Die Wah­len, das Abschnei­den der AfD und die soziale Lage

Das fol­gende Refe­rat hat Klaus in ande­rer Form schon vor dem VVN-Lan­des­aus­schuss und im KV gehal­ten. Für die Gruppe Innen­stadt sind einige Kür­zun­gen (ins­be­son­ders Zah­len­ma­te­rial zum Aus­gang der Land­tags­wah­len) vor­ge­nom­men wor­den, dafür aber einige Sätze zum Thema Ries­ter­rente ergänzt wor­den, ebenso wie sol­che zur Pro­gram­ma­tik der AfD.

Lan­des­po­li­tik und AfD

die rapi­den Stim­men­zu­wächse für die AfD bei den hes­si­schen Kom­mu­nal­wah­len am 6. März und den Land­tags­wah­len in drei Bun­des­län­dern am 13. März ist vie­len in die Kno­chen gefah­ren. Kurz die Zah­len: Bei den Kom­mu­nal­wah­len kam die AfD (im Gesamt­ergeb­nis aller hes­si­schen Stim­men) auf 11,9 % der Stim­men. Bei der Land­tags­wahl in Sach­sen-Anhalt auf 24,3%. Hier stieg die Wahl­be­tei­li­gung um 9,9 % auf 61,1% (2011: 51,2%, 2006: 44,4%). In Baden-Würt­tem­berg stieg die Wahl­be­tei­li­gung von 66,3% auf 70,4%. Die AfD konnte aus dem Stand 800.000 Stim­men (=15,1%) gewin­nen. In Rhein­land-Pfalz ist die Wahl­be­tei­li­gung eben­falls signi­fi­kant, von 61,8% auf 70,4%, gestie­gen. AfD kam auf 12,6% der Stim­men.
Der ARD-Deutsch­land-Trend vom 8. April lau­tete: Die SPD ist auf 21 Pro­zent abge­rutscht, das sind zwei Punkte weni­ger als im März. Auch die Union ver­liert zwei Punkte und kommt auf 34 Pro­zent. Die Grü­nen legen deutsch­land­weit auf 13 Pro­zent zu (plus 3). Die Linke erreicht 7 Pro­zent (minus 2), die FDP eben­falls 7 (plus 1). Die AfD kommt auf 14 Punkte (plus 3 Prozent).

Mit Bezug auf sol­che Zah­len habe ich am 9. April vor dem Lan­des­aus­schuss der VVN refe­riert, am ver­gan­ge­nen Diens­tag im Kreis­vor­stand und wenigs­tens ver­sucht, auf der soge­nann­ten Aktiv­ta­gung des Bezirks vor­ges­tern die Behand­lung die­ses The­mas auf den Arbeits­plan des BV zu set­zen. Denn uns ste­hen am 14. Mai 2017 die NRW-Land­tags­wahl bevor, der vier Monate spä­ter die Bun­des­tags­wahl fol­gen wird. Und man kann davon aus­ge­hen, dass diese Land­tags­wahl auf das Ergeb­nis der Bun­des­tags­wahl abstrah­len wird. Denn NRW ist das bevöl­ke­rungs­reichste Bun­des­land, hier wohnt ein Vier­tel der Ein­woh­ner der Bun­des­re­pu­blik.
Diese enge Abfolge von Land­tags­wahl und Bun­des­tags­wahl ist eine Folge der Nie­der­lage der SPD bei der NRW-Land­tags­wahl 2005. Sie hat uns die Auf­lö­sung des Bun­des­ta­ges und Neu­wah­len im Sep­tem­ber des­sel­ben Jah­res beschert. Ihr wer­det Euch viel­leicht an das Gesicht von Schrö­der erin­nern, als er in der Dis­kus­si­ons­runde am Wahl­abend des 18. Sep­tem­ber 2005 seine Nie­der­lage nicht glau­ben wollte.

