Der Bei­trag der Künst­li­chen Intel­li­genz zur Überakkumulationskrise

Photo: Li Hao/GT, 2nd World Humanoid Robot Games, 22.-26.08.26, 5-gegen-5-Fußball, https://www.globaltimes.cn/galleries/6312.html

Intel­li­gente KI-Ent­wick­lung «Sym­pho­nie der inter­na­tio­na­len Kooperation»

Im Novem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res warnte die Bun­des­bank in ihrem Finanz­sta­bi­li­täts­be­richt ver­gleichs­weise bie­der und recht all­ge­mein vor Gefah­ren der Künst­li­chen Intel­li­genz: «Je höher die Kos­ten der Ver­wen­dung von KI-Sys­te­men oder die Inves­ti­ti­ons­kos­ten zur Ent­wick­lung eige­ner Modelle, desto grö­ßer ist die Ten­denz zu zuneh­men­der Kon­zen­tra­tion von Markt­macht bei ein­zel­nen Inter­me­diä­ren (= Ban­ken, Fonds und Ver­si­che­rern), wenn diese durch den Ein­satz von KI einen Wett­be­werbs­vor­teil haben. Außer­dem könn­ten neue Kon­zen­tra­ti­ons­ri­si­ken ent­ste­hen, wenn weite Teile des Finanz­sys­tems von den Pro­duk­ten eini­ger weni­ger Anbie­ter von KI-Sys­te­men abhän­gig sind. Ein brei­tes und vor­aus­schau­en­des Moni­to­ring ist daher wich­tig, um Ent­wick­lun­gen früh­zei­tig zu erken­nen und Risi­ken für die Finanz­sta­bi­li­tät abzu­schät­zen.»

Künst­li­che Intel­li­genz ängstigt

Erkenn­bar bal­len sich gegen­wär­tig die Risi­ken. Mil­lio­nen von indi­schen Stu­den­ten und jun­gen Aka­de­mi­kern pro­tes­tier­ten im Mai und Juni unter dem sati­ri­schen Ban­ner einer Kaker­la­ken-Volks­par­tei in Neu Delhi und ande­ren gro­ßen Städ­ten des Lan­des. Der Oberste Rich­ter Surya Kant hatte demons­trie­rende Jugend­li­che als Kaker­la­ken bezeich­net, nach­dem Prü­fungs­fra­gen für die Zulas­sung zum Medi­zin­stu­dium vorab ver­öf­fent­licht wor­den waren. Die Prü­fung wurde wie­der­holt. Die Demons­tra­tio­nen for­der­ten den Rück­tritt des Bil­dungs­mi­nis­ters Dhar­men­dra Prad­han. Nach 36 Tagen gab die Regie­rung die­ser beschei­de­nen For­de­rung nach. Hin­ter­grund der Pro­teste ist die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit in Indien, 400 Mil­lio­nen Men­schen im Alter von 15 bis 29 Jah­ren sind in Not. Aber auch: Zwi­schen 2022 und 2025 konn­ten Jugend­pro­teste in den Nach­bar­län­dern mit ähn­li­chen Pro­ble­men wie Sri Lanka, Ban­gla­desch und Nepal die Regie­run­gen stür­zen.
In einer Repor­tage vom 14. August stellt die FAZ einen Zusam­men­hang mit den Fol­gen der Künst­li­chen Intel­li­genz her. 70 Pro­zent die­ser Gene­ra­tion hät­ten Angst, ihren Arbeits­platz durch KI zu ver­lie­ren. Auto­ma­ti­sie­rung und KI erhöh­ten den Druck auf den ohne­hin ange­spann­ten Arbeits­markt. «Als im Früh­jahr der ame­ri­ka­ni­sche KI-Ent­wick­ler Anthro­pic neue Werk­zeuge vor­stellte, die viele bis­he­rige Rou­ti­ne­auf­ga­ben wie Soft­ware­tests, Pro­gram­mie­rung und Daten­ana­lyse auto­ma­ti­sie­ren, rausch­ten die Akti­en­kurse von Indi­ens IT-Gigan­ten (wie Info­sys, Tata Con­sul­tanty Ser­vices TCS und HCLTech) in die Tiefe und ver­nich­te­ten Wert in Mil­li­ar­den­höhe.» Indien könne allein im IT-Sek­tor ein Vier­tel der Stel­len ver­lie­ren, also etwa zwei Mil­lio­nen, wenn die Ein­füh­rung von KI schief ginge. Die Ant­wort auf die Frage, ob KI am Ende Jobs ver­nichte oder schaffe, bleibt indes­sen offen.

