­nem Ver­hält­nis zu den tat­säch­li­chen Kos­ten von For­schung und Entwicklung.

Die Pharma-Lobby macht jetzt Über­stun­den, um sicher­zu­stel­len, dass die Unter­neh­men die Hände frei haben, ihre Pro­dukte zum höchst­mög­li­chen Preis zu ver­kau­fen. So ist es die­ser Lobby bei­spiels­weise Anfang März in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gelun­gen, eine Reihe von gesetz­li­chen Bestim­mun­gen zu blo­ckie­ren, mit denen die Regie­rung in die geis­ti­gen Eigen­tums­rechte von Phar­ma­un­ter­neh­men sowie in die Preis­ge­stal­tung von Medi­ka­men­ten und Impf­stof­fen ein­grei­fen konnte. (15) Die öffent­li­chen Sub­ven­tio­nen für die Ent­wick­lung von Arz­nei­mit­teln in Europa (16) ent­hal­ten keine aus­drück­li­chen Garan­tien, sie für alle auch ver­füg­bar und finan­zi­ell zugäng­lich zu machen.

Die gro­ßen Phar­ma­un­ter­neh­men ver­su­chen nun, die Öffent­lich­keit zu beru­hi­gen. Sie ver­kün­den, dass Geld sie nicht inter­es­siere und ihr ein­zi­ges Ziel die öffent­li­che Gesund­heit sei. Erfah­rungs­ge­mäß haben wir jedoch gute Gründe, diese edlen Aus­sa­gen in Frage zu stel­len. Die Hal­tung von Nov­ar­tis gegen­über der klei­nen Pia [ein bel­gi­sches Kind, das an einer sel­te­nen Mus­kel­krank­heit lei­det] ist uns noch frisch im Gedächt­nis. Mit einem Preis von 1,9 Mil­lio­nen Euro ist die lebens­not­wen­dige Behand­lung mit dem Medi­ka­ment Zol­gen­sma zur teu­ers­ten Medi­zin der Welt gewor­den. Nov­ar­tis ver­weist auf die hohen Kos­ten der For­schung, ver­schweigt aber, dass es selbst gar kei­nen Anteil an der wis­sen­schaft­li­chen Ent­wick­lung die­ses Medi­ka­ments hat, son­dern es auf das öffent­li­che For­schungs­la­bor Gen­ethon zurück­geht. Die­ses wird zudem durch… Crowd­fun­ding finan­ziert. Es ist immer und immer wie­der die­selbe Geschichte. Das muss been­det wer­den und zwar sofort.

Gesund­heit geht vor Pro­fit: Schluss mit der Marktlogik

Der Wider­stand gegen die ver­meint­lich unan­tast­ba­ren Gesetze des Mark­tes wird immer grö­ßer. Das zeigt der offene Brief, in dem Méde­cins sans Fron­tiè­res und Méde­cins du Monde zusam­men mit rund 60 wei­te­ren Orga­ni­sa­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft drin­gend dazu auf­for­dern, die öffent­li­che Gesund­heit über die Pro­fit­gier zu stel­len. (17) Die Not­wen­dig­keit eines Para­dig­men­wech­sels wird immer deutlicher.

Wir brau­chen Koope­ra­tion anstelle von Kon­kur­renz. Wir brau­chen die gemein­same Nut­zung von For­schungs­er­geb­nis­sen von alle betei­lig­ten Par­teien gleich­zei­tig. Indem man die Stärke der kol­lek­ti­ven For­schung nutzt, kann wert­volle Ener­gie und Zeit gespart wer­den. Zusam­men­ar­beit ist auch das Ziel des Appells Costa Ricas an die WHO. Es soll ein «Patent­pool» ein­ge­rich­tet wer­den, das alle Rechte an Daten, das Wis­sen und die Tech­no­lo­gie, die im Kampf gegen Covid-19 nütz­lich sind, sam­melt (18). Die Nie­der­lande haben bereits beschlos­sen, sich am Patent­pool zu betei­li­gen, es liegt nun auch an Bel­gien, sich anzu­schlie­ßen (19).

Die Regie­rung muss eine aus­rei­chende Ver­füg­bar­keit und die nied­rigs­ten Ent­wick­lungs­kos­ten sicher­stel­len. Dies kann durch ver­bind­li­che Lizen­zen gesche­hen. Die­ses Prin­zip der gesetz­li­chen Lizen­zen ermög­lichte es Nel­son Man­dela Ende der 1990er Jahre, das Mono­pol der mul­ti­na­tio­na­len Phar­ma­kon­zerne auf HIV-Medi­ka­mente zu been­den. Heute haben Kanada (20), Chile (21) und Ecua­dor (22) bereits ähn­li­che Schritte unter­nom­men. In unse­rem Land sind sie bereits mög­lich, aber unsere Regie­rung zögert immer noch mit der Umset­zung. Das muss sich ändern.

Wir müs­sen sehr schnell han­deln, um gemein­sam das Coro­na­vi­rus zu besie­gen. Ändern wir die Funk­ti­ons­weise der Phar­ma­in­dus­trie, denn diese Indus­trie ist und macht krank. Es wird Zeit, es in Angriff zu neh­men und den Men­schen in den Mit­tel­punkt zu stel­len, statt eines Wett­streits um den maxi­ma­len Pro­fit. Und das kann nur gesche­hen, indem For­schung und Ent­wick­lung – sowie die Ergeb­nisse die­ser Arbeit – in die Hände der Gemein­schaft gelegt werden.

Ana­lyse von Sofie Merckx und
Anne Delespaul, solidaire.org
Quelle: international.ptb-pvda.be

1 Humo, 14/03/2020
2 The Guar­dian, 27/03/2020
3 WHO
4 VRT, 14/03/2020
5 Chom­sky, 04/04/2020
6 Trends, 19/03/2020
7 Idem
8 The inter­cept, 13/03/2020
9 hln.be
10 De Mor­gen, 02/04/2020
11 Sciencemag.org, 22/03/2020
12 The inter­cept, 23/03/2020
13 The inter­cept, 25/03/2020
14 kuleuven.be
15 Poli­tico, 05/03/2020
16 Inno­va­tive Medi­ci­nes Initia­tive
17 Euro­pean Public Ser­vice Union, 25/03/2020
18 keionline.org/32556
19 Rijksoverheid.nl
20 parl.ca/
21 keionline.org/wp-content/uploads/resolucioncoronavirus.pdf
22 keionline.org/wp-content/uploads/ES-Ecuador-CL-resolution.pdf