Gleich­schal­tung

«Pres­se­frei­heit ist die Frei­heit von zwei­hun­dert rei­chen Leu­ten, ihre Mei­nung zu verbreiten.»

Die Bun­des­re­pu­blik ist spä­tes­tens seit der Lie­fe­rung von Waf­fen an die Ukraine Kriegs­par­tei im Stell­ver­tre­ter­krieg der Nato gegen Russland.

Bun­des­kanz­ler Scholz, der anfangs Waf­fen­lie­fe­run­gen mit dem Hin­weis auf die Gefahr der Eska­la­tion zu einem Atom­krieg ablehnte, wurde von einer brei­ten Medi­en­kam­pa­gne regel­recht dazu getrie­ben. Auch im Angriffs­krieg der NATO gegen Jugo­sla­wien 1999 presch­ten die deut­schen Medien als Kriegs­trei­ber voran. Und im Fall des Irak-Krie­ges musste sich der dama­lige Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der, der sich gewei­gert hatte, Trup­pen für den Krieg zu stel­len, dem Druck der Medien beu­gen. Deutsch­land wurde durch die Unter­stüt­zung der USA bei­spiels­weise bei der mili­tä­ri­schen Auf­klä­rung zur Pla­nung von Bom­ber­ein­sät­zen oder der Absi­che­rung des ame­ri­ka­ni­schen Auf­mar­sches de facto Kriegspartei.

Zahl­reich ist die Lite­ra­tur über die Macht der Medien, über ihren Ein­fluss auf Wahl­er­geb­nisse, auf den Erfolg oder das Schei­tern von poli­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen. Der Auf­stieg der AFD ist ebenso das Resul­tat einer Medi­en­kam­pa­gne wie das Zustan­de­kom­men der Ampel-Koalition.

Jüngst erschien das Buch «Die vierte Gewalt» von Richard David Precht und Harald Wel­ser, in dem beschrie­ben wird, wie Mehr­heits­mei­nung gemacht wird. Natur­ge­mäß und als Bestä­ti­gung wer­den Unter­su­chun­gen zur Medi­en­kon­zen­tra­tion und Mei­nungs­gleich­schal­tung mit media­ler Nicht­be­ach­tung gestraft.

Die Mei­nung von 200 rei­chen Leuten

Ana­ly­sen der mono­po­lis­ti­schen Struk­tu­ren im Medi­en­be­reich sind indes rar. Aber der kon­ser­va­tive Jour­na­list Paul Sethe (1901−1967) hat es schon 1965 auf den Punkt gebracht: «Pres­se­frei­heit ist die Frei­heit von zwei­hun­dert rei­chen Leu­ten, ihre Mei­nung zu ver­brei­ten.» Und ergänzte: «Da die Her­stel­lung von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten immer grö­ße­res Kapi­tal erfor­dert, wird der Kreis der Per­so­nen, die Pres­se­or­gane her­aus­ge­ben, immer klei­ner. Damit wird unsere Abhän­gig­keit immer grö­ßer und immer gefährlicher.»

Im August 1966 unter­füt­terte der SPIE­GEL die­sen Befund mit Zah­len. Die 1495 Zei­tun­gen in der Bun­des­re­pu­blik wur­den damals von ledig­lich 174 poli­ti­schen Redak­tio­nen her­ge­stellt. «Von die­sen 174 selb­stän­di­gen Zei­tungs­re­dak­tio­nen, die vor allem durch eine poli­ti­sche Redak­tion aus­ge­wie­sen sind, redi­gie­ren knapp die Hälfte, näm­lich 82, ins­ge­samt 85 Pro­zent der täg­li­chen Gesamt­auf­lage der deut­schen Presse. Der Rest der Auf­lage – 15 Pro­zent – ent­fällt auf die übri­gen 92 Redak­tio­nen. Etwas über­trie­ben kann man daher sagen, dass die deut­sche Presse aus 82 Tages­zei­tun­gen besteht.» So war es 1966 in der alten Bun­des­re­pu­blik. Ein Ver­gleich mit der heu­ti­gen Situa­tion ist nur schwer mög­lich. Immer­hin gut­ach­tet der wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­tags am 3. Juli 2018 über die «Lage des Zei­tungs­mark­tes in Frank­reich und Deutsch­land» und stellt fest, dass im Jahr 2014 noch 329 Tages­zei­tun­gen mit einer Gesamt­auf­lage von 17,54 Mio. erschie­nen sind. Von den 1495 Zei­tun­gen des Jah­res 1966 waren also noch 329 im Geschäft. Die Kon­zen­tra­tion konnte gleich­wohl den Auf­la­gen­rück­gang nicht auf­hal­ten. Allein im Zeit­raum 2005–2015 betrug er 25%. Umso deut­li­cher stieg der Kon­sum ande­rer Medien.

Laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt vom Dezem­ber 2021 ließ sich der Durch­schnitts-Bun­des­bür­ger im Jahr 2021 vier Stun­den des Tages vom Fern­se­her berie­seln. Der Fern­seh­kon­sum hängt indes stark vom Alter ab: Wäh­rend im Jahr 2021 die Alters­gruppe von 14 bis 19 Jah­ren durch­schnitt­lich 37 Minu­ten vor der Glotze saß, kam die Gesamt­gruppe ab drei Jah­ren auf 213 Minu­ten. Im Zeit­raum von 1997 bis unge­fähr 2010 stieg die durch­schnitt­li­che Seh­dauer in Deutsch­land um eine knappe halbe Stunde auf mehr als 220 Minu­ten an. In den Fol­ge­jah­ren wurde das Niveau rela­tiv kon­stant gehal­ten. Bei den Kin­dern ist eher Ver­zicht fest­zu­stel­len: die 10- bis 13-Jäh­ri­gen redu­zier­ten ihren Fern­seh­kon­sum zwi­schen 2010 und 2020 von 107 auf 59 Minu­ten. Die Zahl der Smart­phone­be­sit­zer stieg zwi­schen 2014 und 2018 von 59 auf 89 Prozent.

Pres­se­kon­zen­tra­tion

Die Daten­lage über die Ent­wick­lung im Medi­en­sek­tor ist nach Aus­sage der Autoren des ISW-Hef­tes Nr.118 «Zur poli­ti­schen Öko­no­mie der Medien in Deutsch­land“ schlecht. Die bis 1994 vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt her­aus­ge­ge­bene Pres­se­sta­tis­tik wurde durch einen Beschluss der dama­li­gen Bun­des­re­gie­rung ausgesetzt.

Auf­schluss über den zuneh­men­den Kon­zen­tra­ti­ons­grad im Pres­se­be­reich geben die im Zwei­jah­res­takt seit 1997 her­aus­ge­ge­be­nen Stu­dien von Horst Röpers zur Ent­wick­lung auf dem deut­schen Zei­tungs­markt. Die Unter­su­chung für den Zeit­raum von 2018 bis 2020 kommt zu fol­gen­dem Ergeb­nis: “2018 bis 2020 wurde die Pres­se­viel­falt wei­ter ein­ge­schränkt. Ver­stärkt kam es zu Schlie­ßun­gen und Zusam­men­füh­run­gen von Redak­tio­nen sowie Über­nah­men bzw. Zukäu­fen gan­zer Zei­tungs­teile (vor allem im Loka­len). Der Ver­zicht auf eine eigene Lokal­be­richt­erstat­tung betrifft häu­fig nicht nur das jewei­lige Print­pro­dukt, son­dern auch des­sen digi­tale Ange­bote. Dass man­cher­orts Lokal­funk­an­ge­bote und lokal-jour­na­lis­ti­sche Por­tale von Drit­ten hin­zu­kom­men, lin­dert den Ver­lust zumin­dest etwas. Auch für die über­re­gio­nale Bericht­erstat­tung von Zei­tun­gen gilt, dass sie immer uni­for­mer wird. In jüngs­ter Zeit ver­zich­ten Ver­lage zum Bei­spiel voll­stän­dig auf eine eigene Haupt­re­dak­tion und über­neh­men den Man­tel von einem ande­ren Verlag.»

