Rechts­ent­wick­lung in Staat und Gesellschaft

Die soge­nannte ursprüng­li­che Akku­mu­la­tion. Krieg als Tugend, Flucht als Verbrechen

Sobald der homo sapi­ens auf die Beine kam, benutzte er sie zum Wan­dern. Erst mit der neo­li­thi­schen Revo­lu­tion ver­brei­tet sich Acker­bau und Vieh­zucht, Vor­rats­hal­tung und Sess­haf­tig­keit. Jäger und Samm­ler haben das Nach­se­hen, wenn sie sich nicht die Ergeb­nisse frem­der Arbeit räu­be­risch aneig­nen oder gar mit­tels Skla­ven­hal­tung die Aneig­nung ver­ste­ti­gen. Die Skla­ven­hal­tung, ein­mal ent­wi­ckelt, erweist sich am Ende im Ver­hält­nis zur feu­da­len Pro­duk­ti­ons­weise, die dem Bauer einen Teil sei­ner Arbeits­er­geb­nisse lässt, als weni­ger pro­duk­tiv. Der Bauer wie­derum kann sich erst in den Städ­ten dem feu­da­len Zwang ent­zie­hen, bezahlt seine dop­pelte Frei­heit mit dem Form­wech­sel der Ausbeutung.

Die­ser Form­wech­sel heißt: ursprüng­li­che Akku­mu­la­tion. Es geht um die Tren­nung der unmit­tel­ba­ren Pro­du­zen­ten, der Bau­ern und Hand­wer­ker, von ihren Pro­duk­ti­ons­mit­teln, die Kon­zen­tra­tion die­ser Pro­duk­ti­ons­mit­tel in den Hän­den der Kapi­ta­lis­ten sowie die Ver­wand­lung der Arbeits­kraft der Arbei­ter in eine Ware. In der Regel beginnt diese Tren­nung gewaltsam.

„Der Pro­zess, der das Kapi­tal­ver­hält­nis schafft, kann also nichts and­res sein als der Schei­dungs­pro­zess des Arbei­ters vom Eigen­tum an sei­nen Arbeits­be­din­gun­gen, ein Pro­zess, der einer­seits die gesell­schaft­li­chen Lebens- und Pro­duk­ti­ons­mit­tel in Kapi­tal ver­wan­delt, and­rer­seits die unmit­tel­ba­ren Pro­du­zen­ten in Lohn­ar­bei­ter. Die soge­nannte ursprüng­li­che Akku­mu­la­tion ist also nichts als der his­to­ri­sche Schei­dungs­pro­zess von Pro­du­zent und Pro­duk­ti­ons­mit­tel. Er erscheint als ‹ursprüng­lich›, weil er die Vor­ge­schichte des Kapi­tals und der ihm ent­spre­chen­den Pro­duk­ti­ons­weise bil­det. Die öko­no­mi­sche Struk­tur der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ist her­vor­ge­gan­gen aus der öko­no­mi­schen Struk­tur der feu­da­len Gesell­schaft. Die Auf­lö­sung die­ser hat die Ele­mente jener frei­ge­setzt.“ (MEW 23, 742 f.)

Es wird schon mal der Abstand über­se­hen, den Marx zum Begriff „ursprüng­li­che Akku­mu­la­tion“ und sei­nem Autor Adam Smith aus­drück­lich hält. Das 24. Kapi­tel des Kapi­tal Band I hat den Titel „Die soge­nannte ursprüng­li­che Akku­mu­la­tion“. Die spiele in der poli­ti­schen Öko­no­mie unge­fähr die­selbe Rolle wie der Sün­den­fall in der Theo­lo­gie. „Adam biss in den Apfel, und damit kam über das Men­schen­ge­schlecht die Sünde.“ Gemeint ist doch: so wenig wie ihren Anfang, kön­nen wir das Ende der ursprüng­li­chen Akku­mu­la­tion bestimmen.

Und die Betrof­fe­nen haben nicht sel­ten erheb­li­che Stre­cken im Zuge die­ses Pro­zes­ses zu bewäl­ti­gen. Ohne­hin sind die Metho­den der ursprüng­li­chen Akku­mu­la­tion alles andre, nur nicht idyl­lisch. Die his­to­risch fäl­lige Tren­nung von Pro­du­zent und Pro­duk­ti­ons­mit­tel erscheint allzu oft als Flucht, Exil, Asyl. Gemein­hin als Fol­gen von Krie­gen, unter die wir auch Wirt­schafts­kriege zäh­len dür­fen. Aber am Ziel wech­selt der Krieg seine Gestalt. Die Flücht­linge wer­den inter­niert, kaser­niert, in ein unüber­schau­ba­res Regel­sys­tem inte­griert. Und sie wer­den peu à peu als Bil­lig­löh­ner beschäf­tigt, ein Umstand, der die Tarif­sys­teme schred­dert und das Lohn­ni­veau ins­ge­samt mindert.