Schon im lau­fen­den Jahr wird eine Bil­lion Dol­lar in Chip­fa­bri­ken und Rechen­zen­tren gesteckt. Die Grö­ßen­ord­nun­gen sind bei­spiel­los. Die US-Kon­zerne Ama­zon, Micro­soft, Alpha­bet (= Google-Mut­ter­ge­sell­schaft) und Meta inves­tie­ren 800 Mil­li­ar­den Dol­lar allein für das Jahr 2026, seit 2013 beläuft sich die Summe auf mehr als 1,6 Bil­lio­nen Dol­lar. Eine Pro­gnose von McK­in­sey rech­net bis 2030 mit wei­te­ren 7 Bil­lio­nen Dol­lar Inves­ti­tio­nen in Rechen­zen­tren, allein 5,2 Bil­lio­nen Dol­lar sol­len dabei auf KI entfallen. 
Um diese Zah­len ins Ver­hält­nis zu set­zen: die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land pro­du­zierte im Jahr 2025 ein Brut­to­in­lands­pro­dukt von 5 Bil­lio­nen Dol­lar, das der USA betrug 30 Bil­lio­nen Dollar. 

Aber nicht nur Inde­rin­nen und Inder fürch­ten die KI-Indus­trie. Auch US-Ame­ri­ka­ne­rin­nen und US-Ame­ri­ka­ner. Gegen­wär­tig wird in Ohio ein neues Rechen­zen­trum geplant. Bau­herr ist Open AI. Der Kon­zern ver­lässt sich auf eine Finan­zie­rungs­zu­sage von Nvi­dia über 105 Mrd Dol­lar. Von Nvi­dia stam­men dafür im Gegen­zug die 1,5 Mil­lio­nen Chips, die in die­ser Fabrik zum Ein­satz kom­men sol­len. Das Rechen­zen­trum soll eine Leis­tung von 8 Giga­watt erbrin­gen. Damit wäre es das welt­größte Rechen­zen­trum für KI. Die Ener­gie käme von einem neuen Gas­kraft­werk. Bau­zeit: sechs Jahre. 35.000 Men­schen wären am Bau beschäf­tigt. Am Ende ent­ste­hen 2.500 Arbeits­plätze. Aller­dings gibt es erheb­li­chen Wider­stand in der Bevöl­ke­rung des US-Staa­tes. Über­haupt leh­nen Drei­vier­tel aller US-Bür­ger Rechen­zen­tren in der Nähe ihres Wohn­or­tes ab. Sie fürch­ten Umwelt­schä­den, vor allem aber stei­gende Preise für Strom und Wasser. 

Skep­sis

«Der KI-Boom wird immer stär­ker über Schul­den finan­ziert. Tech-Kon­zerne neh­men am Anlei­he­markt Mil­li­ar­den auf. Ob die Wette auf die Zukunft auf­geht, ist keine aus­ge­machte Sache.»
(Clau­dia Wehrle, Neue Zür­cher Zei­tung, 22. Juli 2026) «Die wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che For­schung zu frü­he­ren tech­no­lo­gi­schen Revo­lu­tio­nen deu­tet auf eine besorg­nis­er­re­gende Schluss­fol­ge­rung hin: Eine Kor­rek­tur der aktu­el­len Bör­sen­be­wer­tun­gen ist wahr­schein­lich.» (EZB-Öko­no­men, 17. August 2026)