Beherrscht wird der deut­sche Medi­en­markt von einer Hand­voll Kon­zerne. Das Köl­ner Insti­tut für Medien- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik ver­öf­fent­licht eine jähr­li­che Rang­liste der 10 größ­ten Medi­en­un­ter­neh­men, zwei davon sind öffent­lich-recht­lich (ARD und ZDF), die ande­ren pri­vat . An ers­ter Stelle befin­det sich mit gro­ßem Abstand mit einem jähr­li­chen Umsatz von etwa 18 Mil­li­ar­den Euro Ber­tels­mann vor ARD (6,6 Mil­li­ar­den), ProSiebenSat1(4), Axel Sprin­ger (3,2) und Hubert Burda Media (2,7).

Diese Medi­en­un­ter­neh­men, die sich mit Aus­nahme der öffent­lich-recht­li­chen haupt­säch­lich in Fami­li­en­be­sitz befin­den, bestim­men die öffent­li­che Mei­nung und bil­den den ideo­lo­gi­schen Über­bau für eine neo­li­be­rale Wirtschaftsordnung.

Ber­tels­mann

Eine her­aus­ra­gende Stel­lung nimmt der Ber­tels­mann-Kon­zern ein. Zu ihm gehö­ren etwa 1200 Unter­neh­men mit welt­weit über 117.000 Ange­stell­ten. Ber­tels­mann besitzt 76 TV-Sta­tio­nen, 31 Radio­sen­der, Dru­cke­reien und mit Pen­guin Ran­dom House die größte Buch­ver­lags­gruppe der Welt mit mehr als 300 Ver­la­gen in rund 50 Län­dern. Zur Grö­ßen­ord­nung: Ran­dom House kon­trol­liert etwa 1⁄4 der welt­wei­ten Buch­pro­duk­tion. Wei­tere Bestand­teile des Kon­zerns sind die RTL-Group, Gru­ner und Jahr (Zeit­schrif­ten), Arvato (Dienst­leis­tun­gen), die Ber­tels­mann Edu­ca­tion Group (Bil­dung) und Ber­tels­mann Invest­ments (fonds).

Über die Ber­tels­mann-Stif­tung übt der Kon­zern mas­si­ven Ein­fluss auf die Poli­tik und die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung aus.

Ein Bei­spiel: Thilo Sar­ra­zins «Deutsch­land schafft sich ab» hat die Deut­sche Ver­lags­an­stalt (DVA) aus der Pen­guin Ran­dom House Ver­lags­gruppe GmbH im Jahr 2010 auf den Markt gebracht. Es wurde ein Best­sel­ler. Die Auf­lage von 1,5 Mil­lio­nen Exem­pla­ren (2012) ver­schaffte Sar­ra­zin ein Hono­rar von meh­re­ren Mil­lio­nen Euro. Die Stif­tung hatte viel­fäl­tige mediale Gele­gen­hei­ten, das Buch zu bewer­ben, auf Ver­an­stal­tun­gen, in Druckerzeug­nis­sen und nicht zuletzt im Fern­se­hen. Die RTL Group SA betreibt 57 Fern­seh- und 31 Radio­sen­der in Europa. Es gibt kei­nen grö­ße­ren Betrei­ber von wer­be­fi­nan­zier­tem Pri­vat­fern­se­hen und Privatradios.