In die­sem Regel­sys­tem hat die jus­tiz­för­mige Gewalt im Sys­tem der Armuts­be­stra­fung samt men­schen­feind­li­cher Recht­fer­ti­gung ihren aus­ta­rier­ten Platz neben der infor­mel­len Gewalt, mit der die Lohn­kon­kur­renz mehr oder weni­ger spon­tan nie­der­ge­hal­ten wird. Die Rezes­sion ver­stärkt diese Prozesse.

Und die Bun­des­re­pu­blik steckt tief in der Rezes­sion. Die Insol­ven­zen stei­gen, die Arbeits­lo­sig­keit, die Lebens­mit­tel­preise. Wir beob­ach­ten still­ge­legte Bau­stel­len, Demons­tra­tio­nen gegen dro­hende Arbeits­lo­sig­keit. Die Menge von Obdach­lo­sen fällt immer mehr ins Auge. Über­schüs­si­ges Kapi­tal wird gerne in der Rüs­tung ange­legt, denn hier wird Markt und Pro­fit staat­lich garan­tiert. Schlacht­fel­der sind Absatz­märkte. Die poli­ti­schen Kriegs­trei­ber lie­fern immer neue Kriegs­gründe und ver­hin­dern Friedensverhandlungen.

Die sys­tem­be­ding­ten Gründe für Krise und Krieg blei­ben ver­hüllt. Letz­lich erzwingt der „ten­den­ti­elle Fall der Pro­fi­trate“ ein bestän­di­ges Grö­ßen­wachs­tum der ange­wand­ten Ein­zel­ka­pi­tale. Nur expan­die­rend, durch die Unter­wer­fung und Aus­beu­tung von immer mehr frem­der Arbeit, frem­dem Eigen­tum, frem­dem Kapi­tal kom­pen­siert die abso­lute Masse von Pro­fit des­sen rela­ti­ven Schwund. Die­ses Pro­blem kul­mi­niert in der Krise: „Der letzte Grund aller wirk­li­chen Kri­sen bleibt immer die Armut und Kon­sum­ti­ons­be­schrän­kung der Mas­sen gegen­über dem Trieb der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­tion, die Pro­duk­tiv­kräfte so zu ent­wi­ckeln, als ob nur die abso­lute Kon­sum­ti­ons­fä­hig­keit der Gesell­schaft ihre Grenze bilde.“ (MEW 25, 501)

Am Ende wird allein durch die Ent­wer­tung von Kapi­tal die Krise gelöst.

Flucht­ur­sa­chen, Migration

Jugo­sla­wien

Gegen­über Men­schen aus dem soge­nann­ten West­bal­kan wird gern der Vor­be­halt geäu­ßert, wir hät­ten es hier mit soge­nann­ten Wirt­schafts­flücht­lin­gen zu tun. Bei der Gele­gen­heit ist an die Zer­le­gung Jugo­sla­wi­ens zu erin­nern, die seit 1991 füh­rend von der Bun­des­re­pu­blik betrie­ben wurde. Sie mün­dete bruch­los in den Krieg der NATO, die 1999 Ser­bien im soge­nann­ten Kosovo-Krieg bom­bar­dierte. Her­nach ver­füg­ten die vor­mals sozia­lis­ti­schen Repu­bli­ken Jugo­sla­wi­ens nur noch über einen Bruch­teil ihrer indus­tri­el­len Basis und vor­ma­li­gen Wirt­schafts­kraft. Zum Kriegs­ende waren 800.000 Men­schen, dar­un­ter 70.000 Ser­ben und Roma, zum größ­ten Teil aber alba­ni­sche Bewoh­ner des Kosovo, zu Flücht­lin­gen gewor­den. Ende 2016 leb­ten in Deutsch­land 200.000 Men­schen aus dem Kosovo. Die Zahl alba­nisch­stäm­mi­ger Per­so­nen in Deutsch­land lag im Jahr 2020 bei rund 320.000.

