Ist die Bildungskatastrophe gewollt, billigend in Kauf genommen oder Zufall?

Demo zur «Bildungswende jetzt!»

Demo zur «Bildungswende jetzt!» am 23.09.23 auf dem Heumarkt.
Quelle: r

Bildungsplanung ist eigentlich kinderleicht. Sechs Jahre dauert es, bis Kinder in die Schule kommen. Schnell sind die Kinder durchgezählt und registriert und ihre Summe durch die gängige Lehrer/Schüler-Relation dividiert. Jedenfalls bleibt genug Zeit, in der fälligen Menge Grundschulen zu bauen, sie auszustatten sowie Lehrer (zur Sicherheit etwas mehr) auszubilden und einzustellen. Für weiterführende Schulen beträgt die Planungsfrist sogar 10 Jahre.

Aber offenbar fällt es ebenso leicht, die Fristen zu versäumen, zumal unsere Regierungen das Geld lieber für andere Dinge ausgeben: für Panzer und Raketen, für die Ruinierung Russlands, für Kanzleien, die Gesetze formulieren, für sauteure LNG-Terminals (LNG = Flüssigerdgas, englisch: liquefied natural gas) oder fallweise Bankenrettungen. Oder auch schon mal für bildungspolitische Fehlberatungen durch Bertelsmann. Wenn sich die Versäumnisse Jahr um Jahr stapeln, bekommen wir, was wir jetzt beklagen, eine Bildungskatastrophe.

Merkmale? Pro Jahr verlassen 50.000 junge Leute die Schule ohne Abschluss. Schlechte Lernbedingungen erzeugen schlechte Leistungen. Schülerinnen und Schüler lesen, schreiben und rechnen immer schlechter, wie der jüngste Bildungstrend des IQB (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) zeigt. Der Bildungserfolg hängt maßgeblich von der sozialen Herkunft ab. Trotzden werden im Jahr 2025 mindestens 25.000 Lehrer fehlen, 10 Jahre später schon 160.000. Es mangelt an 384.000 Kitaplätzen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stellt fest, dass 300.000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Zusammen mit weiteren Gewerkschaften, Eltern- und Schülerorganisationen fordert sie eine Ausbildungsoffensive für Lehrerinnen und Lehrer und Erzieherinnen und Erzieher. 100 Milliarden Euro soll die Politik als «Sondervermögen Bildung» ausweisen und auf Dauer 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung investieren.

Dieser Forderung haben am 23. September in 29 Städtem insgesamt etwa 25.000 Menschen Ausdruck verliehen. In Berlin demonstrierten 7000 Menschen. In Köln überwanden 3000 die kleine Strecke vom Neumarkt zum Heumarkt und hörten dort ab 15.00 Uhr:

Ayla Çelik, die GEW NRW-Landesvorsitzende («Mangel an Fachkräften, an Räumen und entsprechenden Ressourcen belastet die Beschäftigten, mindert die Zukunftschancen der Kinder»),

Maike Finnern, die GEW-Bundesvorsitzende (fordert mindestens 100 Milliarden Euro als Anschubfinanzierung für ein Bündel bildungspolitischer Maßnahmen),

Anke Unger, stellvertretende Vorsitzende des DGB NRW («Bildungssystem geht auf dem Zahnfleisch». Sie fordert mehr Geld für Kitas, Schulen und Hochschulen) und

Tjark Sauer (ver.di NRW). Er rechnet vor: Jeder Bildungs-Euro schafft einen Mehrwert von vier Euro.

Olaf Wittrock, Sprecher der Kölner Initiative «Die Abgelehnten» hat Grund, besonders wütend zu sein:
«In Köln als größter Stadt in NRW kann man die Folgen der jahrelangen Versäumnisse in der Bildungspolitik wie im Brennglas beobachten. Bildungskrise ist ja nicht abstrakt, sondern trifft uns alle ganz konkret. Es gibt viel zu wenige Kita- und Schulplätze, so dass die Platzvergabe zum Glücksspiel verkommen. Die Stadt lässt Schulgebäude verrotten. Mehr als 100 Schulen im Regierungsbezirk sind inzwischen ohne Leitung, weil sich offenbar niemand mehr findet, der den Job noch machen will. Die Verwaltung ist zerstritten, die Politik uneins, die Eltern ziehen weg – und die Stadtspitze sieht tatenlos zu. So spitzt sich die Lage hier von Jahr zu Jahr zu. Bildung ist in Köln längst kein Standortfaktor mehr, sondern ein Standortrisiko. Das muss sich sofort ändern.»


Ist die Bildungskatastrophe gewollt, billigend in Kauf genommen oder Zufall?


 Demo zur «Bildungswende jetzt!» am 23.09.2023 (weitere Fotos)