Ein ande­res Bei­spiel: Im Jahr 1992 wurde die soge­nannte Bil­dungs­kom­mis­sion NRW beru­fen. Laut Minis­ter­prä­si­dent Johan­nes Rau sollte die Kom­mis­sion «lang­fris­tig ange­legte und gründ­li­che Refor­men» erar­bei­ten. Die Kom­mis­sion war «hoch­ka­rä­tig besetzt». Dar­un­ter Päd­ago­gen, Gewerk­schaf­ter und Wis­sen­schaft­ler, dane­ben aber auch Hil­mar Kop­per von der Deut­schen Bank und Rein­hard Mohn (1921- 2009), der dama­lige Eigen­tü­mer von Ber­tels­mann. Geschäfts­füh­rer der Kom­mis­sion wurde Rai­ner Brock­meyer, lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter der Ber­tels­mann Stif­tung und Autor der Denk­schrift «Zukunft der Bil­dung – Schule der Zukunft». Sie prägt mitt­ler­weile das Schul­we­sen in NRW ganz unab­hän­gig davon, wel­ches Par­tei­buch die Kul­tus­mi­nis­te­rin hat. Die Ziel­rich­tung der Denk­schrift wird unter einem Schwall von päd­ago­gi­schem und Wis­sen­schafts­jar­gon ver­bor­gen. Da wird von der «Plu­ra­li­sie­rung der Lebens­for­men und der sozia­len Bezie­hun­gen» geschwa­felt, vom Wan­del der Wert­vor­stel­lun­gen und Ori­en­tie­run­gen – in Wahr­heit, um den weit­rei­chen­den Bil­dungs­ab­bau zu verhüllen.

Ursprüng­lich ebenso wie die Stif­tun­gen ande­rer Medi­en­kon­zerne zum Zwe­cke der Ein­spa­rung von Steu­ern gegrün­det, hat sich die Ber­tels­mann-Stif­tung zu einem «Staat im Staate» ent­wi­ckelt, der sich «wie ein gefähr­li­cher Krake aus­brei­tet und die neo­li­be­rale Ideo­lo­gie in die Gesell­schaft trans­por­tiert.» (Albrecht Mül­ler, Her­aus­ge­ber der Nachdenkseiten).

Ber­tels­mann ver­folgt das Ziel der voll­stän­di­gen neo­li­be­ra­len Umge­stal­tung der Gesell­schaft und der Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Auf­ga­ben. Ob bei der fort­schrei­ten­den Öko­no­mi­sie­rung von Bil­dung, Gesund­heit und For­schung, Sozi­al­ab­bau und Dere­gu­lie­rung von Staats­aus­ga­ben – die Ber­tels­män­ner sind betei­ligt. Was Ber­tels­mann der Poli­tik ein­flüs­tert, wird eins zu eins in Regie­rungs­han­deln umgesetzt.

Über das «Cen­trum für Hoch­schul­ent­wick­lung» (CHE) bei­spiels­weise, eine gemein­same Insti­tu­tion von Ber­tels­mann und der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz (HRK), das die Umge­stal­tung der Uni­ver­si­tät zu einem Dienst­leis­tungs­be­trieb vor­an­treibt, übt Ber­tels­mann die unein­ge­schränkte Mei­nungs­füh­rer­schaft in Sachen Hoch­schule aus.

Äußerst ver­zweigt ist das Netz­werk der Stif­tung, unüber­schau­bar die Ver­bin­dun­gen zu ande­ren neo­li­be­ra­len Stif­tun­gen wie der Atlan­tik-Brü­cke oder der «Fried­rich August von Hayek-Stif­tung», zu insti­tu­tio­nel­len Anle­gern und dem Finanz­ka­pi­tal. Hinzu kommt der direkte Kon­takt zu Poli­ti­kern und Ent­schei­dungs­trä­gern in der Wirtschaft.

Anders als im Fall des glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Netz­werks Attac, dem auf Betrei­ben des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums vom Bun­des­fi­nanz­hof wegen tages­po­li­ti­schem Akti­vis­mus 2019 die Gemein­nüt­zig­keit ent­zo­gen wurde, wird eine sol­che Maß­nahme gegen die Ber­tels­mann-Stif­tung wegen Lob­by­is­mus nicht erwogen.