Liebe Genos­sin­nen und Genos­sen,
noch 1980 gab es in der Bun­des­re­pu­blik 900.000 Arbeits­lose, nach der Wende, in den Jah­ren 1991 bis 1997, stieg sie von 2,6 Mil­lio­nen auf 4,4 Mil­lio­nen, von 0,9% (1980) auf 9,6%. Das beun­ru­higte und wurde zum Thema Nr. 1 in der Öffent­lich­keit, zumal sich in den Jah­ren 1997 und 1998 eine euro­pa­weite Bewe­gung gegen Arbeits­lo­sig­keit ent­wi­ckelte. In Frank­reich kam im Juli 1997 eine Regie­rung mit kom­mu­nis­ti­scher Betei­li­gung zustande, auf deren Agenda die 35-Stun­den­wo­che stand. Ein Höhe­punkt der Bewe­gung gegen Arbeits­lo­sig­keit war der Abschluss der Euro­mär­sche am 14. Juni 1997 anläß­lich der Euro-Kon­fe­renz in Ams­ter­dam, als die EU ihre soge­nannte Beschäf­ti­gungs­po­li­tik nor­mierte. Über­all in der Bun­des­re­pu­blik wirk­ten Grup­pen von Arbeits­lo­sen. IG Metall und andere Gewerk­schaf­ten fass­ten akti­ons­ori­en­tierte Beschlüsse zum Thema. In Düs­sel­dorf orga­ni­sierte die Arbeits­lo­sen­in­itia­tive mit Beginn des Jah­res 1998 ein­mal im Monat eine Aktion vor dem Arbeits­amt, häu­fig ver­bun­den mit Demons­tra­tio­nen. Die Arbeits­lo­sen selbst unter­schätz­ten schon mal wegen man­geln­der Betei­li­gung der Betrof­fe­nen die Durch­schlags­kraft die­ser Akti­vi­tä­ten. Aber diese und die Akti­vi­tä­ten in ande­ren Städ­ten, natür­lich auch in Köln, bun­des­weit ver­netzt und mit bun­des­wei­ten Aktio­nen ergänzt, sorg­ten dafür, dass das Thema über das ganze Jahr 1998 hin akut blieb.
In sei­ner ers­ten Regie­rungs­er­klä­rung am 10. Novem­ber 1998 sagte der neue Bun­des­kanz­ler Schrö­der: „Erst­mals in der Geschichte der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land haben die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler durch ihr unmit­tel­ba­res Votum einen Regie­rungs­wech­sel her­bei­ge­führt. Sie haben Sozi­al­de­mo­kra­ten und Bünd­nis 90/Die Grü­nen beauf­tragt, Deutsch­land in das nächste Jahr­tau­send zu füh­ren. Die­ser Wech­sel ist Aus­druck demo­kra­ti­scher Nor­ma­li­tät und Aus­druck eines gewach­se­nen demo­kra­ti­schen Selbst­be­wußt­seins. Ich denke, meine sehr ver­ehr­ten Damen und Her­ren, wir kön­nen alle stolz dar­auf sein, dass die Men­schen in Deutsch­land rechts­ra­di­ka­len und frem­den­feind­li­chen Ten­den­zen eine deut­li­che Abfuhr erteilt haben.“ „Die Bun­des­re­gie­rung ist sich völ­lig im kla­ren dar­über, daß sie ihre Wahl wesent­lich der Erwar­tung ver­dankt, die Arbeits­lo­sig­keit wirk­sam zurück­drän­gen zu kön­nen. Genau die­ser Her­aus­for­de­rung wer­den wir uns stel­len.“
Ich teile diese Ein­schät­zung. Tat­säch­lich hatte das Thema Arbeits­lo­sig­keit den Wahl­kampf beherrscht. Nach Anga­ben der For­schungs­gruppe Wah­len wurde es über das gesamte Jahr 1998 als wich­tigs­tes Thema genannt, immer­hin sag­ten das zwi­schen 83 und 91 % der Deut­schen. Das Thema Asyl/Ausländer kam in die­sen Umfra­gen nur auf 8 bis 16%.

Auf wel­che Weise die Regie­rung sich der Her­aus­for­de­rung Arbeits­lo­sig­keit aber stel­len wollte, teilte Bodo Hom­bach, kaum war er Chef des Bun­des­kanz­ler­am­tes, wenige Tage nach der Wahl dem SPIE­GEL mit. Er wollte den „Abschied vom Sozi­al­staat alten Typs“, erkannte die „geringe Erwerbs­nei­gung“ von Arbeits­lo­sen und fol­gerte, dass sozi­al­staat­li­che Trans­fer­leis­tun­gen die Pha­sen der Erwerbs­lo­sig­keit ver­län­gern, weil sie die Sub­ven­ti­ons­men­ta­li­tät ver­fes­ti­gen. „Der Sozi­al­staat, bis­her als Netz ver­stan­den, muß künf­tig als Tram­po­lin wir­ken – als eine Absprungs­mög­lich­keit in den regu­lä­ren Arbeits­markt.“ Das Bild vom Tram­po­lin wurde wenig spä­ter von Schrö­der über­nom­men. Im sel­ben Inter­view erör­terte er auch seine Vor­stel­lun­gen zu einer Ren­ten­re­form.
Zunächst stellte er die Leis­tungs­fä­hig­keit der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung in Zwei­fel. Nur der wach­sen­den Bereit­schaft zur pri­va­ten Vor­sorge sei es zu ver­dan­ken, daß Alters­ar­mut bis­her kein all­täg­li­ches Phä­no­men sei. Dann warb er für eine „Garan­tie­rente“, nannte das Bei­spiel der Nie­der­lande, wo eine vom Staat garan­tierte Grund­rente in Form einer Volks­ver­si­che­rung dafür sorge, daß die Bereit­schaft, sich auf eine fle­xi­blere Erwerbs­bio­gra­phie ein­zu­las­sen, sehr viel grö­ßer sei als bei uns. Die Grund­rente betrage für jeder­mann 70 Pro­zent des gesetz­li­chen Min­dest­lohns.
Das sei das „Cap­puc­cino-Prin­zip“: Die Betriebs­ren­ten bil­den die Sahne auf dem Kaf­fee der Volks­ver­si­che­rung. Bei­des zusam­men lasse soviel Spiel­raum, daß sich immer mehr Ver­si­cherte eine zusätz­li­che pri­vate Alters­ver­sor­gung zusam­men­stel­len – die Scho­ko­streu­sel auf der Sahne also. Es ging ihm bei der künf­ti­gen Rente um einen Anteil, der durch Kapi­tal zu decken sei.
So kam es.