Eupho­rie

Noch wird an der KI viel Geld ver­dient. Die Platt­form des US-ame­ri­ka­ni­schen KI-Infra­struk­tur­anbie­ters Ver­cel ver­ar­bei­tet täg­lich mehr als eine Bil­lion soge­nann­ter Token der füh­ren­den KI-Modell­an­bie­ter (FAZ 24. Juli 26). Token ist das Maß, nach dem die Text­men­gen, die die KI-Modelle lie­fern, abge­rech­net wer­den. Schon im Juni hatte der chi­ne­si­sche Anbie­ter Deep­seek einen Anteil von 20 Pro­zent daran. Damit lag er hin­ter Anthro­pic und Google auf dem drit­ten Platz, vor Open AI. Auch andere chi­ne­si­sche Anbie­ter sind auf der Ver­cel-Platt­form mit wach­sen­dem Erfolg betei­ligt. Ins­ge­samt ent­fiel im Juni ein Drit­tel auf offene Modelle, wie sie in China üblich sind. Dass die Umsätze von US-ame­ri­ka­ni­schen Anbie­tern den­noch 95 Pro­zent aus­ma­chen, erklärt sich dadurch, dass die chi­ne­si­schen Modelle güns­ti­ger, sogar gra­tis sind. 

Urhe­ber­rechts­fra­gen

Neu­lich wurde in der Presse mit­ge­teilt: Eine kana­di­sche Firma, Zoom Books, bestellt Bücher in gro­ßen Men­gen, auch anti­qua­ri­sche Bücher. Über eine Lie­fer­adresse wer­den sie in die USA ver­schifft. Hier scannt das KI-Unter­neh­men Anthro­pic die Lite­ra­tur und schred­dert sodann die Bücher nach voll­brach­ter Tat. (FAZ 11. August 2026) 
Es han­delt sich um das Pro­ject Panama, das seit Anfang 2024 mög­lichst alle auf der Welt ver­füg­ba­ren Bücher erfasst und ihre Texte dem Chat­bot Claude veab­reicht. Die Klage einer Gruppe von Autoren war nicht ganz ver­geb­lich. Es wurde außer­ge­richt­lich eine Ent­schä­di­gung von 1,5 Mrd Dol­lar erstritten. 

Zwei KI-Kon­zepte

«Rang­hohe Ver­tre­ter der US-Regie­rung haben dem neuen chi­ne­si­schen KI-Modell Moonshot AI Dieb­stahl ame­ri­ka­ni­scher KI-Tech­no­lo­gien vor­ge­wor­fen und mit Kon­se­quen­zen gedroht.» (FAZ 24. Juli 2026) 
Im Gegen­zug beschwerte sich China über eine Poli­ti­sie­rung von Wis­sen­schaft, Tech­no­lo­gie und Wirt­schaft. Am 23. Juli kri­ti­sierte ein Spre­cher des Außen­mi­nis­te­ri­ums, die USA behin­der­ten die glo­bale Ent­wick­lung der Künst­li­chen Intel­li­genz. Das läge nicht im Inter­esse bei­der Seiten. 
Eine Woche zuvor, am 16. Juli, hat­ten Dele­gierte von 29 Staa­ten die Welt-Orga­ni­sa­tion für KI-Koope­ra­tion (WAICO) gegrün­det. Bei der Gele­gen­heit äußerte Chi­nas Prä­si­dent Xi Jin­ping, «die KI-Ent­wick­lung sollte kein Solo­auf­tritt eines Lan­des sein, son­dern die Sym­pho­nie der inter­na­tio­na­len Koope­ra­tion.» Offen­bar passt den USA diese KI-Koope­ra­tion nicht. Einer Diplo­ma­tin zufolge hät­ten sie sogar ver­sucht, Län­der von einer Teil­nahme an der WAICO abzuhalten.