Ver.di stellte immer­hin 2007 die Zusam­men­ar­beit mit der Ber­tels­mann-Stif­tung auf­grund ihrer Rolle als trei­bende Kraft bei Pri­va­ti­sie­run­gen und Abbau sozia­ler Leis­tun­gen ein. Ein ent­spre­chen­der Antrag wurde auf dem Bun­des­kon­gress gegen den Vor­stand beschlos­sen. Es liegt auf der Hand, dass Kon­zern­me­dien, die Teil der Kapi­tal­macht sind, ihre demo­kra­ti­sche Kri­tik- und Kon­troll­funk­tion kaum mehr wahr­neh­men und als Sprach­rohre des Mono­pol­ka­pi­tals deren poli­tisch-öko­no­mi­schen Herr­schaft dienen.

Oder mit Marx gespro­chen: «Die erste Frei­heit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein». Kontrollversuche

Nach Nie­der­schla­gung des Hit­ler­fa­schis­mus stan­den die Alli­ier­ten vor der Auf­gabe, das gleich­ge­schal­tete Medien- und Pres­se­we­sen neu zu ord­nen. Aus der Nazi-Zeit wurde die Lehre gezo­gen, dass dies nach demo­kra­ti­schen Grund­sät­zen erfol­gen müsse. Die Medi­en­macht sollte sich nicht mehr in den Hän­den des Staa­tes, ein­zel­ner Macht­grup­pen oder einer Hand­voll pri­va­ter Ver­le­ger befinden.

Nach Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik wur­den die alten Besitz­ver­hält­nisse restau­riert, die Alt­ver­le­ger durf­ten ihre Geschäfte wie­der auf­neh­men und die Mono­pol­stel­lung der Kon­zern­me­dien wurde wiederhergestellt.

Aller­dings sorg­ten die Alli­ier­ten nach 1945 für die Ein­rich­tung eines öffent­lich-recht­lich orga­ni­sier­ten Rund­funks. Die Sen­der wur­den als bei­trags­fi­nan­zierte Kör­per­schaf­ten, bzw. Anstal­ten des öffent­li­chen Rechts, gegrün­det. Ab den acht­zi­ger Jah­ren durf­ten mit den öffent­lich-recht­li­chen Anstal­ten pri­vate Grün­dun­gen konkurrieren.

Die Tätig­keit der Rund­funk- und Tele­me­di­en­an­bie­ter ist indes gesetz­lich gere­gelt. Der Medi­en­staats­ver­trag hat die gesamte digi­tale Medi­en­welt im Blick, er regelt neben Radio und Fern­se­hen digi­tale Medi­en­an­bie­ter, dar­un­ter Medi­en­in­ter­me­diäre, Smart-TVs, Voice-Assis­ten­ten, Video­strea­mer und Blogs. Er ist seit dem 7. Novem­ber 2020 in Kraft. Zuvor ist er von den 16 deut­schen Lan­des­par­la­men­ten ange­nom­men wor­den. Auf­sichts­be­hör­den sind die jewei­li­gen Lan­des­me­di­en­an­stal­ten, die vor allem die pri­va­ten Rund­funk­an­bie­ter, Fern­seh­an­stal­ten und Tele­me­dien über­wa­chen sowie Sen­de­li­zen­zen an pri­vate Hör­funk- und Fern­seh­ver­an­stal­ter vergeben.

Medi­en­tage München

Am ver­gan­ge­nen Mitt­woch (19. Okto­ber) konnte man den Bericht von Han­nes Hin­ter­meier in der FAZ über die Medi­en­tage Mün­chen (18.–20. Okt) lesen. Titel «Stopp­schil­der für böse Gedan­ken», Ver­an­stal­ter der Kon­fe­renz ist die Medien.Bayern GmbH, eine 100 pro­zen­tige Toch­ter­firma der Lan­des­me­di­en­an­stalt, die in Bay­ern «Baye­ri­sche Lan­des­zen­trale für neue Medien (BLM)» heißt. Das Motto der Ver­an­stal­tung war: More rele­vant than ever. Die Zei­tung berich­tet, der ukrai­ni­sche Box­held und Poli­tik­ak­ti­vist Wla­di­mir Klit­schko sei voll des Lobes für west­li­che Kriegs­be­richt­erstat­ter gewe­sen. «In Kiew und in der Ukraine brau­chen wir mehr Ver­tre­ter von freien Medien», for­derte Wla­di­mir Klit­schko. Er lobte den Ein­satz von Bild-Repor­ter Paul Ron­z­hei­mer vor Ort. «Medien sind auch eine Waffe». Von poli­ti­schen Kon­tro­ver­sen auf der Ver­an­stal­tung wird nicht berichtet.