Aber zunächst bean­spruch­ten andere Auf­ga­ben die Auf­merk­sam­keit der rot­grü­nen Regie­rung.
Im März 1999 trat Lafon­taine als Finanz­mi­nis­ter zurück. Sei­nen Pos­ten über­nahm Eichel. Der benö­tigte auch einen neuen Staats­se­kre­tär. Dafür stand Heri­bert Zit­zels­ber­ger (1939–2003) zur Ver­fü­gung. Zit­zels­ber­ger war bis dahin im Bayer-Vor­stand für die Bilan­zen zustän­dig. Der Wech­sel ins Finanz­mi­nis­te­rium bedeu­tete für ihn einen sozia­len Abstieg, möchte man mei­nen. Das Opfer scheint ihm aber erträg­lich gemacht wor­den zu sein. Man­fred Schnei­der, Vor­stands­vor­sit­zen­der von Bayer, sagte wenig spä­ter, am 30. April 1999, auf der Aktio­närs­ver­samm­lung von Bayer: „Wir sand­ten unse­ren bes­ten Mann mit Instruk­tio­nen, so dass nun nichts mehr schief gehen sollte.“
Zit­zels­ber­ger hatte in sei­ner Zeit bei Bayer noch die Muße, sich wis­sen­schaft­lich aus­zu­zeich­nen und seine Habi­li­ta­ti­ons­schrift fer­tig zu stel­len. Ihr Thema ist die Theo­rie der Gewer­be­steuer. Viel­leicht wür­den wir nach der Lek­türe wis­sen, warum Bayer weder in Lever­ku­sen noch in den ande­ren Stand­or­ten in NRW Gewer­be­steuer zahlt – außer in Mon­heim. Als Finanz­staats­se­kre­tär sorgte Steu­er­fach­mann Zit­zels­ber­ger bald schon für Über­ra­schun­gen. Kurz vor Weih­nach­ten ging Eichel mit dem Vor­schlag in die Öffent­lich­keit, Ver­äu­ße­rungs­ge­winne bei Akti­en­ver­käu­fen künf­tig nicht mehr zu besteu­ern.
Zit­zels­ber­gers Hand­schrift trägt auch das Steu­er­min­de­rungs­ge­setz, das am 1. Januar 2001 in Kraft trat, wonach die Kör­per­schaft­steuer von 30 bzw. 40 % ein­heit­lich auf 25% gesenkt wurde.
Diese Steu­er­sen­kung erbrachte den bun­des­deut­schen Groß­kon­zer­nen über 22,5 Mil­li­ar­den DM im Jahr. Es kam aber noch etwas hinzu. Denn es gal­ten vor­her unter­schied­li­che Sätze, näm­lich 40% für die ein­be­hal­te­nen, 30% für die aus­ge­schüt­te­ten Gewinne. Der Clou: Bei spä­te­rer Aus­schüt­tung vor­mals ein­be­hal­te­ner Gewinne bis zum Ende des Jah­res 2001 zahlte der Fis­kus diese Dif­fe­renz zurück. Das lohnte sich. Ins­ge­samt wur­den über 15 Mrd. DM Rück­zah­lun­gen fäl­lig. Das Gesetz war übri­gens im Okto­ber 2000 damit begrün­det wor­den, daß die Steu­er­sen­kun­gen den Pro­duk­ti­ons­stand­ort Deutsch­land für aus­län­di­sche Inves­to­ren attrak­ti­ver machen und in der Folge Arbeits­plätze schaf­fen soll­ten, also im Sinne von Schrö­ders Regie­rungs­er­klä­rung Arbeits­lo­sig­keit bekämp­fen würde.
In NRW fehl­ten auf Grund der Rück­zah­lun­gen 1,6 Mrd Euro im Lan­des­haus­halt, min­des­tens 250 Mil­lio­nen gin­gen damals an Bayer, der Rest an drei wei­tere Groß­kon­zerne (Tele­kom, Voda­fone, RWE?). Damals war Stein­brück unter Wolf­gang Cle­ment Finanz­mi­nis­ter. Er kom­pen­sierte die­sen Ver­lust, in dem er just um diese Summe die Gehäl­ter und das Weih­nachts­geld der Lan­des­be­am­ten kürzte und ihre Arbeits­zeit auf 41 Wochen­stun­den ver­län­gerte. Auf der NRW-wei­ten Demons­tra­tion am 24. Sep­tem­ber 2003 rech­nete der Ver­tre­ter der Poli­zei­ge­werk­schaft GdP den 30 000 Demons­tran­ten vor, daß der Ver­lust 10% der Bezüge betrage. Aber ich greife vor, denn das war schon ein Jahr nach der Bun­des­tags­wahl vom Sep­tem­ber 2002, auf die ich gleich zu spre­chen komme.

Im Juni 1999, daran wird sich der eine oder andere erin­nern, wurde das Schrö­der-Blair-Papier ver­öf­fent­licht. Die geplante Sozi­al­ge­setz­re­form, bekannt unter dem Namen Hartz IV, wurde Thema im Wahl­kampf 2002.
Schon am 26. Juni 2001 trat das soge­nannte Alters­ver­mö­gens­ge­setz in Kraft, bekannt als Ries­ter-Rente. Das Alter­ver­mö­gens­ge­setz hatte vor­geb­lich zum Ziel, „die Ren­ten­ver­si­che­rung auch lang­fris­tig für die jün­gere Gene­ra­tion bezahl­bar zu erhal­ten und ihr im Alter einen ange­mes­se­nen Lebens­stan­dard zu sichern». So wurde die Begren­zung des Bei­trags­sat­zes begrün­det sowie das fäl­lige Sin­ken des Ren­ten­ni­veaus und der Aus­gleich durch zusätz­li­che pri­vate, staat­lich geför­derte Vor­sorge. Kapi­tal­ge­deckte Alter­ver­sor­gung sollte Teile der bis­lang aus­schließ­lich umla­ge­fi­nan­zier­ten Rente zur Freude der Ver­si­che­rungs­kon­zerne erset­zen. Der unaus­ge­spro­chende Zweck der Aktion war indes die lang­fris­tige Redu­zie­rung der Arbeit­ge­ber­an­teile an der Ren­ten­ver­si­che­rung ebenso wie am 1. April 2007 mit der Reform der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung durch­ge­setzt wurde, daß künf­tige Erhö­hun­gen nur noch die Arbeit­neh­mer belas­ten. Albrecht Mül­ler stellte fest: „Man kann die Ent­schei­dung für den teu­ren Umweg zur kapi­tal­ge­deck­ten pri­va­ten Alters­vor­sorge nur ver­ste­hen, wenn man fragt, wer daran ver­dient: Die Finanz­wirt­schaft, die an der Umstel­lung betei­lig­ten Wis­sen­schaft­ler und auch viele Poli­ti­ker. Die Zer­stö­rung der gesetz­li­chen Rente zuguns­ten einer pri­va­ten Alters­vor­sorge ist ein heut­zu­tage lei­der typi­scher Fall von poli­ti­scher Kor­rup­tion.“
In der Tat ist die Explo­sion von Alters­ar­mut nicht mehr zu leug­nen. Die Ries­ter-Rente ist geschei­tert. Mitt­ler­weile ist das Thema bei See­ho­fer ange­kom­men und bei der CDU, die damit noch Wahl­kampf machen wird.