Die Kon­tro­verse ist weit­rei­chend und grund­sätz­lich. Han­nes Fell­ner hat das erläu­tert. Sein Text heißt «Zwei Wege der Künst­li­chen Intel­li­genz» und ist in einer Bei­lage zu den Mar­xis­ti­schen Blät­tern 4/25 nachzulesen. 
Im ver­gan­ge­nen Jahr ver­öf­fent­lichte der US-Kon­gress den CRS-Report R48555. Er besteht in einer Über­sicht über die US-ame­ri­ka­ni­sche AI-Gover­nance. Und im sel­ben Jahr stellte Pre­mier Li Qiang anläss­lich der World AI Con­fe­rence & High-Level Mee­ting on Glo­bal AI Gover­nance den Action 
Plan for Glo­bal AI Gover­nance vor. In bei­den Papie­ren geht es um die­sel­ben Fra­gen, näm­lich wie und nach wel­chen Gesichts­punk­ten die Künst­li­che Intel­li­genz zu regu­lie­ren sei und wel­che Insti­tu­tio­nen ver­ant­wort­lich sein sol­len. Aber die Ant­wor­ten fal­len unter­schied­lich aus. 
Fell­ner schreibt, der US-Report lese sich wie ein Hand­buch zur Siche­rung bestehen­der Macht­ver­hält­nisse. Er spre­che von Risi­ken, Sicher­heit, Regu­lie­rungs­lü­cken und Wett­be­werbs­fä­hig­keit. KI erscheine darin als Res­source, die man besit­zen, schüt­zen und gegen Kon­kur­ren­ten ein­set­zen muss. Das Ziel sei nicht, KI für alle nutz­bar zu machen, son­dern die Posi­tion der USA im glo­ba­len Macht­ge­füge zu behaup­ten. «Regu­lie­rung würde die gro­ßen Kon­zerne in ihrem Geschäfts­mo­dell behin­dern. Die Tech-Mono­pole der Magni­fi­cent Seven (Apple, Micro­soft, Ama­zon, Alpha­bet, Meta, Nvi­dia, Tesla) pro­fi­tie­ren alle davon, dass Daten als pri­vate Res­source extra­hiert, expro­pri­iert und gehan­delt wer­den und dass Algo­rith­men öffent­li­chem Zugriff ent­zo­gen sind, dass Trans­pa­renz nur in Schlag­wor­ten vor­kommt.» (S. 3) Der Report wolle immer wei­tere gesell­schaft­li­che Berei­che pri­va­ten Inter­es­sen unterordnen. 
Fell­ner stellt die­sem Text das Bei­spiel von Deep­seek gegen­über. An Chi­nas füh­ren­dem Open-Source-KI-Pro­jekt hät­ten mehr als 60.000 Ent­wick­ler mit­ge­ar­bei­tet. «Der Quell­code ist frei zugäng­lich, die Lizenz erlaubt Wei­ter­ent­wick­lung, ver­bie­tet aber Miss­brauch, die dahin­ter­lie­gende Tech­nik ist viel effi­zi­en­ter und nach­hal­ti­ger als bei der west­li­chen Kon­kur­renz. Deep­Seek ist damit nicht nur eine tech­ni­sche Inno­va­tion, son­dern auch eine poli­ti­sche Bot­schaft: Wis­sen gehört allen.» (S. 5) Dem ist hin­zu­zu­fü­gen, dass nur auf diese Weise eine gesell­schaft­li­che, eine öffent­li­che Kon­trolle über den Ein­satz und die Zwe­cke der Künst­li­chen Intel­li­genz eine Chance hat.
Ähn­lich wie Deep­seek legt Moonshot die Para­me­ter des Modells Kimi K3 offen, es kann gra­tis her­un­ter­ge­la­den und ver­än­dert wer­den, seine Benut­zung ist zwar nicht kos­ten­los, aber erheb­lich güns­ti­ger als die US-ame­ri­ka­ni­schen Produkte. 