Syrien

Im Sep­tem­ber 2015 irr­ten von den 21 Mil­lio­nen Syrern 8 Mil­lio­nen im Land herum. 1,5 Mil­lio­nen hat­ten sich in den Liba­non ret­ten kön­nen, ein Land, das selbst gerade mal 4,2 Mil­lio­nen Ein­woh­ner hat. 750 000 vege­tier­ten in jor­da­ni­schen Lagern. Hier sind Flücht­linge ange­wie­sen auf das Welt­ernäh­rungs­pro­gramm der UNO. Des­sen Lebens­mit­tel­hilfe war im August zuvor von 27 Dol­lar auf 13,50 Dol­lar pro Per­son und Monat gekürzt wor­den. Offen­bar hat­ten einige Staa­ten ver­säumt, ihren Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men. Zu fra­gen ist aber auch, wer sol­che fol­gen­rei­chen Kür­zungs­ent­schei­dun­gen traf. Aktu­ell drohte Hun­ger in den Lagern. Der trug zur sei­ner­zei­ti­gen Menge von Flücht­lin­gen aus Syrien einen erheb­li­chen Teil bei. Hier haben wir es aber noch nicht mit der Ursa­che, allen­falls mit einem Anlass zu tun. Flucht­ur­sa­che war der Krieg in Syrien. Ins­be­son­dere Män­ner aus den Lagern lockte die Hoff­nung auf güns­ti­gere Ver­hält­nisse, vor allem in Deutschland.

Allein im tür­ki­schen Izmir war­te­ten im Sep­tem­ber 2015 400 000 Men­schen auf eine Gele­gen­heit zur Überfahrt.

Welt­weit waren im Jahr 2015 60 Mil­lio­nen Men­schen unter­wegs, die der Impe­ria­lis­mus hei­mat­los gemacht hat, Ende 2022 sind es schon 110 Millionen.

Die in Syrien vom Him­mel fal­len­den Bom­ben und Rake­ten hat­ten ganz irdi­sche Gründe. Mit der EU hatte sich das Land im Dezem­ber 2003 auf den Wort­laut eines Asso­zia­ti­ons­ab­kom­mens ver­stän­digt. Arti­kel 1: „Ziel die­ses Abkom­mens ist es, […] die Vor­aus­set­zun­gen für die schritt­weise Libe­ra­li­sie­rung des Waren‑, Dienst­leis­tungs- und Kapi­tal­ver­kehrs zu schaf­fen.“ Es ging um den Abbau von Zoll­schran­ken im Namen des Frei­han­dels, um Inves­ti­ti­ons­schutz, um Pri­va­ti­sie­run­gen öffent­li­cher Güter, nicht zuletzt des staat­li­chen Gesund­heits­we­sens. Das ganze neo­li­be­rale Pro­gramm des gegen­wär­ti­gen Impe­ria­lis­mus, der Aus­beu­tung frem­der Arbeit, frem­den Eigen­tums, frem­den Kapi­tals war Gegen­stand des Abkommens.

Die sozia­len und poli­ti­schen Fol­gen waren ver­hee­rend. Die poli­ti­schen Unru­hen mün­de­ten im Februar 2011 in den Bür­ger­krieg. Assad-Geg­ner wur­den mili­tä­risch aus Sau­di­ara­bien und Katar unter­stützt. Im Wes­ten wurde der mediale Appa­rat auf Kriegs­hetze ein­ge­stellt. Er über­schlug sich am 21. August 2013, als die syri­sche Regie­rung für einen Gift­gas­ein­satz ver­ant­wort­lich gemacht wurde. Der EU ging es um die Garan­tie des Libe­ra­li­sie­rungs­kur­ses, die USA indes­sen woll­ten den Regime­wech­sel. Im Juli 2015 schätzte die UNO die Zahl der syri­schen Todes­op­fer die­ses Krie­ges auf 250 000. Sie sind ein Resul­tat der „Euro­päi­schen Nach­bar­schafts­po­li­tik“ (ENP).

Ukraine

Nach dem Unter­gang der Sowjet­union expan­dierte die EU zunächst nach Osten. Die­ser Pro­zess war 2004 mit der Auf­nahme von zehn Staa­ten weit­ge­hend abgeschlossen.

Im Novem­ber 2013 war das Asso­zia­ti­ons­ab­kom­men mit der Ukraine unter­schrifts­reif. Die Ableh­nung führte zum Mai­d­an­putsch und zum Krieg im Don­bass, der sich im Februar 2022 zu einem Krieg Russ­lands gegen die mit der NATO ver­bün­de­ten Ukraine aus­wei­tete. Ein Ergeb­niss: in Deutsch­land leben mitt­ler­weile (Okto­ber 2023) rund 1,15 Mil­lio­nen ukrai­ni­sche Staatsbürger.

Soll­ten wir eine Revo­lu­tion anfangen?