Wal­ter Ries­ter (* 1943) war von 1980 bis 1988 Bezirks­se­kre­tär beim IG Metall Bezirk Baden-Würt­tem­berg, dann Bezirks­lei­ter. Von 1993 bis 1998 war er Zwei­ter Vor­sit­zen­der der IG Metall und in den Jah­ren 1976 bis 1998 Auf­sichts­rat­mit­glied ver­schie­de­ner deut­scher Unter­neh­men (Bosch, Daim­ler-Chrys­ler, Thys­sen, Audi, Rhein­me­tall, Hei­del­ber­ger Druck­ma­schi­nen, WMF). In Schrö­ders Regie­rung war er von 1998 bis 2002 Bun­des­mi­nis­ter für Arbeit und Sozi­al­ord­nung. Danach bis 2009 MdB. Neben sei­ner Tätig­keit als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter trat er als Refe­rent bei ver­schie­dens­ten Unter­neh­men der Finanz­dienst­leis­tungs­bran­che in Erschei­nung. Zum 1. Okto­ber 2009 wurde Wal­ter Ries­ter Auf­sichts­rat des Finanz­dienst­leis­ters Union Asset Manage­ment Hol­ding. Die geschäft­li­chen Ver­bin­dun­gen Ries­ters (und Bert Rürups) zum Finanz­dienst­leis­ter AWD (bekannt­lich ist Maschmeyer Eigen­tü­mer) kri­ti­siert Trans­pa­rency Inter­na­tio­nal Deutsch­land als „Bei­spiel für poli­ti­sche Korruption“.

Schon bei der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber 2002 ver­lor die SPD erheb­lich an Stim­men. Aber auch die PDS-Frak­tion, vor­mals 36 Sitze, ver­schwand fast. Sie konnte gerade mal zwei Direkt­man­date errin­gen. Mit einer hauch­dün­nen Mehr­heit gelang es Schrö­der aber noch ein­mal, zusam­men mit den Grü­nen die Regie­rung zu bil­den.
Ein hal­bes Jahr spä­ter, am 14. März 2003 kam Schrö­der mit der Agenda 2010 raus. Sie war nicht Schrö­ders Erfin­dung. Die Ber­tels­mann­stif­tung hatte sie in ihren „Wirt­schafts­po­li­ti­schen For­de­rungs­ka­ta­log für die ers­ten hun­dert Tage der Regie­rung“ vor­for­mu­liert und im Wirt­schafts­ma­ga­zin Capi­tal publi­ziert. Ihr Inhalte wurde weit­ge­hend über­nom­men.
Ohne­hin haben wir es hier mit einer Vor­gabe der EU in der Folge des schon erwähn­ten Ams­ter­da­mer Gip­fels zu tun. Nach­zu­le­sen im „Amts­blatt der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten» vom 16. Juli 1998, Seite L 200/34 bis 44. Unter­ti­tel: „Nicht ver­öf­fent­li­chungs­be­dürf­tige Rechts­akte». Über­schrift: „Emp­feh­lung des Rates vom 6. Juli 1998 über die Grund­züge der Wirt­schafts­po­li­tik der Mit­glied­staa­ten und der Gemein­schaft (98/454/EG)“.