Ent­wick­lungs­for­men der Pro­duk­tiv­kräfte wer­den zu Fes­seln derselben

Seit es Kapi­ta­lis­mus gibt, haben wir es mit Kri­sen zu tun. In wech­seln­den Erschei­nun­gen fol­gen sie dabei einem Mus­ter. «Einer­seits Ver­voll­komm­nung der Maschi­ne­rie, durch die Kon­kur­renz zum Zwangs­ge­bot für jeden ein­zel­nen Fabri­kan­ten gemacht und gleich­be­deu­tend mit stets stei­gen­der Außer­dienst­set­zung von Arbei­tern: indus­tri­elle Reser­ve­ar­mee. And­rer­seits schran­ken­lose Aus­deh­nung der Pro­duk­tion, eben­falls Zwangs­ge­setz der Kon­kur­renz für jeden Fabri­kan­ten. Von bei­den Sei­ten uner­hörte Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte, Über­schuss des Ange­bots über die Nach­frage, Über­pro­duk­tion, Über­fül­lung der Märkte, zehn­jäh­rige Kri­sen, feh­ler­haf­ter Kreis­lauf: Über­fluss hier, von Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Pro­duk­ten – Über­fluss dort, von Arbei­tern ohne Beschäf­ti­gung und ohne Exis­tenz­mit­tel; aber diese bei­den Hebel der Pro­duk­tion und gesell­schaft­li­chen Wohl­stands kön­nen nicht zusam­men­tre­ten, weil die kapi­ta­lis­ti­sche Form der Pro­duk­tion den Pro­duk­tiv­kräf­ten ver­bie­tet, zu wir­ken, den Pro­duk­ten, zu zir­ku­lie­ren, es sei denn, sie hät­ten sich zuvor in Kapi­tal ver­wan­delt: was gerade ihr eig­ner Über­fluss ver­hin­dert. Der Wider­spruch hat sich gestei­gert zum Wider­sinn: Die Pro­duk­ti­ons­weise rebel­liert gegen die Aus­tausch­form. Die Bour­geoi­sie ist über­führt der Unfä­hig­keit, ihre eig­nen gesell­schaft­li­chen Pro­duk­tiv­kräfte fer­ner­hin zu lei­ten.» (Fried­rich Engels, 1878, Mate­ria­lien zum Anti-Düh­ring, MEW 20, 619) 
Diese Unfä­hig­keit indes­sen kann bür­ger­li­che Wirt­schafts­wis­sen­schaft nicht erken­nen. Sie würde ihre eigene Herr­schaft in Frage stel­len. Folg­lich sto­ßen wir auf viele unter­schied­li­che, häu­fig sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßende Erklä­rungs­ver­su­che. Die prak­ti­sche Kon­se­quenz besteht aus Maß­nah­men, die all­sei­ti­gere und gewal­ti­gere Kri­sen zur Folge haben. Eine der­ar­tige Krise und die Ver­su­che, sie ein­zu­däm­men, spie­len sich momen­tan vor unse­ren Augen ab. 
Die große Blase, die sich um die KI-Indus­trie bil­det, erin­nert an die Dot­com-Blase vom Früh­jahr 2000. Aus­lö­ser des dama­li­gen Booms waren die hohen Gewinn­erwar­tun­gen, die durch die Eta­blie­rung des Inter­nets, des Mobil­te­le­fons und die Ent­wick­lung von Klapp­rech­nern genährt wur­den. Ab 1995 kam es zu einer Viel­zahl von Unter­neh­mens­grün­dun­gen samt Bör­sen­gän­gen. Die Nach­frage kul­mi­nierte ab Mitte 1999 inner­halb weni­ger Monate und ver­viel­fachte die Bör­sen­be­wer­tung vie­ler ein­schlä­gi­ger Unter­neh­men. Ein geson­der­tes Buben­stück war der Bör­sen­gang der Telekom. 

Gold­man Sachs

Die FAZ geht am ver­gan­ge­nen Frei­tag (21. August) der Bla­sen­frage nach. Unter der Über­schrift «Die KI-Wette: Platzt die Blase?» wer­den die Invest­ment­ban­ker Tibor Kossa und Jens Hoff­mann von Gold­man Sachs – aus­ge­rech­net! – interviewt.
Frage: 
Wie­viel heiße Luft ist dabei? Könnte es nicht sein, dass wir in drei Jah­ren schon ganz neue KI-Modelle haben und die Inves­ti­tio­nen zumin­dest teil­weise hin­fäl­lig sind?
Jens Hofmann: 
Die enor­men Inves­ti­tio­nen sind am Ende an Erwar­tun­gen zur Stei­ge­rung der wirt­schaft­li­chen Effi­zi­enz und Pro­fi­ta­bi­li­tät gekop­pelt. Diese knapp 800 Mil­li­ar­den Dol­lar Invest­ments der Hypers­ca­ler (= Betrei­ber von über­gro­ßen Rechen­zen­tren) flie­ßen ganz wesent­lich in phy­si­sche Infra­struk­tur. Wer an die­sen Wert­schöp­fungs­ket­ten betei­ligt ist, erfährt einen Nach­frage- und damit Wachs­tums­schub: Da geht es nicht nur um die nächste Chip-Gene­ra­tion, son­dern auch um den Bau von Rechen- und Daten­zen­tren sowie die not­wen­di­gen Kom­po­nen­ten hier­für, zum Bei­spiel die Kühl­tech­nik für die Ser­ver. Die­ser Inves­ti­ti­tons­zy­klus treibt die Not­wen­dig­keit, wirk­lich kri­ti­sche Masse und Größe aufzubauen.
Frage: 
Wie­der­holt sich die Bör­sen­ge­schichte der ers­ten Inter­net­blase, in Deutsch­land berüch­tigt als Neuer Markt?
Hoffmann: 
Anders als damals sind das alles sehr pro­fi­ta­ble Unter­neh­men. Bis­her haben die Hypers­ca­ler sehr viel über die erwirt­schaf­te­ten Cash­flows finan­ziert. Aber jetzt brau­chen sie auf­grund der Höhe der KI-Inves­ti­tio­nen auch externe Finan­zie­rungs­mit­tel. Etwa 40 Pro­zent der KI-Inves­ti­ti­ons­summe wer­den in die­sem Jahr durch Emis­sio­nen an den glo­ba­len Anlei­he­märk­ten ein­ge­sam­melt. Einige Mit­tel erhal­ten die Hypers­ca­ler auch über die pri­va­ten Märkte, ein rela­tiv neues Seg­ment, das stark wächst. Und teil­weise wird das Wachs­tum auch über Eigen­ka­pi­tal­erhö­hun­gen und Bör­sen­gänge finanziert.