Eine Pres­se­mit­tei­lung der Medi­en­tage zitiert Thors­ten Schmiede, Prä­si­dent der bay­ri­schen Lan­des­me­di­en­zen­trale. Er ver­wies auf Ver­schwö­rungs­theo­rien, Fake News und Pro­pa­ganda. Der Krieg in der Ukraine bedeute auch einen Angriff auf die Infor­ma­ti­ons- und Mei­nungs­frei­heit. Umso wich­ti­ger werde ein Qua­li­täts­jour­na­lis­mus, der außer auf Qua­li­tät auch auf Glaub­wür­dig­keit und Ver­trauen basiere. Wer rele­vant blei­ben wolle, müsse «auf Augen­höhe» berich­ten und die Spra­che des Publi­kums spre­chen. Außer­dem sei in einem von Algo­rith­men und Intrans­pa­renz gepräg­ten Markt staats­ferne Regu­lie­rung «rele­van­ter denn je, um freie und plu­ra­lis­ti­sche Medien zu schüt­zen.» «Medien haben in Kri­sen beson­dere Funk­tio­nen», betonte Mar­kus Söder. Die Zei­ten eines strik­ten Ant­ago­nis­mus zwi­schen öffent­lich-recht­li­chem und pri­vat­wirt­schaft­li­chem Rund­funk seien vor­bei. Ange­sichts der Kon­ver­genz der Medien, bei der alles ver­schmelze, gehe es inzwi­schen um andere Her­aus­for­de­run­gen. Der baye­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent machte auf das Dilemma auf­merk­sam, dass es nie zuvor mehr wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis und Par­ti­zi­pa­ti­ons­chan­cen gege­ben habe, sich heute aber trotz­dem Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen «ohne Ende» ver­brei­ten wür­den. So wür­den Unsi­cher­hei­ten geschürt, um Mei­nun­gen zu prä­gen und desta­bi­li­sie­rende The­men zu eta­blie­ren. Des­halb müss­ten Medien Men­schen eine «Ein­ord­nungs­kom­pe­tenz» ver­mit­teln, um den «objek­ti­ven Kern» von Ereig­nis­sen sicht­bar zu machen. Mar­kus Söder warnte vor gefähr­li­chen und die Demo­kra­tie desta­bi­li­sie­ren­den Fol­gen der Des­in­for­ma­tion. Grund­sätz­lich sei eine Balance zwi­schen Infor­ma­tion und «Mei­nungs­prä­gung» schwie­rig. Hal­tung und Hand­werk aber seien «ver­schie­dene Dinge». Die FAZ zitierte Söder: Erst unlängst habe er bei einer Feier der «Süd­deut­schen Zei­tung» gesagt, eine Redak­tion dürfe kein «Akti­vis­ten-Camp» sein, wohl aber müsse Jour­na­lis­mus zusam­men mit der Poli­tik Stopp­schil­der auf­stel­len gegen böse Gedan­ken, aus denen böse Taten wer­den könnten.

Netz­durch­set­zungs­ge­setz

Vor fünf Jah­ren ist das Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz (NetzDG) beschlos­sen wor­den. Es reagierte vor­geb­lich auf die zuneh­mende Ver­brei­tung von soge­nann­ter Hass­kri­mi­na­li­tät und ande­ren straf­ba­ren Inhal­ten vor allem in sozia­len Netz­wer­ken wie Face­book, You­Tube und Twit­ter. In Wahr­heit pri­va­ti­siert es die Zen­sur. In Essen wur­den 500 Mit­ar­bei­ter ein­ge­stellt, um Face­book- Inhalte zu prü­fen und straf­bare und belei­di­gende Ein­träge zu ent­fer­nen. Betrei­ber die­ser Zen­sur­in­stanz ist die Firma Com­pe­tence Call Cen­ter (CCC), eine Filiale von Arvato (Ber­tels­mann). In Ber­lin wurde die Zahl der Mit­ar­bei­ter, die für Face­book im Lösch­ein­satz sind, auf 700 erhöht. Welt­weit sind sol­che Lösch­zen­tren eingerichtet.