Wolf­gang Cle­ment, damals noch in der SPD und Bun­des­mi­nis­ter für Wirt­schaft und Arbeit – mitt­ler­weile ist er selbst in der Zeit­ar­beits­bran­che tätig – hob am 1. Januar 2003, zum Zwe­cke der „Fle­xi­bi­li­sie­rung des Arbeits­mark­tes“ meh­rere gesetz­li­che Rah­men­be­din­gun­gen für die Zeit­ar­beit aus dem Arbeit­neh­mer­über­las­sungs­ge­setz (AÜG) ersatz­los auf. Es han­delte sich um die Beschrän­kung der Höchst­über­las­sungs­dauer, das Befris­tungs­ver­bot, das Wie­der­ein­stel­lungs­ver­bot und das Syn­chro­ni­sa­ti­ons­ver­bot. Die Zahl der Leih­ar­bei­ter betrug Ende 1998 230.000, 2002 waren es 310.000, gegen­wär­tig ist etwa eine Mil­lion regis­triert.
Mitt­ler­weile ist die Leih­ar­beit nicht mehr die bevor­zugte Form von Lohn­kos­ten­sen­kung und Pre­ka­ri­sie­rung der Arbeit. An ihre Stelle tre­ten Werk­ver­träge, auf deren Grund­lage Fremd­fir­men außer- und unter­ta­rif­lich Arbei­ten erle­di­gen.
Am Sams­tag, den 9. April, fand eine zen­trale Kund­ge­bung des DGB in Mün­chen statt. Motto: „Wir las­sen uns nicht spal­ten“ – Glei­cher Lohn für glei­che Arbeit – den Miss­brauch von Leih­ar­beit und Werk­ver­trä­gen been­den! Die IG Metall stellt in einem aktu­el­len Flug­blatt fest, daß gegen­wär­tig in zwei von drei Betrie­ben Arbei­ten über Werk­ver­träge fremd­ver­ge­ben wer­den. In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren hat in 22 Pro­zent der Betriebe die Anzahl der Werk­ver­träge zuge­nom­men. Den Teil­neh­mern der Kund­ge­bung geht es darum, die Blo­ckade der CSU gegen ein im Koali­ti­ons­ver­trag ver­ein­bar­tes Gesetz zu bre­chen. Im Koali­ti­ons­ver­trag der Gro­ßen Koali­tion wird ver­spro­chen: „Mit einem gesetz­li­chen Min­dest­lohn und all­ge­mein ver­bind­li­chen Tarif­ver­trä­gen sor­gen wir für faire Löhne. Tarif­au­to­no­mie, Tarif­ein­heit und Mit­be­stim­mung sind für uns ein hohes Gut. Den Miss­brauch von Werk­ver­trä­gen und Leih­ar­beit wer­den wir ver­hin­dern.“ Und an ande­rer Stelle: „Rechts­wid­rige Ver­trags­kon­struk­tio­nen bei Werk­ver­trä­gen zulas­ten von Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mern müs­sen ver­hin­dert wer­den.“
Viele kri­ti­sier­ten an der DGB-Aktion in Mün­chen ihre offen­kun­dige Unter­stüt­zungs­funk­tion für die SPD. Ein Feh­ler wäre das erst, wenn die SPD nichts draus ler­nen würde. Da darf man aber skep­tisch sein.

Vor elf Jah­ren hat sie unver­dros­sen Hartz IV und die Zustim­mung des DGB durch­ge­setzt.
Seit dem 1. Januar 2005 ist das Arbeits­lo­sen­geld II Gesetz. Ent­schei­dend ist nicht mehr, was in die Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung ein­ge­zahlt wor­den ist, son­dern die Bedürf­tig­keit. Das hat die Arbei­ter­klasse der SPD bis heute nicht ver­zie­hen.
Schon bei den NRW-Kom­mu­nal­wah­len im Sep­tem­ber 2004 wurde die SPD abge­straft. Die meis­ten Städte und Gemein­den in NRW beka­men CDU-Mehr­hei­ten. Viele SPD-Wäh­ler ver­zich­te­ten dar­auf, ihre Stimme abzu­ge­ben. Die Wahl­be­tei­li­gung lag bei 54,4%, die SPD bekam noch 31,7% der Stim­men. 1999 waren es noch 35,7% gewe­sen. Ein hal­bes Jahr spä­ter, am 22. Mai 2005, ver­lor die SPD bei der Land­tags­wahl noch ein­mal, dies­mal fast 6 Pro­zent mit der Folge, daß sie nach 39 Jah­ren aus der NRW-Regie­rung flog. 1966 hatte Heinz Kühn mit­tels FDP erst­ma­lig eine SPD-geführte Regie­rung in NRW bil­den kön­nen. Jetzt über­nahm Rütt­gers das Amt des Minis­ter­prä­si­den­ten einer CDU/FDP-Regie­rung.
Diese Wahl­nie­der­lage führte dazu, daß Schrö­der im Bun­des­tag die Ver­trau­ens­frage stellte. Der Bun­des­tag wurde am 21. Juli auf­ge­löst. Neu­wah­len erfolg­ten am 18. Sep­tem­ber 2005 mit dem eben erwähn­ten Ergeb­nis. Es kam ohne ihn zur gro­ßen Koali­tion. Schrö­der ging zu Gazprom.

Einen Tag vor der erwähn­ten Ver­trau­ens­frage wurde in der WELT ein „Ham­bur­ger Appell“ ver­öf­fent­licht (30. Juni 2005). Es han­delte sich um eine Reak­tion auf Äuße­run­gen aus der Bun­des­re­gie­rung. Sie hatte Lohn­er­hö­hun­gen vor­ge­schla­gen, um die gesamt­wirt­schaft­li­che Nach­frage zu stei­gern. Gegen den Vor­schlag pos­tu­lier­ten mit dem „Ham­bur­ger Appell“ 253 neo­li­be­rale Öko­no­mie-Pro­fes­so­ren: (wört­lich!) „dass eine Ver­bes­se­rung der Arbeits­markt­lage nur durch nied­ri­gere Ent­loh­nung der ohne­hin schon Gering­ver­die­nen­den, also durch eine ver­stärkte Lohn­sprei­zung, mög­lich sein wird. Eine Abfe­de­rung die­ser Ent­wick­lung ist durch ver­län­gerte Arbeits­zei­ten, ver­min­der­ten Urlaubs­an­spruch oder höhere Leis­tungs­be­reit­schaft mög­lich.“ Den Appell hatte Prof. Dr. Bernd Lucke zusam­men mit Michael Funke und Tho­mas Straub­haar initi­iert. Die Kos­ten für die Anzeige trug die Initia­tive Neue Soziale Markt­wirt­schaft, bekannt­lich eine Lobby-Orga­ni­sa­tion der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie. Wir erin­nern uns ihrer Kam­pa­gne „Auch du bist Deutsch­land“ aus dem Jahre 2006. Allein­ge­sell­schaf­ter der INSM GmbH, zustän­dig für das ope­ra­tive Geschäft, ist das Insti­tut der deut­schen Wirt­schaft. Die genann­ten Öko­no­men, ebenso wie Alex­an­der Dil­ger (spä­ter zeit­wei­lig AfD-Lan­des­spre­cher NRW), Jörn Kruse (Lan­des­spre­cher Ham­burg), Joa­chim Star­batty, Roland Vau­bel, Dirk Meyer gehör­ten im Jahr 2013 zur ers­ten Gar­ni­tur der AfD. Zusam­men mit Helga Lucken­bach bil­de­ten sie den wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat der Par­tei. Hans-Olaf Hen­kel, von 1995 bis 2000 Prä­si­dent des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen Indus­trie (BDI), bis 2013 Mit­glied der Auf­sichts­räte der Bayer AG, Con­ti­nen­tal AG, Daim­ler Luft- und Raum­fahrt AG, SMS GmbH (Düs­sel­dorf), dem Schwei­zer Medi­en­un­ter­neh­men Rin­gier AG und Heliad Equity Part­ners (Frankfurt/Zürich), wirkte zunächst im Hin­ter­grund bei der Grün­dung der AfD, sorgte für Geld, trat dann aber im April 2015, er war unter­des­sen stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der, zurück und nach der Wahl von Frauke Petry zur Par­tei­vor­sit­zen­den aus der AfD aus. Mit Bernd Lucke grün­dete er die Alli­anz für Fort­schritt und Auf­bruch (ALFA). Im ver­gan­ge­nen Novem­ber war von ihm zu hören: „Wir haben ein rich­ti­ges Mons­ter erschaf­fen“. Die AfD sei eine Art NPD-light, viel­leicht sogar iden­tisch mit der NPD.