Am Frei­tag, den 7. August, war in der FAZ Ulrich Kater, Chef­volks­wirt der Deka­bank, mit einer gegen­tei­li­gen Äuße­rung zitiert wor­den: «Die Bewer­tung von Hypers­ca­lern und Infra­struk­tur­un­ter­neh­men ist ange­sichts der For­mie­rung eines neuen Wirt­schafts­sek­tors extrem unsi­cher. Zur­zeit sehen wir in der stür­mi­schen Ent­wick­lung des KI-Sek­tors einen Über­gang von einer gene­rel­len Eupho­rie in die harte Rea­li­tät der Zah­len.» Eine Folge davon seien starke Kursausschläge. 
Zuvor waren asia­tisch-pazi­fi­sche, nament­lich tech­no­lo­gie­las­tige Bör­sen abge­stürzt. Sam­sung und SK Hynix zogen den süd­ko­rea­ni­schen Index, den Kospi, um 4,6 Pro­zent nach unten. Zur Han­dels­er­öff­nung am 6. August hatte ein Flash Crash die SK-Hynix-Aktie um gut 30 Pro­zent nach unten gezo­gen. Michael Heise zufolge, Chef­volks­wirt von HQ Trust, sei die Vola­ti­li­tät der Spei­cher­chip­her­stel­ler ein star­kes Warn­si­gnal für die Ent­wick­lung der Märkte, die im Falle Süd­ko­reas von zwei Unter­neh­men domi­niert wür­den. Die Kurs­ein­brü­che zeig­ten berech­tigte Zwei­fel an der Nach­hal­tig­keit der enorm hohen Gewinne in die­sem Sek­tor. Ein kla­res Warnsignal. 