Das NetzDG blieb strei­tig, eine Novelle wurde fäl­lig. Schließ­lich trat am 28. Juni 2021 das Gesetz zur Ände­rung des Netz­werk­durch­set­zungs­ge­set­zes in Kraft.

Am 1. März 2022 ent­schied das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln auf Antrag von Google Ire­land und Meta Plat­forms Ire­land, dass zen­trale Vor­schrif­ten des NetzDG wegen Ver­sto­ßes gegen uni­ons­recht­li­che Vor­schrif­ten unan­wend­bar seien.

Wei­tere Zensurmaßnahmen

Jüngst wurde von den Nach­denk­sei­ten (NDS) ein Doku­ment des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums (BMI) mit dem Titel «Lau­fende Akti­vi­tä­ten der Res­sorts und Behör­den gegen Des­in­for­ma­tion im Zusam­men­hang mit RUS Krieg gegen UKR» ver­öf­fent­licht (gele­akt). Die junge Welt berich­tete in der Aus­gabe vom 6. Okto­ber dar­über. Es beinhal­tet einen «Zehn-Punkte-Resi­li­en­z­plan» und sieht unter ande­rem Maß­nah­men zur geziel­ten Ein­fluss­nahme auf Man­dats­trä­ger und die Inten­si­vie­rung von Kon­tak­ten zu den Leit­me­dien und den gro­ßen sozia­len Platt­for­men wie Twit­ter, Meta, Google und Tele­gram vor, «um diese für staat­lich gesteu­erte Des­in­for­ma­tion (natür­lich sei­tens der rus­si­schen Regie­rung) zu sensibilisieren.»

Beson­ders umtrie­big beim Bemü­hen, die Bot­schaft der Regie­rung zum Ukraine-Krieg (Frie­den schaf­fen durch Waf­fen, Russ­land muss in die Knie gezwun­gen oder in den Wor­ten des Baer­bocks «rui­niert» wer­den) zu ver­brei­ten, ist Clau­dia Roth (Die Grü­nen) in ihrer Funk­tion als «Beauf­tragte der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medien» (BKM).

Weiß­buch der Bun­des­wehr und Kon­zep­tion Zivile Verteidigung

Bereits in der vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­rium 2016 her­aus­ge­ge­be­nen «Kon­zep­tion Zivile Ver­tei­di­gung» und eben­falls im «Weiß­buch 2016 zur Sicher­heits­po­li­tik und zur Zukunft der Bun­des­wehr» wird die Gleich­schal­tung der öffent­li­chen Mei­nung und die Ver­volks­ge­mein­schaf­tung der deut­schen Bevöl­ke­rung propagiert.

Häu­fige Ver­wen­dung fin­det auch in die­sen bei­den Regie­rungs­pa­pie­ren der Mode-Begriff «Resi­li­enz», was so viel wie Wider­stands­fä­hig­keit bedeu­tet, die ange­sichts zahl­rei­cher inne­rer und äuße­rer Bedro­hun­gen gestärkt wer­den müsse.