Aber dazu spä­ter. Zunächst möchte ich in der Chro­no­lo­gie fort­fah­ren.
Die Ergeb­nisse der nord­rhein-west­fä­li­schen Kom­mu­nal­wah­len am 30. August 2009 bestärk­ten den Trend gegen die SPD. Bei einer Wahl­be­tei­li­gung von 52,4 %, depo­nier­ten noch 29,4% der Wäh­ler ihr Ver­trauen bei der SPD. Sie ver­lor an Pro­zen­ten 2,3, die CDU sogar 4,8 %. Es gewan­nen Grüne 1,6 %, FDP 2,4 % und Linke kam von 1,4% auf 4,4%. Rechte blie­ben alle­samt unter 1%.
Es folgte kurz danach die Bun­des­tags­wahl. Am 27. Sep­tem­ber 2009 rummste es noch ein­mal kräf­tig. Die SPD hatte mehr als die Hälfte der Wäh­ler (Zweit­stim­men 1998: 20.181.269; 2009: 9.990.488) ver­lo­ren. Im Zeit­raum von 1998 bis 2009 war die Wahl­be­tei­li­gung von 82,2% auf 70,8%, um 11.4% gesun­ken.
In abso­lu­ten Zah­len sank die Wahl­be­tei­li­gung von 50 Mio auf 44 Mio. Die SPD hatte mit 10 Mio mehr als die Hälfte ihrer Wäh­ler ver­lo­ren.
Der Umstand, daß die SPD nach den Land­tags­wah­len im Mai 2010 wie­der die Regie­rung stel­len konnte, hat womög­lich ver­ges­sen las­sen, daß auch diese Wah­len wei­tere Ver­luste für die SPD gebracht haben. Aller­dings mußte sich auch die CDU mit ihrem bis­lang schlech­tes­ten Ergeb­nis abfin­den, sie ver­lor mehr als 10%, wäh­rend die SPD nur 1954 mal schlech­ter abge­schnit­ten hatte. Da aller­dings die Grü­nen ein gutes Ergeb­nis hat­ten ein­fah­ren kön­nen, gab es bekannt­lich eine rot-grüne Koali­tion im Lande, die sich 22 Monate lang gefal­len las­sen musste, dass sie von der PDL tole­riert wurde.
Das änderte sich 2012, als SPD und Grüne die Gunst der Stunde und schlechte Umfra­ge­er­geb­nisse für die PDL nutz­ten und nach Auf­lö­sung des Land­tags und fol­gen­den Neu­wah­len die Regie­rung stel­len konn­ten, ohne auf andere ange­wie­sen zu sein. Die PDL ver­lor und kam nicht wie­der in den Land­tag.
Das war im Mai 2012.