Die Ner­vo­si­tät steigt

Die FAZ fragt am ver­gan­ge­nen Sams­tag (22. August): «Wäre es nicht bes­ser, jetzt aus dem Markt aus­zu­stei­gen? Unter­neh­men wie Meta, Ama­zon oder Nvi­dia dre­hen ein ganz gro­ßes Rad. Aber die Ver­net­zung unter­ein­an­der, diese beson­dere Art der Kreis­lauf­wirt­schaft in der Finan­zie­rung, das ist eine neue Dimen­sion. Da finan­zie­ren Lie­fe­ran­ten ihre Kun­den, und die wie­derum kau­fen davon Pro­dukte – bei ihren Lie­fe­ran­ten. Wenn da Sand ins Getriebe kommt, wenn einer in Schwie­rig­kei­ten gerät, was dann?» Und nach­dem die Autorin Inken Schö­nauer das Aus­maß der Risi­ken refe­riert hat, fragt sie: Und was heißt das jetzt für die Anle­ger? Sie lässt aber Mar­tin Lück, einen wei­te­ren Kapi­tal­markt­stra­te­gen zu Wort kom­men: die rich­tige Ant­wort sei nicht, Tech­no­lo­gie zu mei­den oder aus Aktien zu flie­hen. Gefragt seien robuste Bilan­zen, nach­voll­zieh­bare Cash­flows, Preis­set­zungs­macht und eine brei­tere Streu­ung über Regio­nen und Sek­to­ren. Wer nur auf die nächste Ent­span­nung, die nächste Zins­hoff­nung oder den nächs­ten KI-Rekord setze, ver­wech­sele Momen­tum mit Sicher­heit. Der Som­mer 2026 zeige: Die Rally laufe wei­ter – aber auf brü­chi­gem Grund. 
FAZ: Und jetzt kämen auch noch die stei­gen­den Ren­di­ten der Anlei­hen dazu. Auch die Tech-Kon­zerne kon­kur­rie­ren um Kre­dite. Gabriel Fel­ber­mayr, Mit­glied des Sach­ver­stän­di­gen­rats Wirt­schaft, hat sich am ver­gan­ge­nen Mitt­woch (19. August) gegen­über der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters geäu­ßert. Aktu­ell sei die Gefahr einer umfäng­li­chen Staats­schul­den­krise sehr hoch. Als ein Aus­lö­ser des glo­ba­len Ren­di­te­an­stiegs gilt ihm die Sorge um eine Eska­la­tion des Kon­flikt im Nahen Osten. Anle­ger befürch­ten, dass ein län­ge­rer Krieg die Ener­gie­preise und damit die Infla­tion hoch hal­ten könnte. «Das Ver­trauen, dass ein Land mit extrem hohen Staats­schul­den mit­hilfe geeig­ne­ter Ope­ra­tio­nen der Noten­bank die lang­fris­ti­gen Zin­sen nied­rig hal­ten kann, ist weg.» «Der Grund ist im Kern, dass am Ende sol­che Maß­nah­men doch immer infla­tio­när wir­ken».

Wach­sende Staatsschulden

Zu die­sem Thema hatte am Vor­tage die Nach­richt von den auf 40 Bil­lio­nen ange­wach­se­nen US-Staats­schul­den einen deut­li­chen Akzent gesetzt. Die 40 Bil­lio­nen ent­spre­chen 122 Pro­zent des US-BIP. 33,6 Bil­lio­nen Dol­lar bestehen aus Staats­an­lei­hen, 7,7 Bil­lio­nen lie­gen in Pen­si­ons­fonds des Bun­des, den Treu­hand­fonds der Sozi­al­ver­si­che­rung und ande­ren staat­li­chen Fonds. 
Die hohen Schul­den veur­sa­chen den Anstieg der Ren­di­ten lang­lau­fen­der Staats­an­lei­hen. US-Finanz­mi­nis­ter Scott Ben­nent reagiert mit Rück­käu­fen von Anlei­hen, die wie­derum durch kurz­fris­tige Schuld­ti­tel finan­ziert wer­den. Er konnte damit die Ren­dite von Anlei­hen mit 30jähriger Lauf­zeit für eine kurze Zeit auf 5,19 Pro­zent drü­cken. Noch Ende Juli hatte er mit einer Stüt­zung­ak­tion für den japa­ni­schen Yen ver­hin­dern müs­sen, dass Japan US-Staats­an­lei­hen ver­kauft und damit Ren­di­ten in die Höhe treibt. Japan ist gegen­wär­tig das Land, das die meis­ten US-Anlei­hen hält. Sie haben ein Volu­men von 1,2 Bil­lio­nen Dollar. 
Im Maße, wie diese Papiere auf den Markt kämen, wür­den sie an Wert ver­lie­ren, die Ren­di­ten folg­lich stei­gen. Mit ihnen wür­den auch Kre­dit­kon­di­tio­nen für Auto­käufe, Kre­dit­kar­ten, Hypo­the­ken­dar­le­hen und Unter­neh­mens­fi­nan­zie­run­gen teu­rer. Ich erin­nere daran, dass es die Hypo­the­ken waren, die die Finanz­krise 2008 auslösten. 

Preis­stopp!

Unab­hän­gig vom Schick­sal der KI-Blase muss die Infla­tion gestoppt wer­den. Die Preise von Öl und Sprit, ande­rer Ener­gie­trä­ger und von Lebens­mit­teln müs­sen regu­liert wer­den. Wir haben es mit einem Raub­zug zu tun, von dem die ganze Welt betrof­fen ist. 

Klaus, MV der DKP Köln Innen­stadt, 24. August 2026


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