Wört­lich: «Hierzu gehö­ren auch ein bes­se­rer Schutz kri­ti­scher Infra­struk­tu­ren, der Abbau von Ver­wund­bar­kei­ten im Ener­gie­sek­tor, Fra­gen des Zivil- und des Kata­stro­phen­schut­zes, effi­zi­ente Grenz­kon­trol­len, eine poli­zei­lich garan­tierte innere Ord­nung und schnell ver­leg­bare, ein­satz­be­reite mili­tä­ri­sche Kräfte. Poli­tik, Medien und Gesell­schaft sind glei­cher­ma­ßen gefragt, wenn es darum geht, Pro­pa­ganda zu ent­lar­ven und ihr mit fak­ten­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­tion ent­ge­gen­zu­tre­ten.» (Weiß­buch S. 39) «Für die gesamt­staat­li­che Sicher­heits­vor­sorge ist die Stär­kung von Resi­li­enz und Robust­heit unse­res Lan­des gegen­über aktu­el­len und zukünf­ti­gen Gefähr­dun­gen von beson­de­rer Bedeu­tung. Dabei gilt es, die Zusam­men­ar­beit zwi­schen staat­li­chen Orga­nen, Bür­ge­rin­nen und Bür­gern sowie pri­va­ten Betrei­bern kri­ti­scher Infra­struk­tur, aber auch den Medien und Netz­be­trei­bern zu inten­si­vie­ren.» (Weiß­buch S. 48). Unter die Rubrik Abwehr­be­reit­schaft falle die Siche­rung von Informations‑, Kommunikations‑, Versorgungs‑, Trans­port- und Han­dels­li­nien samt Roh­stoff- und Ener­gie­zu­fuhr. (Weiß­buch S. 41)

Mitt­ler­weile über­wiegt der Katzenjammer

Klaus Weber zitiert in sei­nem Arti­kel zur gegen­wär­ti­gen For­mie­rung und Fes­ti­gung der Hei­mat­front eine Pas­sage aus Karl Kraus› «Die letz­ten Tage der Mensch­heit»: «Das Durch­hal­ten zum Bei­spiel, das is unsere Pas­sion» / «Der Krieg hat auch sei­nen Segen. Er ist ein gar stren­ger Lehr­meis­ter der Völ­ker, über die er seine Zucht­rute schwingt» / «jetzt is Krieg, mein lie­ber Herr! Da muss der Staats­bür­ger schon auch ein bißl was dazu tun». Das waren Pro­pa­gan­da­flos­keln, mit denen der Bevöl­ke­rung der Erste Welt­krieg schmack­haft gemacht wurde. Damals hat das funk­tio­niert.
Heute:
«Wir als Land wer­den nur dann gut durch diese Krise kom­men, wenn wir uns unter­ha­ken.» (Olaf Scholz)
«Wir kön­nen auch ein­mal frie­ren für die Frei­heit. Und wir kön­nen auch ein­mal ein paar Jahre ertra­gen, dass wir weni­ger an Lebens­glück und Lebens­freude haben.» (Exbun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck)
«Deutsch­land muss die­nend füh­ren!» (Robert Habeck)
«Das wird das Land in der einen oder ande­ren Form tra­gen müs­sen.» (Robert Habeck)
«Meine Dusch­zeit habe ich noch ein­mal deut­lich ver­kürzt.» (Robert Habeck)
Es gibt Anlass zur Zuver­sicht: Die geballte Pro­pa­ganda der gleich­ge­schal­te­ten Medien für die Sank­tio­nen gegen Russ­land und Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Ukraine, alle Appelle an die Opfer­be­reit­schaft der Bevöl­ke­rung, Soli­da­ri­tät genannt, ver­fan­gen nicht so recht. Die über­wie­gende Mehr­heit der deut­schen Bevöl­ke­rung ist gegen die Ver­län­ge­rung des Krie­ges durch die Lie­fe­rung von Waf­fen, für die Auf­nahme von Frie­dens­ver­hand­lun­gen und die Ein­stel­lung der Sank­tio­nen. Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ist nicht bereit, aus «Soli­da­ri­tät» mit der Ukraine zu frie­ren. Sie ist nicht bereit, für die Ver­tei­di­gung der west­li­chen Hege­mo­nie, der soge­nann­ten «regel­ba­sier­ten Ord­nung» zu verarmen.

Klaus Stein / Dirk Stehling

DKP Köln-Innen­stadt, 24.10.2022


Gleich­schal­tung