Liebe Genos­sin­nen und Genos­sen,
nach Alex­an­der Häus­ler, von dem eine Stu­die des DGB vom März 2016 zur AfD stammt (Redak­ti­ons­schluß Februar 2016) ist die Zustim­mung zur AfD ist ein Resul­tat der Krise poli­ti­scher Reprä­sen­ta­tion: „Durch die Große Koali­tion ver­schwin­den aus Sicht der Wäh­ler unter­schied­li­che Poli­tik­an­ge­bote. Die Folge sind sin­kende Wahl­be­tei­li­gung und Poli­tik­ver­dros­sen­heit. Ver­gleich­bar mit den Erfol­gen ande­rer rechts­po­pu­lis­ti­scher Par­teien in Europa ist der AfD-Zuspruch auch ein Pro­dukt gesell­schaft­li­cher End­so­li­da­ri­sie­rungs­pro­zesse im Kon­text neo­li­be­ra­ler Dere­gu­lie­rung: Rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­teien tre­ten als poli­ti­sche Kri­sen­ge­win­ner auf und insze­nie­ren sich als „Anwälte der klei­nen Leute“: Sie spie­len mit der Angst der unte­ren Mit­tel­schich­ten vor sozia­lem Abstieg und mit Unsi­cher­hei­ten in der Bevöl­ke­rung gegen­über gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen und Umbrü­chen im glo­ba­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus. Sie geben schein­bar ein­fa­che Ant­wor­ten auf kom­plexe Pro­blem­la­gen, indem sie diese in sim­pli­fi­zie­rende und per­so­na­li­sie­rende Feind­bild­kon­struk­tio­nen über­set­zen. Gegen die ‚volks­feind­li­che Poli­ti­kel­ite‘, so der Tenor, müsse ein ‚Auf­stand des Vol­kes‘ ange­zet­telt wer­den, als des­sen ‚Anwälte‘ sich die Rechts­po­pu­lis­ten insze­nie­ren. Dadurch bedient der Rechts­po­pu­lis­mus das Trug­bild einer hei­len natio­na­len Gemein­schaft und ver­kauft sich zugleich als deren Garan­ten. Nach Ansicht von Tho­mas Ass­heuer haben Finanz­krise und Spar­po­li­tik die rechte Sys­tem­kri­tik beflü­gelt:
‹Euro­pas Rechte emp­fängt die poli­tisch Hei­mat­lo­sen mit offe­nen Armen, all die Abge­häng­ten, Ent­täusch­ten und Ver­ängs­tig­ten in den unte­ren Mit­tel­schich­ten, die heute noch einen Job haben, aber ihn schon mor­gen durch die digi­tale Revo­lu­tion ver­lie­ren könn­ten. Die Rechte lockt mit einer ‚Volks­de­mo­kra­tie‘, die gerech­ter sei als die Kampf­ge­sell­schaf­ten der EU, sie bie­tet den Tausch ‚Sicher­heit gegen Frei­heit‘, weil sie weiß, dass die Frei­heit über­all im Kurs gesun­ken ist: Der Neo­li­be­ra­lis­mus ver­mehrte die Eigen­tums­frei­heit der weni­gen und die Unsi­cher­heit der vie­len, und vom ara­bi­schen Frei­heits­auf­stand ist auch nicht viel übrig geblie­ben. Etwas Bes­se­res als die Frei­heit fin­det man über­all.“ Diese poin­tierte Schil­de­rung gilt glei­cher­ma­ßen für den deut­schen Rechts­po­pu­lis­mus: In rechts­po­pu­lis­ti­scher Manier spielt die AfD mit den Ängs­ten der Bür­ger vor poli­ti­scher Unüber­sicht­lich­keit und vor sozia­lem Abstieg.“
Soweit zunächst mal aus der Stu­die von Häusler.

Tat­säch­lich wer­den wir uns mit der Pro­gram­ma­tik der AfD aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, sobald sie vor­liegt. Bis­her gibt es nur unter­schied­li­che Wahl­pro­gramme. Aber Chris­tine hat uns auf der letz­ten KV-Sit­zung schon mal einige Aus­sa­gen der AfD, die Cam­pact gesam­melt hat, zusam­men­ge­stellt.
Sie for­dert dazu auf, auf die Medien ein­zu­wir­ken und in die Pres­se­frei­heit ein­zu­grei­fen, damit alle Eltern sol­len min­des­tens 3 Kin­der bekom­men (Wahl­pro­gramm Ba-Wü.).
Sie wol­len eine Volks­ab­stim­mung über das gene­relle Ver­bot von Abtrei­bun­gen (Frau­en­quo­ten und die Pro­pa­ganda für sexu­elle Min­der­hei­ten wer­den abge­lehnt) (Wahl­pro­gramm Ba-Wü.).
Höcke spricht von der „natür­li­chen Geschlecht­er­ord­nung“.
Sie wol­len den Min­dest­lohn abschaf­fen (Petry + Euro­pa­wahl­pro­gramm), ein Steu­er­mo­dell von Kirch­hoff: Ein­heit­li­cher Steu­er­satz von 25 % ab einem Ein­kom­men von € 20.000,- (Petry + Bun­des­tags­wahl­pro­gramm 2013). Damit wären Pend­ler­pau­schale und steu­er­freie Sonn- und Fei­er­tags­zu­schläge abge­schafft.
Sie reden von Schuss­waf­fen, die gegen Flücht­linge (Män­ner und Frauen) ein­zu­set­zen sind (von Storch), wol­len Lehr­pläne für Schu­len und Hoch­schu­len über­ar­bei­ten: Nicht soviel Unter­richt über die «12 Unglücks­jahre». (Wahl­pro­gramm Sach­sen ‑Anhalt).
Wie ver­lan­gen die Zäh­lung aller Homo­se­xu­el­len im Land. Keine Infor­ma­tion über Sex im
Unter­richt. (Thü­rin­gi­sche Land­tags­frak­tion).
Sie wol­len ver­pflich­tende „Bür­ger­ar­beit“ für Arbeits­lose unter dem Min­dest­lohn – 30 Stun­den für € 1.000,-, aber Hartz IV abschaf­fen. Sie pla­nen dase Wie­der­auf­le­ben der Kern­ener­gie und den Ein­satz der Koh­le­kraft (Wahl­pro­gramm Ba-Wü.). Denn es gebe keine „men­schen­ge­machte Erd­er­wär­mung.» Sie spre­chen von der „CO2“-Lüge.
Ich habe der Pro­gram­ma­tik der AfD außer­dem ent­nom­men, daß sie für die Schul­den­bremse sind, aber auch gegen TTIP.
Womög­lich bekom­men wir noch genaue­ren Auf­schluss über die Ziele der AfD. Auf eins dür­fen wir uns aber ver­las­sen: auf soziale Dem­ago­gie. Sie wer­den uns über ihre sozi­al­re­ak­tio­nä­ren Vor­stel­lun­gen womög­lich zu täu­schen versuchen.