Am 3. Juni 2006 erschien in der Welt­presse ein Foto. Legende: „Drama auf den kana­ri­schen Inseln. Ein erschöpf­ter Afri­ka­ner kriecht auf den Strand von Gran Taja­ral auf Fuer­te­ven­tura, wäh­rend sich im Hin­ter­grund Urlau­ber sonnen.“

Eine ähn­li­che Begeg­nung schil­dert ein ande­rer Asy­lant, einer der 20.000 Deut­schen im Pari­ser Exil. Hein­rich Heine hielt sich urlaubs­weise 1833 in Bou­lo­gne-sur-Mer an der Nord­see auf. Hier begeg­nete er aus­wan­dern­den Deut­schen. Zitat: »Und warum habt ihr denn Deutsch­land ver­las­sen?« fragte ich diese armen Leute. »Das Land ist gut, und wären gern dage­blie­ben«, ant­wor­te­ten sie, »aber wir konnten’s nicht län­ger aushalten –«

Nein, ich gehöre nicht zu den Dem­ago­gen, die nur die Lei­den­schaf­ten auf­re­gen wol­len, und ich will nicht alles wie­der­erzäh­len, was ich auf jener Land­straße, bei Havre, unter freiem Him­mel, gehört habe über den Unfug der hoch­no­belen und aller­höchst nobelen Sipp­schaf­ten in der Hei­mat – auch lag die grö­ßere Klage nicht im Wort selbst, son­dern im Ton, womit es schlicht und grad gespro­chen oder viel­mehr geseufzt wurde. Auch jene armen Leute waren keine Dem­ago­gen; die Schluß­rede ihrer Klage war immer: »Was soll­ten wir tun? Soll­ten wir eine Revo­lu­tion anfangen?«

Thü­rin­gen und Sachsen

Die Wahl­er­geb­nisse zu den Land­ta­gen in Sach­sen und Thü­rin­gen las­sen es an Deut­lich­keit nicht man­geln. Man gewinnt den Ein­druck, dass die säch­si­schen und thü­rin­gi­schen Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler gewusst haben, was sie tun, zumal sie sich noch 2014 in Sach­sen nur zu 49,1% und in Thü­rin­gen zu 52,7% an der Wahl betei­ligt hat­ten. Am 1. Sep­tem­ber aber schrit­ten 74,4% der säch­si­schen Wahl­be­rech­tig­ten zur Urne. In Thü­rin­gen waren es 73,6%.

Die AfD wurde in Sach­sen mit 30,6%, in Thü­rin­gen mit 32,8% in den Land­tag gewählt.

Der FAZ fiel auf (Daniel Deckers, 3. Sep­tem­ber): „Die­selbe SPD, der bei der Land­tags­wahl in Thü­rin­gen 2019 acht Pro­zent der Wäh­ler (= 90.987) ihre Stimme gege­ben hat­ten, kam in der Bun­des­tags­wahl zwei Jahre spä­ter auf 23,4 Pro­zent (= 296.446) der Zweit­stim­men. Und mit neun Pro­zent für die FDP (= 114.283) und immer­hin noch 6,6 Pro­zent für die Grü­nen (83.220) war die 40-Pro­zent-Marke am 25. Sep­tem­ber 2021 in Sichtweite.“

Die drei Ampel­par­teien haben unter­schied­lich Federn las­sen müs­sen. Die SPD (im Ver­hält­nis zur Bun­des­tags­wahl) ver­lor 75,4% der Wäh­ler­stim­men, die Grü­nen: 54%, die FDP: 88,8%. Zusam­men kamen sie in Thü­rin­gen noch auf 10,4%, in Sach­sen auf 13,3%.

Einen Licht­blick bie­tet die frie­dens­po­li­ti­sche Bedin­gung, die das BSW an eine Koali­tion stellt. Heute wurde diese Bedin­gung in der Köl­ni­schen Rund­schau von Sevim Dagde­len prä­zi­siert: „Wir wol­len in einem Koali­ti­ons­ver­trag fest­ge­schrie­ben wis­sen, dass sich die Lan­des­re­gie­rung gegen wei­tere Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Ukraine, für mehr diplo­ma­ti­sche Bemü­hun­gen der Bun­des­re­gie­rung und gegen die US-Rake­ten­pläne aus­spricht.“ Und sie ver­wies auf die Mög­lich­keit von Bun­des­rats­ent­schei­dun­gen zu die­sem Thema.

Es ist zu hof­fen, dass sich sol­che Dis­kus­sio­nen mög­lichst lange hin­zie­hen und die For­de­run­gen ihren Weg durch viele bun­des­deut­sche Köpfe nehmen.

Klaus, 9. Sep­tem­ber 2024


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