Bir­likte – Zusam­men­ste­hen gegen faschis­ti­schen Terror

Diskussion: »Die dunkle Seite des Anschlags der Nagelbombe«. Im Podium: Rainer Nübel (Journalist, Co-Autor des Buches »Geheimsache NSU«) Oliver Köhler (Journalist, WDR), Moderator, Ali Demir (Heimat für alle), Yavuz Narin ( Nebenklägeranwalt im NSU-Prozess) und Thomas Moser (Journalist, Co-Autor des Buches »Geheimsache NSU«)
Diskussion: »Die dunkle Seite des Anschlags der Nagelbombe«. Im Podium: Rainer Nübel (Journalist, Co-Autor des Buches »Geheimsache NSU«) Oliver Köhler (Journalist, WDR), Moderator, Ali Demir (Heimat für alle), Yavuz Narin ( Nebenklägeranwalt im NSU-Prozess) und Thomas Moser (Journalist, Co-Autor des Buches »Geheimsache NSU«)

»Im Extrem­fall gerinnt die Angst vor dem Frem­den zu Gewalt und Ter­ror.« (Kai Pfundt in einem Kom­men­tar zum »Birlikte«-Festival in der Köl­ni­schen Rund­schau am Tage nach der Veranstaltung)

Gerin­nung? Haben wir es bei faschis­ti­schem Ter­ror des NSU mit einem unauf­halt­sa­men natür­li­chen Gerin­nungs­pro­zess zu tun oder kann er gestoppt, gehemmt oder gar geför­dert wer­den? In wel­cher Weise Ver­fas­sungs­schutz­äm­ter bei der Orga­ni­sie­rung des rech­ten Ter­rors behilf­lich waren und die Ter­ro­ris­ten vor dem Zugriff der Poli­zei geschützt haben – diese Fra­gen wur­den im Unter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­tags zum NSU gestellt, aber unzu­läng­lich beant­wor­tet. Warum sind ganze Kon­vo­lute von Akten auf Anwei­sung geschred­dert wor­den? Warum kön­nen die Anlei­ter von V‑Leuten nicht befragt wer­den? Diese Fra­gen wer­den immer drän­gen­der gestellt. Auch zu Pfings­ten auf der Keupstraße.

Die Rechts­an­wälte der Neben­klä­ger im Münch­ner NSU-Pro­zess sind bemüht, den gan­zen Umfang der Taten zu ermit­teln, die Beschrän­kung der Anklage auf einen klei­nen Kreis von Tätern zu durch­bre­chen. In eini­gen Land­ta­gen wer­den gegen­wär­tig neue Unter­su­chungs­aus­schüsse ein­ge­rich­tet, die sich mit den Taten und Unter­las­sun­gen ihrer Lan­des­äm­ter für Ver­fas­sungs­schutz befas­sen wer­den. Da sind viele Fra­gen zu klären.

Aber es gibt wei­tere: Am 9. Juni 2004 explo­dierte um 15.56 Uhr in der Keup­straße die Bombe. Um 17.09 Uhr mel­dete das LKA an das Düs­sel­dor­fer Innen­mi­nis­te­rium: Der Anschlag sei als »ter­ro­ris­ti­sche Gewalt­kri­mi­na­li­tät« ein­zu­stu­fen. Aber kurz vor 18.00 Uhr berich­tet dpa das Gegen­teil. Schon der zweite Satz behaup­tet: Es gebe »der­zeit keine Anzei­chen für einen ter­ro­ris­ti­schen Hintergrund«.

Nach­dem näm­lich um 17.25 Uhr das Lage­zen­trum NRW-Innen­mi­nis­ter Fritz Beh­rens erreicht hatte, wies das Innen­mi­nis­te­rium das Lan­des­kri­mi­nal­amt nur 11 Minu­ten spä­ter, um 17.36 Uhr, an, aus dem Schrift­ver­kehr den Begriff »ter­ro­ris­ti­scher Anschlag« zu streichen.

Das war kein Lap­sus. Am Fol­ge­tag ver­kün­det Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Otto Schily: »Die Erkennt­nisse, die unsere Sicher­heits­be­hör­den bis­her gewon­nen haben, deu­ten nicht auf einen ter­ro­ris­ti­schen Hin­ter­grund, son­dern auf ein kri­mi­nel­les Milieu.«

So etwas hat die Qua­li­tät einer Anwei­sung. Die Anschlags­op­fer der Keup­straße haben es zu spü­ren bekommen.

Klaus-Die­ter Frit­sche, damals Staats­se­kre­tär im Bun­des­in­nen­mi­nis­te­rium, dozierte im Okto­ber 2012 gegen­über dem NSU-Unter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges, wie Par­la­ment und Medien mit Akten umzu­ge­hen hät­ten und warum der Aus­schuss kei­nes­wegs alle Doku­mente erhal­ten dürfe. Er beklagte »Durch­ste­che­reien« der Presse, warb für das V‑Leute-Sys­tem und begrün­dete seine feste Absicht, Staats­ge­heim­nisse zu wah­ren, die sonst die Arbeit der Regie­rung unter­mi­nie­ren könn­ten. So ein Mann macht Karriere.

Diskussions-Podium.
Links Mitat Özdemir (Ehrenvorsitzender IG Keupstraße), Mitte: Alexander Hoffmann, rechts Stefan - Rechtsanwälte von Nebenklägern im NSU-Prozess.

In der gegen­wär­ti­gen Bun­des­re­gie­rung übt er das Amt des Geheim­dienst­ko­or­di­na­tors aus.

Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Das Bir­likte-Fest zu Pfings­ten hat dazu bei­getra­gen, Frem­den­angst zu ver­rin­gern. Aber soll­ten die bür­ger­li­chen Orga­ni­sa­to­ren, zu denen auch der STERN gehörte (Gru­ner & Jahr, zu 75% in Eigen­tum von Ber­tels­mann) beab­sich­tigt haben, die Fra­gen nach den staat­li­chen Hel­fern des NSU und dem hel­fen­den Staat zu ver­ne­beln – und vie­les deu­tet auf eine der­ar­tige Absicht – dann sind sie geschei­tert. Denn diese Fra­gen wur­den immer wie­der und laut gestellt. Es fiel schon das Wort vom »tie­fen Staat«.

Inso­fern dürfte die bibli­sche Apos­tel­ge­schichte über das Pfingst­wun­der (»Da kam plötz­lich vom Him­mel her ein Brau­sen, wie wenn ein hef­ti­ger Sturm daher­fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren.«) nicht den plötz­li­chen Abbruch des Fes­tes um 20.15 Uhr beschrei­ben, son­dern den poli­ti­schen Sturm, der noch zu erwar­ten ist.