Im Februar hat­ten die Wohl­fahrts­ver­bände vor­ge­rech­net, daß im Ruhr­ge­biet jeder Fünfte arm ist. In Dort­mund fal­len nach ihrer Berech­nung 21,4% unter die Armuts­grenze, in Düs­sel­dorf 16,3%, in Köln 17,5%. Auch hier wächst sie rapide, in den ver­gan­ge­nen sie­ben Jah­ren um ein Drit­tel.
Es gibt gegen­wär­tig noch kein ein­klag­ba­res Recht auf Nah­rung, das sich auf die Men­schen­rechts­kon­ven­tion beru­fen könnte. Denn die sozia­len Men­schen­rechte har­ren noch der Über­nahme durch die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­tion. Aber es gibt mitt­ler­weile 919 Tafeln in Deutsch­land, in denen 60 000 Hel­fer in annä­hernd 3000 Aus­ga­be­stel­len regel­mä­ßig mehr als 1,5 Mil­lio­nen bedürf­tige Per­so­nen mit Lebens­mit­teln ver­sor­gen – knapp ein Drit­tel davon waren im ver­gan­ge­nen Jahr Kin­der und Jugend­li­che. Auf­fäl­lig ist die Ent­wick­lung der Zah­len bei den Rent­nern. Die Menge der Rent­ner, die die Tafeln in Anspruch nimmt, hat sich inner­halb weni­ger Jahre mehr als ver­dop­pelt. Wäh­rend im Jahr 2007 etwa 12 Pro­zent der Tafel-Kun­den im nach­er­werbs­tä­ti­gen Alter waren, ist ihre Zahl laut aktu­el­ler Tafel-Umfrage auf knapp 24 Pro­zent ange­stie­gen. Sie hat sich verdoppelt.

Kürz­lich habe ich hier im Kreis­vor­stand dar­ge­legt, dass es die Ärms­ten sind, die am meis­ten benach­tei­lig­ten Teile der Bevöl­ke­rung in den Städ­ten und Gemein­den, die mit­tels der Kür­zung soge­nann­ter frei­wil­li­ger Leis­tun­gen, zu denen Sozia­les und Kul­tur zäh­len, zur Kasse gebe­ten wer­den. Und sie zah­len für die Kür­zun­gen mit­tels wach­sen­der Miet­ne­ben­kos­ten wie Müll, Gas und Strom. Am 29. März lief auf Arte der Film „Die große Strom­lüge“ (Regie: Cécile Allé­gra und Patrick Dedole, 90 Min, 2016). In den Jah­ren 2006 bis 2013 hat sich der Strom in Europa um durch­schnitt­lich 42 Pro­zent ver­teu­ert. Im Film wird Ener­gie­ar­mut regis­triert und mit­ge­teilt, dass 2014/15 in Europa etwa 40 000 Win­ter­tote zu bekla­gen waren. Sie star­ben, weil sie ihre Strom­rech­nun­gen nicht mehr bezah­len konn­ten.
Die Ärms­ten zah­len für die Kür­zun­gen aber auch mit­tels stei­gen­der Preise bei Bahn und Bus und ande­ren kom­mu­na­len Ein­rich­tun­gen, und falls durch den Finanz­druck kom­mu­nale Betriebe zur Pri­va­ti­sie­rung ver­an­laßt wur­den, zusätz­lich für die fäl­li­gen Gewinne der pri­va­ten Eigentümer.

Liebe Genos­sin­nen und Genos­sen,
der Angriff auf die sozia­len Errun­gen­schaf­ten hat sich ver­schärft und wird gegen­wär­tig beglei­tet durch die zuneh­mende Rechts­ent­wick­lung, die auf auto­ri­täre Herr­schafts­for­men, wenn nicht gar auf Faschis­mus hin­aus­läuft. Wir müs­sen aber den Kampfe gegen Rechts beglei­ten mit einer Bele­bung des Kamp­fes um soziale Recht.
Seit der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rechte vom 10. Dezem­ber 1948 gilt die Arbeit als Men­schen­recht. Nor­miert ist das in Arti­kel 23. Aber wie alle ande­ren sozia­len Men­schen­rechte (Arti­kel 22 bis 26) fehlt es in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­tion, der die Bun­des­re­pu­blik 1953 bei­getre­ten ist. Die sozia­len Men­schen­rechte sind folg­lich noch nicht inner­staat­li­ches Recht.
Es han­delt sich nament­lich um:
das Recht auf soziale Sicher­heit,
Recht auf Arbeit, auf freie Berufs­wahl, auf gerechte und befrie­di­gende Arbeits­be­din­gun­gen sowie auf Schutz vor Arbeits­lo­sig­keit
das Recht auf glei­chen Lohn für glei­che Arbeit
das Recht auf Nah­rung, Klei­dung, Woh­nung, ärzt­li­che Ver­sor­gung
das Recht auf Bildung.

Die wach­sende Armut auch in Köln, ebenso wie die Lage der Flücht­linge stößt uns drauf: Die Kri­sen­si­tua­tion setzt den Kampf um die Befrie­di­gung der ele­men­tars­ten Lebens­be­dürf­nisse auf die Tages­ord­nung. Hier bie­tet sich größte Chance, die Men­schen gegen die Wid­rig­kei­ten eines Wirt­schafts­sys­tems, das allein dem Pro­fit dient, zu einen. Es geht um bezahl­bare Woh­nun­gen, um Bil­dung, um Nah­rung, um Men­schen­würde, nicht zuletzt durch Arbeit – alles das kann der Kapi­ta­lis­mus nicht mehr garan­tie­ren.
Der Kampf um soziale Rechte wird beglei­tet vom Kampf um demo­kra­ti­sche Rechte. Wie in den Jah­ren 1997 und 1998 ist eine Bewe­gung nötig, die soziale Rechte einfordert.

Klaus, 19. April 2016

Das Refe­rat als pdf